Krokodilstränen

Michael Ränker mag es nicht mehr hören, wenn Politiker Bebauungspläne mit der Schaffung von Wohnraum für junge Familien begründen

Von 
Michael Ränker
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Junge Familien müssen fast schon inflationär als Argument dafür herhalten, wenn Kommunalpolitiker nach Gründen suchen, um aus einem Acker Bauland zu machen. Noch dazu, wenn zu befürchten ist, dass das Vorhaben umstritten sein könnte, dann wird gebetsmühlenhaft betont, wie wichtig es doch sei, dass junge Leute – vor allem die aus der eigenen Ortschaft – endlich eine Gelegenheit erhalten, ihr Nest zu bauen.

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Bei der jüngsten Sitzung des Rodauer Ortsbeirats war es wieder einmal soweit: Um einem Bauprojekt auf einer bis dato als Lagerfläche und Lkw-Stellplatz genutzten Fläche am Ortsausgang Richtung Fehlheim zum Durchbruch zu verhelfen, wurde wieder einmal das Bild von dem jungen Paar bemüht, das auf der Suche nach den eigenen vier Wänden ist, aber „keinen Raum in der Herberge“ findet: Wie gut ist es doch, dass es da den Investoren gibt, der auf besagter Fläche eine Mischung aus Gewerbe- und Wohnnutzung errichten will. Also Hände hoch, alle sind dafür.

Nur wenige Minuten später aber – man traut seinen Ohren kaum – wird allerdings beklagt, dass „Investoren-getriebene“ Immobilien-Projekte in der Regel nicht dazu taugen, um den jungen Familien aus dem Dorf ein eigenes Dach über dem Kopf zu verschaffen. Und als Negativ-Beispiel wird ausgerechnet das jüngste – mittlerweile im Bau befindliche – Projekt auf dem gegenüberliegenden Brunnen-Areal genannt, das der Ortsbeirat unter anderem exakt mit dem „Wir schaffen Wohnraum für junge Familien“-Argument befürwortet hatte. Der dortige Investor verkaufe aber seine Häuser nun gar nicht, stellt man jetzt ebenso überrascht wie enttäuscht fest. Dabei war das von Anfang an klar.

Stopp! Wir spulen gerade einmal kurz zurück: Hat nicht derselbe Ortsbeirat gerade eben einstimmig die Hände für ein neues „Investoren-getriebenes“ Vorhaben auf der gegenüberliegenden Seite gehoben und die jungen Familien als Argument mit angeführt?

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Um nicht falsch verstanden zu werden: An dieser Stelle geht es ausdrücklich nicht um eine Bewertung des neuen Projekts. Vielleicht ist eine Kombination aus Therapiezentrum und Wohnnutzung tatsächlich ein Gewinn für das Dorf. Und vielleicht ziehen dort ja auch etliche „Rorrer“ ein. Wobei dieser Beweis auch erst noch zu erbringen ist.

Nein, es geht ausschließlich um das Überstrapazieren des Junge-Familien-Arguments: Wer dieser Zielgruppe als Politiker wirklich Wohneigentum zu fairen Konditionen verschaffen will, der darf das nicht dem freien Spiel der Kräfte am Immobilienmarkt überlassen. Der muss stattdessen dafür eintreten, dass die Kommune selbst in die Investorenrolle schlüpft, Äcker erwirbt, daraus Bauland macht und die Parzellen vorrangig an „Maria und Josef“ aus dem eigenen Dorf vergibt.

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Über die Sinnhaftigkeit solch einer Regulierung des Marktgeschehens durch die öffentliche Hand lässt sich freilich trefflich streiten – aber diese politische Debatte zu führen, das ist allemal sinnhafter, als erst die jungen Familien zu beschwören, um hinterher Krokodilstränen zu weinen, weil es doch wieder „keinen Raum in der Herberge“ für den eigenen Nachwuchs gibt.

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Übrigens: Positiver Nebeneffekt des skizzierten Verfahrens wäre es, dass die Lokalpolitiker sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie würden ohnehin nur ausgewählten Grundstücksbesitzern dazu verhelfen, ihre Scholle zu versilbern beziehungsweise einzelnen Investoren, ihre Projekte in die Tat umzusetzen. Gemeinhin nennt man so etwas Klientelpolitik.

Redaktion