Kommunalpolitik - Die Erkenntnisse über beispielsweise die Frischluftzufuhr für das Stadtgebiet sollen bei Bauvorhaben und Bauleitplanverfahren berücksichtigt werden Klimafunktionskarte soll 15 000 Euro kosten

Von 
Michael Ränker
Lesedauer: 
Die Stadt Zwingenberg will gemeinsam mit Alsbach-Hähnlein und Bickenbach die Erstellung einer Klimafunktionskarte in Auftrag geben. © Thomas Zelinger

Zwingenberg. Die Erstellung einer Klimafunktionskarte für Zwingenberg soll im Laufe dieses Haushaltsjahres erfolgen – auf Initiative der Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie (GUD) beschloss der Bau-, Planungs- und Umweltausschuss mehrheitlich, dafür in den Etat 15 000 Euro einzuplanen. Die Klimafunktionskarte soll als interkommunales Projekt – nämlich gemeinsam mit den Kommunen Alsbach-Hähnlein und Bickenbach – aufgelegt werden.

AdUnit urban-intext1

Im Haushalt 2021 der Nachbargemeinde Alsbach-Hähnlein, mit der Zwingenberg gemeinsam eine Kläranlage sowie einen Bauhof betreibt, stehen für die Erstellung der gemeinsamen Klimafunktionskarte 35 000 Euro. Die unterschiedlichen Kostenbeteiligungen sind auf die Größen der Gemarkungen zurückzuführen, die bei der Betrachtung des Klimas eine Rolle spielen:

Die Zahl der heißen Tage und Nächte wird zunehmen

Eine Klimafunktionskarte dient als Grundlage, um das lokale Klima frühzeitig in stadtplanerische Überlegungen einzubinden.

Die Grundannahme: In dicht bebauten Städten wird sich der Klimawandel stärker auswirken als auf dem freien Land. Die Zahl der heißen Tage mit Höchstwerten über 30 Grad und der sogenannten Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absinkt, wird zunehmen.

Angesichts des Klimawandels sollten daher Aspekten wie Aufenthaltsqualität oder Frischluftversorgung zunehmend Rechnung getragen werden.

Folgende Fragen sollen mit dem Instrument Klimafunktionskarte mit Blick auf das Lokalklima beantwortet werden: Wie können Planer Klimaaspekte in ihre räumliche Planung integrieren? Welche Maßnahmen sind wo sinnvoll? Welche „Luftleitbahnen“ sollten unbedingt freigehalten werden, damit in den stark verdichteten Teilen der Stadt nachts noch ausreichende Abkühlung stattfindet?

Die Handlungsoptionen reichen von der Vermeidung weiterer baulicher Verdichtung, über eine stärkere Durchgrünung bis hin zum Freihalten von Luftleitbahnen.

Zur Erstellung der Klimafunktionskarte werden der thermische Aspekt (Hitze) und der dynamische Aspekt (Belüftung) des Stadtklimas bestimmt und bewertet. Die Analyse berücksichtigt neben dem aktuellen Bebauungsstand und den Nutzungsstrukturen auch wichtige geplante bauliche Veränderungen. mik

Alsbach-Hähnlein ist knapp 15,8 Quadratkilometer groß, Bickenbach hat eine Fläche von fast 9,3 Quadratkilometern – das älteste Bergstraßenstädtchen ist mit gut 5,6 Quadratkilometern die kleinste Kommune im Dreier-Bunde.

Die Erstellung einer Klimafunktionskarte für Zwingenberg geht auf einen Prüf-Antrag der Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie zurück, der im Dezember 2019 einstimmig in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen wurde. Der Magistrat der Stadt Zwingenberg hatte damit allerdings noch nicht den Auftrag erhalten, das Projekt an ein Fachbüro zu vergeben, sondern zunächst ausschließlich einen Rechercheauftrag:

AdUnit urban-intext2

Was müsste die Kommune in die Erstellung einer Klimafunktionskarte finanziell investieren, welche Erkenntnisse können gewonnen werden – und welche Nachbarkommunen würden mitmachen?

Mit ihrer Initiative wollte die GUD vor Ort dafür sensibel machen, welche Auswirkungen beispielsweise Bauvorhaben und damit einhergehend die Veränderung der Natur auf das Stadtklima und damit auf die Bürger haben können. Denn wer für den Treibhauseffekt ausschließlich das Abholzen von Regenwäldern in Brasilien oder die Viehzucht in Südamerika verantwortlich macht, der verschließt die Augen für das, was vor der eigenen Haustür geschieht. Dass es eine menschengemachte Erderwärmung mit dramatischen Wetterereignissen in Form von zunehmenden Niederschlägen oder extremen Hitzewellen als Folgen tatsächlich gibt, das sehen mittlerweile mehr als 90 Prozent der weltweiten Klimaexperten als erwiesen an.

AdUnit urban-intext3

Nach Meinung der GUD „sind die Auswirkungen der Klimaveränderung auch auf das Klima unserer Region nicht mehr zu leugnen“. Um die Auswirkungen auf das Gebiet der Stadt Zwingenberg besser einschätzen zu können, „regen wir die Aufstellung einer Klimafunktionskarte an“. Die Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie spricht in der Begründung ihres Antrags vom Dezember 2019 von einer „idealen Basis, um das Klima im Stadtgebiet zu beeinflussen: Insbesondere, um bei Bauvorhaben und Bauleitplanverfahren Maßnahmen ergreifen und Konsequenzen ziehen zu können, denn es gilt zum Beispiel die Frischluftzufuhr für das Stadtgebiet sicherzustellen“.

AdUnit urban-intext4

In der Klimafunktionskarte sollen beispielsweise die Ergebnisse von mikroklimatischen Untersuchungen festgehalten werden, „um zu möglichst konkreten und exakten Aussagen zu kommen, wie eine Bebauung sich klimatechnisch auswirken könnte“.

Angeregt zu ihrem Antrag wurde die GUD durch die Aussagen von Prof. Dr. Lutz Katzschner. Der Leiter des Fachgebiets Umweltmeteorologie am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung der Universität Kassel referierte auf Einladung der Gemeinschaft für Umweltschutz und Demokratie über das Thema „Einfluss der Vegetation im städtischen Raum, insbesondere von Bäumen, auf das Mikroklima und ihre Bedeutung in Zeiten des Klimawandels“. In seinem Vortrag empfahl der Wissenschaftler die Erstellung eines Klima-Atlas.

Im ersten Entwurf des Zwingenberger Haushalts für 2021 waren übrigens bereits Mittel für die Erstellung einee Klimafunktionskarte vorgesehen, die wurden jedoch angesichts eines negativen Jahresergebnisses vom Magistrats wieder abgeplant. Nun, nachdem das Jahresergebnis ein positives Vorzeichen hat (wir haben berichtet), will man das Projekt doch in die Tat umsetzen.

Redaktion