Das geistliche Wort - Von der Hoffnung auf einen weiten Horizont Es ist klug, seine Grenzen zu kennen

Von 
Christoph Bergner
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„Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tische sitzen werden im Reich Gottes.“ (Wochenspruch Lukas 13, 29)

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* Nicht erst in Coronazeiten ist das Leben begrenzter geworden. Corona verstärkt, was schon vorher da war. Man lebt für sich, geht seinen eigenen Weg. Individualisierung, Vereinzelung lässt sich vielfach beobachten. Damit schwinden auch die gemeinsamen Überzeugungen. Die Gesellschaft wird fragmentiert, an den Rändern läuft sie immer weiter auseinander. Wir grenzen uns ab. Was im Kleinen geschieht, wiederholt sich im Großen. Die Unterschiede in der europäischen Union sind in den letzten Jahren größer geworden. Über zentrale Fragen der Meinungsfreiheit und der Rechtsstaatlichkeit gibt es erbitterten Streit. Gerade hat England die Union verlassen. Zwischen China, Russland und den USA gibt es gefährliche Spannungen.

Der Wochenspruch aus dem Lukasevangelium zeigt uns ein ganz anderes Bild. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Menschen ins Reich Gottes. Entgrenzung, nicht Abgrenzung wird da verheißen. Der Glaube an Gott führt Menschen zusammen. Er stiftet Gemeinschaft, jenseits von politischen Überzeugungen und sozialen Auseinandersetzungen. Diese Gemeinschaft ist durch Gott vermittelt. Sie ist nicht abstrakt, sondern sehr leiblich erfahrbar beim gemeinsamen Essen an einem Tisch. Das Bild ist ein Gegenbild. Auf uns allein gestellt, gelingt es uns Menschen kaum, gute Gemeinschaft zu leben und zu erhalten. Wir scheitern an unserem Eigenwillen, an unserer Unfähigkeit, den Anderen in seiner Andersartigkeit gelten zu lassen. Deshalb brauchen wir die Kraft der Versöhnung, die allein Gott uns schenken kann.

Das Bild vom Zug der Menschen ins Reich Gottes macht auch bescheiden: Wir sind noch nicht im Reich Gottes. Das Bild ist ein großes Hoffnungsbild, das sich erst erfüllen muss. Es ist Verheißung, aber nicht Wirklichkeit. Unter den Bedingungen dieser Welt müssen wir Kompromisse schließen, unsere Ideale können wir oft nicht umsetzen. Das entlarvt vollmundige Versprechungen. Es ist klug, seine Grenzen zu kennen. Umso wichtiger aber wird die Hoffnung, die über unseren engen Horizont weit hinaus weist. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft hat auch eine religiöse Dimension. Wer sie beiseiteschiebt, darf sich nicht wundern, wenn die Gemeinschaft brüchig wird. Es ist das große Privileg des Glaubens, Menschen auf die universale Gemeinschaft anzusprechen, in die uns Gott hineinstellt. Wer das Vater unser betet, der wird nicht nur Gottes Kind, sondern dem werden die anderen zu Schwestern und Brüdern, die Menschheit zu einer großen Familie. Wo das geschieht, könnte der Sinn für das Gemeinsame wieder stärker werden, der Umgangston entspannter und die Bereitschaft zur Versöhnung wachsen. Archivbild: Funck