Das geistliche Wort

Von Liebe und Loslassen

Gedanken über das Abschiednehmen

Von 
Jutta Grimm-Helbig
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Morgen, am Ewigkeits- oder Totensonntag, gedenken viele Menschen ihrer verstorbenen Angehörigen. Vielleicht mussten auch Sie in diesem Jahr Abschied nehmen von einem geliebten Menschen. Das ist eine der größten Herausforderungen, vor die uns das Leben stellt. Und doch bleibt sie niemandem von uns erspart. Wir würden so gerne festhalten, die wir lieben. Aber das geht nicht. Zur Liebe gehört das Loslassen dazu.

Das fällt uns leichter, wenn dem Tod eines geliebten Menschen eine längere Krankheit vorangegangen ist oder wenn dieser Mensch alt und vom Leben gesättigt sterben darf. Dann spüren wir, dass der Tod auch barmherzig, eine Erlösung sein kann.

Grausam und ungerecht

Jutta Grimm-Helbig. © Kirche

Was aber, wenn er unvorbereitet in unser Leben einbricht, wenn er Menschen viel zu früh mitten aus dem Leben reißt – durch einen Unfall, eine Krankheit; wenn gar ein Kind sterben muss? Da erscheint uns dieser Tod grausam und ungerecht. Fassungslos stehen wir dann am Grab, voller Fragen, auf die wir keine Antwort finden, voller Schmerz, voller Verzweiflung und Trauer. Uns fehlen die Worte zum Beten, die Kraft zum Hoffen. Um uns dreht die Welt sich wie gewohnt weiter, aber das berührt uns nicht. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Das Leben um uns wirkt unwirklich.

Wir sehnen uns nach diesem einen Menschen, seiner Stimme, seiner Berührung, dem Duft seiner Haut, seinem Lachen, seiner Zärtlichkeit. Diese Sehnsucht ist es, die die Trauer so schwer, so schmerzhaft macht.

Gewissheit in leidvollen Zeiten

Der Theologe Johann Albrecht Bengel (1856 bis 1912), von dessen zwölf Kindern nur sechs das Erwachsenenalter erreichten, hielt sich an der Gewissheit fest, dass Gott uns auch in diesen leidvollen Zeiten nicht alleine lässt, selbst dann nicht, wenn er uns selbst darin sehr fern erscheint. Bengel schreibt:

„Gott hilft uns nicht immer am Leiden vorbei, aber er hilft uns hindurch.“

Darauf vertraue ich – und Sie dürfen das ebenfalls, so schwer das oft auch sein mag. Gott behüte Sie.