Pandemie - In den hessischen Impfzentren werden derzeit noch Angehörige der bisherigen Priorisierungsgruppen immunisiert

Großer Ansturm auf Arztpraxen

Von 
Carolin Eckenfels
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Nach der Aufhebung der festen Impfreihenfolge registrierten sich 144 000 Menschen für einen Piks. © Sven Hoppe/dpa

Wiesbaden. Begehrter Piks: Das Interesse der Hessinnen und Hessen an einer Corona-Schutzimpfung reißt nicht ab. Seit dem Ende der Priorisierung am 7. Juni haben sich mehr als 144 000 Menschen im Land für eine Spritze gegen das Virus in einem der 28 hessischen Impfzentren registriert, wie das Innenministerium in Wiesbaden mitteilte. Die Aufhebung der festen Impfreihenfolge machte sich dort allerdings noch nicht bemerkbar, bei den Hausärzten dagegen schon.

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Dass sich nun insbesondere alle Hessen ab 16 Jahren impfen lassen können, habe in den Zentren zunächst keinen größeren Andrang zur Folge gehabt, sagte ein Ministeriumssprecher. Denn viele Termine müssten erst noch vergeben werden, was sich nach der Menge der verfügbaren Impfstoffe richte. Zuerst sollen zudem jene rund 433 000 Personen an die Reihe kommen, die sich als Angehörige der bisherigen Priorisierungsgruppen bereits registriert hatten, aber noch auf ihren Termin warten.

Deutlich mehr zu tun als im April

Fast 20 Prozent der 18- bis 59-Jährigen sind vollständig geimpft

Seit Beginn der Impfkampagne sind in Hessen nach Angaben des Robert Koch-Instituts fast 4,3 Millionen Dosen gegen das Coronavirus verabreicht worden.

Knapp drei Millionen Menschen haben mindestens eine Injektion erhalten. Vollständig geimpft sind fast 1,4 Millionen Menschen (Stand bis einschließlich 10. Juni).

Das betrifft insbesondere die Älteren: Bei den Menschen über 60 lag die Quote für vollständige Impfungen bei 41,6, bei den 18- bis 59-Jährigen bei 19,3 Prozent.

Mindestens einmal geimpft sind bislang 79,7 Prozent der über 60-Jährigen sowie 43,6 Prozent der Hessinnen und Hessen zwischen 18 und 59 Jahren. lhe

Entsprechend hieß es etwa aus dem Impfzentrum in Marburg: „Wir gehen davon aus, dass wir den Effekt durch die Aufhebung der Impfreihenfolge erst später spüren werden“, sagte ein Sprecher des Kreises Marburg-Biedenkopf. Es komme auf die Terminvergabe-Praxis an, auf die man keinen Einfluss habe.

Ruhig und geschäftsmäßig ging es am Donnerstagabend im Offenbacher Impfzentrum zu: Es sei deutlich mehr zu tun als noch im April, berichteten Mitarbeiter, doch auf Volllast fahre das Zentrum noch nicht. Dafür gebe es nicht genug Impfstoff. Hauptsächlich seien hier derzeit Zweitimpfungen an der Reihe. Die Priorisierung, durch die bestimmte Gruppen bevorzugt an die Reihe gekommen waren, gilt seit Montag nicht mehr. Das betrifft nicht nur die Impfungen in den Zentren, sondern auch bei den Haus-, Fach- oder Betriebsärzten.

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Die Aufhebung spüren gerade die Allgemeinmediziner. Diese habe sich „insofern bemerkbar gemacht, dass die Menge an Impfwilligen noch zugenommen hat“, sagte Armin Beck, der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Hessen. „Es gab mehr Kommunikation für die Praxen, also mehr Anrufe, mehr Wünsche.“ Mehr Impfstoff habe es nicht gegeben, weil dieser im Voraus bestellt werden müsse. „Damit war die Option, mehr zu impfen, einfach gar nicht vorhanden. Das war in der Kürze der Zeit nicht planbar“, erklärte Beck.

Während die Betriebsärzte erst seit dieser Woche mitimpfen, sind die Hausärzte bereits seit April dabei. Seitdem gebe es einen „Run auf die Praxen“, so Beck. „Ich habe gedacht, das kann sich gar nicht steigern, aber es ist dann nach Ende der Priorisierung doch so gewesen.“ Der Aufwand sei immens. „Es gab am Beginn auch Kollegen, die organisatorisch das Handtuch geschmissen haben. Das sind wenige, aber die gibt es. Der Rest hat eine Lösung für sich gefunden, wie sie das Impfen in den Praxisablauf unterbringen.“ Bislang sind in den Haus- und Facharztpraxen des Bundeslandes nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen mehr als 1,2 Millionen Corona-Impfungen durchgeführt worden. Rund zwei Drittel dieser Praxen beteiligen sich demnach bisher an der Kampagne.

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„Sehr munterer Tourismus“

Auch der Wiesbadener Arzt Christian Sommerbrodt macht mit. Die Praxis hat bislang etwa 2500 Dosen verabreicht. Natürlich sei das eine Herausforderung, gerade auch der Umgang mit den Präparaten. Dennoch ließen sich die Impfungen in den Praxisablauf integrieren. Sommerbrodt berichtete zudem von „einem sehr munteren Tourismus“. Denn nicht nur eigene Patienten meldeten sich, sondern auch Impfwillige „von Berlin bis München“.

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Aus Hausärzte-Sicht braucht es mehr Anerkennung, auch seitens der Politik: „Der administrative Aufwand ist riesengroß. Daher würden wir uns wünschen, dass da vielleicht ein Dank an die Helferinnen, an das Praxispersonal kommt, die das organisieren und wuppen“, sagte der Vorsitzende Beck. lhe