Geschichte - Bei den Erdarbeiten im letzten Abschnitt der B 3-Erneuerung stießen die Bauarbeiter auf zentnerschwere Sandsteinblöcke / Ein Wiederaufbau ist ausgeschlossen Überreste des Ludwigsbrunnens ausgegraben

Von 
Michael Ränker
Lesedauer: 
So hat der Kunstmaler Jan Sesták den Ludwigsbrunnen, der bis zur Verbreiterung der B 3 in den Jahren 1968/69 im Abschnitt Darmstädter Straße, Hausnummer 16 stand, im Bild festgehalten – als Vorlage diente ihm eine Fotografie. © Jan Sesták

Zwingenberg. Wolf-Dietrich Riebel, ehemaliger Kommunalpolitiker und langjähriger Geschichtsvereinsvorsitzender, hat in ihm als Kind gebadet – und Dieter Kühne, vor vielen Jahren ebenfalls Kommunalpolitiker in Zwingenberg, hat dort Schiffe versenken gespielt, wie er Rathauschef Holger Habich jetzt berichtete. Die Rede ist vom sogenannten Ludwigsbrunnen, dessen Überreste bei der Erneuerung der Bundesstraße 3 im wahren Sinne des Wortes „zu Tage gefördert“ wurden:

AdUnit urban-intext1

Bei den Erdarbeiten zur letzten Baustellen-Etappe stieß das Team der Firma Strabag in Höhe des Anwesens Darmstädter Straße 16 – der früheren Arztpraxis Büchler, jetzt Praxis Breitenfeld/Ehnes/Wirges - auf mächtige Sandsteinblöcke, die geborgen und am Rand der Baustelle abgelegt wurden. Die behauenen Steine erregten umgehend das Interesse von Passanten, Fotos von den zentnerschweren Relikten wurden flugs per Facebook ausgetauscht und kommentiert.

Ersten Erinnerungen zufolge sei gegenüber der Arztpraxis, wo bis vor einigen Jahren Peter-Philip Nickel mit seiner Familie einen Obst- und Gemüsehandel sowie ein Blumengeschäft betrieben hat – ein Bach geflossen. Die Schlussfolgerung: Die Sandsteine könnten von einem Brückenbogen stammen, der unweit vom „Blumen-Peter“ gestanden haben könnte.

Kein Brückenbogen

Eine andere Vermutung indessen kam der Sache schon näher: Es müsse sich wohl um die Überreste eines Brunnens handeln. Und in der Tat: Mittlerweile besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass es sich um den Ludwigsbrunnen handelt, wie auch eine Fotografie belegt, die mutmaßlich in den 1960er-Jahren entstanden ist. Denn wie sich Dieter Kühne im Kontakt mit Rathauschef Habich erinnerte, fiel der Ludwigsbrunnen in den Jahren 1968/69 der Verbreiterung der Bundesstraße 3 zum Opfer. Die Sandsteinquader und –platten wurden kurzerhand zum Auffüllen der Trasse verwendet – und „erblickten“ nach rund fünf Jahrzehnten „unter Tage“ nun wieder „das Licht der Welt“.

AdUnit urban-intext2

Nachdem am Montag dieser Woche die Winterpause auf der Baustelle beendet wurde, sollen die Brunnen-Reste in diesen Tagen auf dem Gelände des ehemaligen Zwingenberger Bauhofs an der Wiesenstraße „gesichert“ worden, wie Willi Hechler – B3-Projektleiter in Diensten der Stadt Zwingenberg – jetzt am Rande der Video-Schalte mit den Gewerbetreibenden (wir haben berichtet) erläuterte. Das Bauhof-Areal dient der Firma Strabag während der B3-Erneuerung als Standort, da lag es nahe, die Sandsteine zunächst dort einzulagern.

Weitere Verwendung noch unklar

Über die weitere Verwendung ist noch keine abschließende Entscheidung gefällt worden – Willi Hechler und Bürgermeister Holger Habich ließen jedoch durchblicken, dass man im Bauamt bereit erste Überlegungen angestellt habe: Eventuell könnten die Sandsteine an anderer Stelle – für jedermann sichtbar im Stadtbild – eingesetzt werden… Eines gilt nach Aussage von Habich als sicher: „Den Ludwigsbrunnen wieder aufzubauen, das übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Stadt.“ Ganz abgesehen davon: Wo dereinst die Brunnenanlage stand, da befindet sich heute der Parkplatz der Arztpraxis. Man fühle sich jedoch – nicht zuletzt als Mitglied im Netzwerk der lebenswerten Städte Cittaslow – dem „historischen Erbe“ verpflichtet, so Habich: „Wir werden schauen, was wir aus den Sandsteinen machen können.“

AdUnit urban-intext3

In den einschlägigen Nachschlagewerken zur Geschichte des ältesten Bergstraßenstädtchens ist ersten Recherchen zufolge übrigens nichts über den Ludwigsbrunnen, seine Entstehungszeit oder seinen Namensgeber zu finden. Weder in der 1974 zum 700. Stadtrechtsjubiläum erschienen Chronik wird vom Ludwigsbrunnen berichtet, noch gibt es in den beiden zahlreich illustrierten Bänden „Zwingenberg an der Bergstraße – Bilder, Geschichten und Berichte aus vergangenen Tagen“ eine Abbildung.

Gemälde nach Foto-Vorlage

AdUnit urban-intext4

Die als Illustration zu dieser Berichterstattung verwendete Ansicht des Ludwigsbrunnens hat der einige Jahre lang in Zwingenberg lebende und kürzlich verstorbene Kunstmaler Jan Sesták angefertigt. Als Vorlage diente eine Fotografie. Das Gemälde-Motiv wurde uns freundlicherweise von dem Zwingenberger Arzt Hans-Hennig Büchler überlassen. Büchler ist Sohn des Mediziners Harry Büchler, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Nachbarschaft zum Ludwigsbrunnen an der Darmstädter Straße 16 eine Hausarztpraxis etablierte.

Redaktion