Kapitalmarkt - Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud sieht den Dax am Jahresende bei 14 0000 Punkten „Aktien haben inzwischen viel Positives vorweggenommen“

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Michael Roth
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Gertrud Traud ist Chefvolkswirtin der Helaba in Frankfurt. © Helaba

Bergstraße. Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba in Frankfurt, gibt üblicherweise zum Jahresanfang bei der Sparkasse in Bensheim einen Überblick über Konjunktur- und Kapitalmarktaussichten. Diesmal fand die Veranstaltung digital statt. Ebenso wie das nachfolgende Interview.

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Der Börse scheint Corona und die wirtschaftlichen Folgen seit Monaten nicht viel auszumachen, warum ist das so?

Gertrud Traud: Zum einen erholt sich trotz Corona das Verarbeitende Gewerbe weltweit. Zum anderen begünstigt die Mischung aus riesigen Konjunkturprogrammen und einer extrem lockeren Geldpolitik Aktien.

Der Dax ist auf Rekordkurs, wo sehen Sie den Index zum Jahresende und warum?

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Traud: Aktien haben inzwischen viel Positives vorweggenommen. Wir erwarten den Dax zum Jahresende bei rund 14 000 Punkten. Zwischenzeitlich kann der Mangel an Anlagealternativen den Dax durchaus in den Bereich um 14 500 Punkten heben.

Wie entwickelt sich die Konjunktur im Vergleich dazu?

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Traud: Traditionell läuft die Börse der Konjunktur rund ein halbes Jahr voraus. Für das erste Quartal rechnen wir in Deutschland noch mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von knapp einem Prozent. Ab dem zweiten Quartal ist ein dynamischer Aufschwung sehr wahrscheinlich. Für das Gesamtjahr 2021 erwarten wir ein Wachstum von 3,7 Prozent.

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Soll man bei Höchstständen und unsicheren Aussichten über den weiteren Verlauf der Pandemie überhaupt derzeit in Aktien investieren?

Traud: Gerade für den langfristigen Vermögensaufbau führt an Aktien kein Weg vorbei. Wer die Rally an den Aktienmärkten allerdings bislang verpasst hat, sollte jetzt nicht um jeden Preis einsteigen. Besser ist es, mögliche Schwächephasen abzuwarten oder in mehreren Schritten Aktienpositionen aufzubauen.

Die Aktien von Impfstoffherstellern wie Biontech und Curevac sind für viele Anleger interessant geworden, sind die aber heute schon nicht zu teuer?

Traud: Zu Einzelaktien darf ich keine Aussagen machen. Allerdings sind grundsätzlich Sektoren attraktiv, die von Megatrends profitieren. Dazu gehört seit Jahren schon der Gesundheits- und Pharmasektor. Auch wenn diese Branchen langfristig interessant sind, muss man beachten, dass die Volatilität gerade bei solchen Teilbereichen höher ist als im Gesamtmarkt.

Junge Menschen scheinen die Börse zu entdecken. Was halten sie von Robin Hood und von den Ereignissen im Zusammenhang mit Gamestop und Hedgefondsattacken?

Traud: Gerade für junge Menschen ist eine Anlage in Aktien besonders gut geeignet. Sie haben einen sehr langen Anlagehorizont. Damit können sie einerseits von den langfristig höheren Renditechancen profitieren, haben anderseits aber auch die Zeit, zwischenzeitliche Kursrückgänge auszusitzen. Allerdings empfehle ich, Aktien als Investment zu verstehen und nicht als „Zockerei“. Das kann nämlich schnell nach hinten losgehen.

Kryptowährungen stehen im Fokus. Teilweise kometenhafte Anstiege wecken das Interesse von Anlegern. Was halten Sie davon?

Traud: Nachdem Tesla kürzlich angekündigt hatte, Kryptowährungen in seinem Netzwerk zu akzeptieren, gibt es immer mehr Unternehmen, die sich anschließen. Allerdings ist es noch keine ausgemachte Sache, dass Bitcoin irgendwann ein „echtes“ Zahlungsmittel werden wird. Auch die anderen Funktionen von Geld, nämlich Recheneinheit und Wertaufbewahrung werden noch nicht vollständig erfüllt. Insbesondere die langfristige Perspektive ist unseres Erachtens bei Bitcoin fragwürdig, besitzt das Kryptoasset doch keinerlei inneren Wert und ist nicht mit dem Wirtschaftssystem verbunden.

Der enorme Ressourcenverbrauch bei der Erzeugung und der Verrechnung der Transaktionen lassen einen Allgemeingebrauch von Bitcoin unwahrscheinlich erscheinen. Darüber hinaus bestehen regulatorische Risiken und Zentralbanken arbeiten an eigenen digitalen Währungen, was den bisherigen Kryptowährungen zu schaffen machen dürfte. So behalten Kryptowährungen weiterhin ein hohes Risiko mit hoher Volatilität und dienen eher der Spekulation als der Wertanlage.

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