Geistliches Wort

Kirche sein als Lebensform

Gedanken über das Gefühl, abgehängt zu sein

Von 
Manfred Forell
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Die ARD-Themenwoche unter dem Motto „Wir gesucht – was hält uns zusammen?“ nimmt die in Umfragen vielfach geäußerte Meinung auf, wonach der Umgangston rauer werde und der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckele. Sind wir nur noch Ich-AGs, die nur am eigenen Wohlergehen interessiert sind? Ist uns der Blick auf die Nöte der Mitmenschen abhandengekommen?

Sieht man auf das große ehrenamtliche Engagement, das täglich für Geflüchtete, bei den Tafeln, in Vereinen, Kirchen, gegen die Klimakatastrophe aufgewendet wird, betrachtet man die großzügige Spendenbereitschaft und die beispielhafte Solidaritätsaktion im Ahrtal, dann muss man diese Frage klar verneinen. Und doch ist es richtig, wenn der Bundespräsident dazu ermahnt, aufzupassen, dass „aus den Haarrissen keine Spaltungen werden“.

Die oft unversöhnlich geführten Auseinandersetzungen um die Corona-Maßnahmen haben deutlich aufgezeigt, wie schnell sprachliche Grenzverschiebungen, Radikalisierung und Gewalt in der Kommunikation in die gesellschaftspolitische Sackgasse führen.

Teilhabe gewährleisten

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Immer mehr Menschen haben das Gefühl abgehängt zu sein, nicht mehr gehört, von der Politik nicht mehr vertreten zu werden, in den Kirchen keine Heimat mehr zu finden. Wie lässt sich diesem Eindruck wirkungsvoll entgegentreten? Denn: Soziale Gemeinschaft braucht die Mitarbeit und Teilhabe möglichst vieler Menschen. Die Demokratie lebt von unterschiedlichen Meinungen, konstruktiver Gegenrede und dem fair erstrittenen Kompromiss.

Eine Möglichkeit, diese basisdemokratischen Prozesse neu einzuüben, bieten Bürgerräte. Sie sollen Bürger in Entscheidungen einbeziehen und die Demokratie stärken. Das Besondere ist, dass die Teilnehmer ausgelost werden und sich vorher nicht mit dem Thema auskennen müssen. Sie sollen die Bevölkerung widerspiegeln. So könnte dem Ohnmachtsgefühl vieler Menschen begegnet werden.

Der Mutlosigkeit widersprechen

Hier sehe ich auch einen Ansatzpunkt für die Kirchen. Denn, nur wer sich, um mit Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, in tiefe Diesseitigkeit verstricken lässt, vermag überhaupt zu glauben und zu hoffen, widerspricht der Mutlosigkeit. Der katholische Theologe Jürgen Manemann schreibt hierzu:

„ An der Zeit wäre es, dass wir das Kirche-Sein endlich wieder als Lebensform wiederentdecken und das heißt, Auferstehung zu leben, also jegliche Komplizenschaft mit dem Tod zu verweigern, immer wieder aufzustehen gegen Entfremdungen und Ungerechtigkeiten und im alltäglichen Leben gegen die vielen Tode anzukämpfen: den Tod durch Verlassenheit, Unsichtbarkeit, Apathie, genauso wie den Tod durch Bequemlichkeit und Zufriedenheit. Kirche hätte sich dann als eine Initiativkirche zu verstehen. Eine Projektkirche, die die Initiative in dem Sinne ergreift, dass von ihr immer wieder ein Neuanfang ausgeht. Und von Hanna Arendt können wir lernen, dass es Neuanfänge nicht ohne Handeln gibt.“ Archivbild: Funck