Virus - Robert Koch-Institut schlägt Alarm / Schon jede sechste Infektion in Deutschland geht auf hoch ansteckende britische Mutation zurück „Corona ist gefährlicher geworden“

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Alessandro Peduto, Theresa Martus, Laura Réthy
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RKI-Präsident Lothar Wieler warnt vor der weiteren Ausbreitung der britischen Corona-Mutante. © dpa

Berlin. Eigentlich ist der Pandemie-Himmel in Deutschland gerade ein wenig aufgeklart: Die Infektionszahlen in der Fläche gehen seit geraumer Zeit zurück, die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz, also die Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner, lag am Freitag bei 79,9. Das war der niedrigste Wert seit Monaten. Die Infektionszahlen geben Anlass zur Hoffnung, auch wenn zugleich die Zahl der verstorbenen Corona-Infizierten die traurige Marke von 60 597 überschritten hat.

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Und eine weitere düstere Wolke zieht herauf: Deutlich ansteckendere Corona-Mutationen drohen die Erfolge der Pandemiebekämpfung zunichte zu machen. In Ländern wie Großbritannien, Irland und Portugal grassiert die Variante B.1.1.7 und hat die Ansteckungszahlen explodieren lassen. Auch in Deutschland sind Fälle bereits nachgewiesen, die Sorge vor einer massenhaften Ausbreitung ist groß. Die neue Gefahr dürfte auch ein zentraler Punkt bei den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch werden, wenn es um mögliche Lockerungen geht. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie stark haben sich die Mutationen bei uns ausgebreitet?

In Deutschland sind nach neuen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) seit November in 14 der 16 Bundesländer insgesamt 168 Infektionen mit der in Großbritannien vorherrschenden Variante nachgewiesen worden. Ausnahmen sind Sachsen-Anhalt und das Saarland. Von der in Südafrika vorherrschenden Variante B.1.351 wurden 27 Fälle in sieben Bundesländern festgestellt. Anders als in anderen Staaten dominieren die Mutationen noch nicht das Infektionsgeschehen in Deutschland. RKI-Chef Lothar Wieler sagte am Freitag, der Anteil der vor allem in Großbritannien vorherrschenden Variante liege gegenwärtig bei etwas weniger als sechs Prozent. Ihr Anteil dürfte sich aber weiter erhöhen. Grundlage der jüngsten Erhebung ist die gentechnische Sequenzierung von rund 30 000 Corona-Tests.

Insgesamt sei das Virus gefährlicher geworden, sagte Wieler: „Das Virus ist noch nicht müde, im Gegenteil, es hat gerade noch mal einen Boost bekommen.“ Die Situation sei noch lange nicht unter Kontrolle, „Sars-CoV-2 ist gefährlicher geworden“. Deshalb müsse die Ausbreitung der Mutation verhindert werden. Denn wenn diese Variante mehr Menschen anstecke, führe dies zu mehr schweren Erkrankungen und in der Folge zu mehr Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen.

Können die Mutationen den Impferfolg beeinflussen?

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Wissenschaftler sehen derzeit noch keinen Grund zur Sorge. „Als Immunologe bin ich noch entspannt“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, unserer Redaktion. „Die britische Mutante mag zwar ansteckender sein, aber in Studien konnte man zeigen, dass zum Beispiel die Impfstoffe von Biontech oder Moderna nahezu genauso gut wirken wie bei der ursprünglichen Variante“, erklärte Watzl. Laut neuen Tests der Universität Oxford ist auch der Impfstoff von Astrazeneca gegen die in Großbritannien entdeckte Sars-CoV-2-Variante wirksam. Die Universität war an der Entwicklung des Vakzins beteiligt.

Droht wegen der Mutationen ein verlängerter Lockdown?

Dies wird ein entscheidender Punkt bei den anstehenden Gesprächen von Bund und Ländern. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) riet am Freitag zu Lockerungen mit Augenmaß. „Wenn wir diesen Mutationen die Möglichkeit zur Ausbreitung geben würden, riskierten wir einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen“, sagte Spahn. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betonte mit Blick auf die Corona-Varianten, aus seiner Sicht sei „eine deutliche Lockerung am 14. Februar schlicht viel zu gefährlich“. Das Ziel müsse sein, auf weniger als 25 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner zu kommen und einen Reproduktionswert von unter 0,7 zu erreichen, sagte er unserer Redaktion. Dadurch könne man erreichen, dass die Standardvariante des Virus weiter zurückgehe „und gleichzeitig die Mutationen sich nicht exponentiell ausbreiten“.

Was bedeuten die Mutationen für Schulöffnungen?

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Erklärtes Ziel der Politik ist es, als erste Lockerung der Maßnahmen Schulen und Kitas wieder schrittweise zu öffnen. Doch die Mutation macht die Lage unberechenbar. Lauterbach sprach sich trotz der Gefahr durch Mutationen dafür aus, „in der Grundschule zum Wechselunterricht überzugehen“ und „die Grundschullehrer bevorzugt zu impfen“. In Schulklassen sollten zudem Antigentests zum Schutz von Lehrern, Kindern und Eltern vorgenommen werden. Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) plädierte für den Fall weiter sinkender Infektionszahlen für schrittweise Schulöffnungen noch im Februar mit umfassenden Testungen.

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Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung warnte dagegen im „Spiegel“ davor, die mutierten Virusvarianten zu unterschätzen und mit einer zu frühen Öffnung einer neuen Welle den Weg zu bereiten. Kurzfristig müssten die Schulen geschlossen bleiben, „sonst kriegen wir sie wegen der ansteckenderen Varianten sehr, sehr lange nicht mehr geöffnet“.