Wegzeichen - Gedanken über die Frage, wo und wie Gott wohl lebt ? Wie Menschen denken, so wohnen sie

Von 
Markus Bissinger
Lesedauer: 
Gott wohnt in einem Zelt. Künstlerin Irmintraud Teuwisse-Eckard, die auch den Bensheimer Pilgerweg gestaltete, malt Gottes Wohnung als grünes Dreieck, das den Menschen Hoffnung gibt. Gott will sich nach ihrer Überzeugung nicht festmachen lassen, sondern immer unterwegs mit den Menschen sein. Er selbst zeigt sich klein am Grund des Zeltes und nimmt von dort immer mehr Raum ein. © Bissinger

„Zeige mir, wie du wohnst, und ich sage dir, worauf du Wert legst“, bringt es der deutsche Philosoph Carl Peter Fröhling auf den Punkt. Eine Wohnung bringt zum Ausdruck, was sich hinter einem Menschen verbirgt. „Wohnen“ steht von seiner Wortherkunft für nichts anderes als „zufrieden zu sein“ oder zu „bleiben“. Es ist Ausdruck für das eigentliche „Sein“.

Intimer Schutzraum

AdUnit urban-intext1

In manchen Sprachen wird zwischen „wohnen“ und „leben“ nicht unterschieden. Beides heißt zum Beispiel im Englischen „to live“. Die Wohnung ist der Ort, an dem ich lebe, verwurzelt bin und Heimat empfinde. Offiziell werden dem Wohnen eher Funktionen zugeordnet: Hier führt der Mensch seinen Haushalt, hier befinden sich seine persönlichen Dinge, hier pflegt er Gemeinschaft mit seinen vertrautesten Personen. Die Wohnung gilt vom Gesetz her als privater und intimer Schutzraum.

„Wo wohnt Gott?“ Es ist eine der zentralen Fragen, die das Alte Testament der Bibel stellt und die bis heute immer wieder aus Kindermund an die Erwachsenen gerichtet wird. Das Volk Israel versuchte die Frage für sich auf unterschiedliche Weise zu beantworten. Sie wollten Gott einen festen „Wohnraum“ errichten und bauten ihm einen Tempel, um seine Gegenwart mitten unter sich zu haben – aber das dadurch erhoffte Glück stellt sich nicht ein.

Glaube aus der Begegnung

In den Berufungsgeschichten der Bibel wird der spätere Jünger Andreas zusammen mit einer unbekannten Person von Jesus mit der Frage angesprochen: „Was sucht ihr?“ Beide antworten mit der Gegenfrage „Wo wohnst du?“ Sie wollen mehr von Jesus wissen. Wie er wohnt, zeigt auch, wie er lebt und wer er ist. Jesus antwortet: „Kommt und seht.“ Er ermöglicht den Fragenden, ihnen einen Tag zu begleiten. Indem sie ihm „beiwohnen“, können sie ihm begegnen und damit eine Beziehung aufbauen. Sie finden Sinn im Leben, aus der Begegnung ergibt sich Glauben und Nachfolge.

AdUnit urban-intext2

Der Hauptmann von Kafarnaum erkennt, dass es nicht nur wichtig ist, zu erfahren, wie Jesus lebt und wohnt: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Er erkennt auch:

Ich muss meine Türen öffnen und zu einem einladenden Haus werden. Lasse ich Gott in meine Wohnung, dann geht es meiner Seele gut. Und später heißt es, „im Hause Gottes gibt es viele Wohnungen“. Ein deutsches Sprichwort verweist darauf, dass Wohnen in diesem Sinne ausstrahlt: „Es ist gut wohnen, wo fromme Leute sind.“

AdUnit urban-intext3

Wo man sich getrost niederlassen kann, zeigt sich nicht nur im Inneren, meist lässt es sich bereits auch von Außen erkennen.

Gepflegtes Äußeres

AdUnit urban-intext4

Johann Gottfried von Herder, Theologe und Kulturphilosoph, bringt es damit zum Ausdruck: „Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie.“

Auf einen Prachtbau oder ein gepflegtes Äußeres kommt es dabei nicht an. Auch die bescheidenste „Hütte“ kann einladend sein, bedeutender sind die Menschen, die darin leben, einladen und anderen zeigen, was sie in Wirklichkeit sind.

Freie Autorenschaft Rubrik "Wegzeichen" in der Wochenendbeilage. Berichte zu den Themen Soziales, Gesellschaft und Kirche.