Theater Mobile

Musik aus der stillen Zeit im Mobile in Zwingenberg

Sängerin Sandie Wollasch und der Gitarrist Matthias Hautsch waren im ältesten Bergstraßen-Städtchen zu Gast.

Von 
Thomas Tritsch
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Mit „The Simple Life“ präsentierten Sandie Wollasch und Matthias Hautsch eigenen Kompositionen und Klassiker der Rockgeschichte. © Thorsten Gutschalk

Zwingenberg. Das Album „The Simple Life“ entstand während der „stillen Zeit“ der Pandemie und widmet sich zu einem großen Teil den elementaren Werten des Lebens. Auf der 2021 veröffentlichten Kollektion vereinen die Sängerin Sandie Wollasch und der Gitarrist Matthias Hautsch vier Eigenkompositionen mit Stücken des britischen Musikers Freddie Mercury, der genau 30 Jahre vor Erscheinen des Albums verstorben war.

Auf der Bühne wirken die Songs kaum weniger voluminös und tiefgehend, ohne eine filigrane Struktur vermissen zu lassen. Im Theater Mobile hat das Duo am Samstag daraus eine feine Auswahl präsentiert und das Publikum mit jazzig-souliger Stimme und ausgefeilten Klanggemälden verwöhnt.

Intime Atmosphäre

Nicht voll, aber durchaus gut besucht war der Keller im Alten Amtsgericht, der sich mit den schlanken, aber stets muskulös-sehnigen Arrangements der Künstler bestens verstanden hat. Der Rahmen passte grandios zu diesem intimen und spannungsgeladenen Konzert, bei denen die Songs – teilweise völlig neu und überraschend frei interpretiert – ganz allein im Vordergrund standen. Auf effektheischendes Geplänkel und sonstiges Chi-Chi wurde verzichtet.

Weil absolut unnötig. Die unprätentiöse Präsenz der Sängerin, die im Mobile zuletzt im Frühjahr 2022 mit dem Klassik-Ensemble Spark zu hören war, benötigt keinerlei Accessoires. Mit einer kraftvollen, nuancierten und stets klar prononcierten Stimme hat eine der bekanntesten Jazzsängerinnen Süddeutschlands mit Zwingenberg auch den „hohen Norden“ erobert, wie Theaterchef Leo Ohrem in seiner Begrüßung bemerkte.

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Noch plastischer als bei ihrer Zusammenarbeit mit dem Klaus Wagenleiter Trio (wie auch beim aktuellen Soloalbum „Better“), der SWR-Bigband oder mit Spark kommt das besondere Timbre von Wollaschs Stimme in dieser harmonischen Minimalbesetzung zur Geltung. Bei der musikalischen Kollaboration mit dem badischen Ausnahmegitarristen passt die Chemie, Stimme und Saiten flirten miteinander und spielen sich die Bälle zu, ohne den jeweils anderen Part klanglich zu diskreditieren.

Stilistische Vielfalt

Bei der Zwingenberger Setlist offenbart sich nicht nur stilistische Vielfalt, sondern auch eine vokale Bandbreite und ein bemerkenswertes Stimmvolumen bis hinauf in allerfeinste Spitzen. Nachzuhören etwa im Mittelteil von Queens Opern-Rock-Melange „Bohemian Rhapsody“, die Wollasch mit ihrem klassisch geschulten Sopran à la Maria Callas arienhaft ausgarniert und so einem viel gehörten Klassiker eine wunderbar eigene Note verleiht.

Insbesondere die zweite Hälfte ist stark von Mercurys Oevre geprägt: „I Was Born To Love You“ und „Crazy Little Thing Called Love“ klingen vertraut, doch ein Blockflöten-Intro zum hymnenartigen Rocksong „We Will Rock You“ dürfte keiner im Publikum jemals vernommen haben. Mut zur Überraschung und komplex arrangierte Melodieverläufe mit kantigen Brüchen offenbarten sich auch in den instrumentalen Stücken des Abends.

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Bei „Don’t Stop me Now“ zog Matthias Hautsch alle technischen Register des Gitarrenspiels und setzte gleichsam eine vier- bis fünfköpfige Rockband. Aber auch sonst zeigt sich immer wieder das Können der beiden Musiker, die selbst große Formationen und opulente Songs in reduzierter Besetzung nicht nur zu interpretieren, sondern auch ein Stück weit zu veredeln.

Zärtlicher Abschiedsgruß

Eigenkompositionen wie „Himmel“ (Hautschs musikalische Umarmung seiner verstorbenen Mutter) und der zärtlich-melancholische Abschiedsgruß „Farewell To The Unknown“ haben dem Programm sehr persönliche Akzente geschenkt und im Mobile eine erfreulich kurzweilige Dramaturgie beschert. Und selbst „The Boys Are Back In Town” der irischen Hardrocker von Thin Lizzy hat in der Version mit (verstärkter) Akustikgitarre alles andere als gelitten.

Das Duo schafft es, die Essenz und Seele der Stücke gefühlvoll zu packen und voller Empathie mit eigenen musikalischen Farben nachzuzeichnen. Gerade leisere Stücke wie das innige „Love Of My Life“ (Queen) oder „Heart Of The County“ (Paul McCartney von 1971) sind perfekte Rohdiamanten für Sandie Wollaschs facettenreiches und ausdrucksstarkes Organ, das auch in musikalischen Grenzbereichen souverän stabil bleibt und mühelos zwischen kristallenen Höhen und erdigen Tiefen changiert.

Seit 25 Jahren im Geschäft

Die Karlsruher Sängerin ist seit über 25 Jahren im Profigeschäft unterwegs und hat unter anderen mit George Gruntz, Hellmut Hattler und De-Phazz zusammengearbeitet. Mit viel Soul, Dynamik und Hingabe interpretierte sie in Zwingenberg Dinah Washingtons „Mad About The Boy“ und Freddie Mercurys oft unterschätztes Liebeslied „You Take My Breath Away“ aus dem Jahr 1976.

Mit einem recht verspielt improvisierten Queen-Medley (unter anderen „Under Pressure“, „Radio Gaga“, „Fat Bottomed Girls“) ging es Richtung Finale. Ein Abend voller Spielfreude, Leidenschaft und musikalischer Überraschungen abseits der ausgetretenen Pfade. Langer Applaus im Mobile-Keller. tr

Freier Autor