Projekt - Die Alte Posthalterei an der Darmstädter Straße wurde abgerissen, ein Ersatzbau nie errichtet – jetzt sollen Natursteine den Straßenraum „fassen“ Mauer als Pflaster für Wunde im Stadtbild

Von 
Michael Ränker
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Zwingenberg. Es ist der ehrenwerte Versuch, auf eine Wunde im Stadtbild ein Pflaster zu kleben - die alte Ansicht jedoch ist unwiederbringlich verloren: Der Magistrat hat entschieden, im Bereich des Wohn- und Geschäftshauses Darmstädter Straße 15 bis 17 zwischen den beiden Zufahrten eine 1,20 Meter hohe Natursteinmauer errichten zu lassen, „mit der der Straßenraum wieder ,gefasst’ werden soll“. Vor über zwei Jahrzehnten stand an dieser Stelle ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, das auch heute noch stehen müsste. Doch es fiel – wie einige es bereits im Vorfeld befürchtet hatten – dem Mitte der Neunzigerjahre realisierten Neubauprojekt auf dem sogenannten „Arras-Gelände“ zum Opfer: Im Jahr 2000 wurde es abgerissen. Und ein Ersatzbau mit der alten Fassade, der die städtebauliche Wunde nach dem Abriss heilen sollte, wurde nie gebaut.

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Wie Bürgermeister Holger Habich jetzt in der Stadtverordnetenversammlung aus dem Magistrat berichtete, „ist durch den Abriss eine städtebaulich unpassende, offene Hofsituation entstanden“. Dieser „Fehler“ solle nun durch die besagte Natursteinmauer – analog zu der Mauer auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Bereich der dortigen Arztpraxis – „wieder korrigiert werden“. Dabei sollen auch Teile des sogenannten „Ludwigsbrunnens“ verwendet werden, die vor geraumer Zeit bei den Tiefbauarbeiten im Rahmen der B3-Erneuerung ausgebaggert und ans Tageslicht befördert wurden (wir haben berichtet). Die Kosten betragen zirka 20.000 Euro und sollen als Mehrkosten im Rahmen der B 3-Gesamtmaßnahme finanziert werden.

Nach 300 Jahren war Schluss

Der Abriss des im Jahre 1699 von einem Johann Philipp Zerweck als Gastwirtschaft „Der grüne Baum“ errichteten Fachwerkhauses – später auch als Alte Posthalterei bezeichnet – war zunächst kein Bestandteil der Planungen für die Bebauung des Arras-Geländes, ganz im Gegenteil: In den Konzeptionen, Skizzen und Modellen, auf deren Basis Kommunalpolitik und Behörden 1994 ihre Entscheidungen trafen, war immer von einem Erhalt des Gebäudes die Rede. Der Bergsträßer Anzeiger berichtete seinerzeit: „Auf jeden Fall dürfte mit diesem Bauvorhaben eine Aufwertung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes (Alte Posthalterei) zu erwarten sein.“

Unter Einbeziehung des Fachwerkgebäudes, in dem zuletzt eine Metzgerei betrieben wurde, sollten in den Neubauten 19 Wohneinheiten mit Fahrstuhl, zwei Läden mit Gastronomie/Café sowie eine Tiefgarage entstehen. Alle diese Neubauten sind auch gebaut worden, doch danach erschien dem Investor die verabredete Sanierung des Fachwerkhauses, weil angeblich zu marode, nicht mehr zumutbar. Notwendige Erhaltungsarbeiten an dem immer im Eigentum privater - aber wechselnder - Besitzer befindlichen Gebäude waren nach dem Errichten der umgebenden Neubauten offenkundig versäumt worden. Dabei war die Erteilung der Baugenehmigung an den Erhalt des denkmalgeschützten Objekts geknüpft.

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Im Sommer 1999 stand das historische Bauwerk auf einmal „oben ohne“ da, nämlich ohne Dach – was den Verdacht nährte, nun werde scheibchenweise der letztlich vollständige Abbruch eingeläutet. Und so war es auch. Der Abbruch des Daches war zwar ebenso mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt wie weitere Entkernungsarbeiten im ersten Obergeschoss, doch das sollte nicht dem Erhalt des Gebäudes dienen.

Dann beantragte der Hausbesitzer tatsächlich den Abriss des Fachwerkhauses. Dem stimmte die Stadtverordnetenversammlung mehrheitlich zu, allerdings mit der Auflage, einen Neubau zu errichten. Dieser Neubau wiederum „ist an gleicher Stelle beziehungsweise mit gleicher Kubatur“ zu errichten, „wobei das erhaltene Fachwerk insbesondere des ersten Obergeschosses gemäß dem Vorschlag der Unteren Denkmalbehörde wieder einzubauen ist“.

Am Ende zwangsversteigert

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Auch das Amt für Denkmalschutz stimmte zu: „Das Ausmaß der nun erkennbaren Schäden und der hiermit verbundene geringe Anteil erhaltensfähiger historischer Substanz lässt aus unserer Sicht eine Forderung zu einer Sanierung im zumutbaren Rahmen nicht mehr zu.“ Fünf Jahre zuvor hatte man die Lage noch anders eingeschätzt, wie sonst hätte der Kreis als Baugenehmigungsbehörde mit Erteilung der Baugenehmigung für das Arras-Projekt den Erhalt der „Alten Posthalterei“ als Auflage einfordern können?

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Ende des Jahres 2002 berichtete der BA dann: „Das Wohn- und Geschäftshaus Arras wird zwangsversteigert. Für vier Millionen Euro soll das aus vier Mehrfamilienwohnhäusern, einer Tiefgarage, einem SB-Markt und einer Metzgerei nebst Imbiss bestehende Objekt an der Darmstädter Straße 15 bis 17 demnächst einen neuen Besitzer finden - so hoffen die Gläubiger. Von Anfang an stand die Investition unter keinem guten Stern. Hangsicherungsmaßnahmen im rückwärtigen Bereich des über 800 Quadratmeter großen Grundstücks verteuerten das Projekt so, dass der Investor schlussendlich auch kein Geld mehr hatte, um die denkmalgeschützte Posthalterei aufwändig zu sanieren. Das Gebäude wurde mit der Auflage, einen Ersatzbau mit der alten Fachwerkfront am selben Standort wieder zu errichten, abgerissen – doch auch dafür war kein Geld mehr da.“

Redaktion