Weinbau - Bereits ein Dutzend Anzeigen / Warnung vor Verzehr Dreiste Diebe stehlen massenweise Weinblätter

Von 
Thomas Tritsch
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Der Zwingenberger Winzer Johannes Bürkle ist stinksauer: Die Weinblätter-Diebe richten immensen Schaden an. © Zelinger

Zwingenberg. Gefüllte Weinblätter gelten als Spezialität der orientalischen Küche. Doch den Winzern vergeht der Appetit, wenn in ihren Weinbergen unerlaubt säckeweise Blätter abgezupft werden. Seit Jahren ein wiederkehrendes Problem in beinahe allen deutschen Anbaugebieten. In jüngster Zeit haben sich auch an der Hessischen Bergstraße die Fälle gehäuft.

Die Polizei ermittelt – und hat bereits einen Kriminellen geschnappt

In Sachen Weinblätter-Diebstahl in den Weinlagen rund um Alsbach-Hähnlein ermittelt jetzt auch die Polizei. Grundlage sind Strafanzeigen „eines Winzers“ wegen Diebstahls und Sachbeschädigung.

Eine Tat ereignete sich am Sonntag gegen 17 Uhr. Ein 58 Jahre alter Mann wurde dabei ertappt, als er mehrere Tüten mit zuvor von den Weinreben abgerissenen Weinblättern mit dem Auto abtransportieren wollte.

Die Polizei vermutet, dass die Beute für die Zubereitung von orientalischen Spezialitäten, bei denen Weinblätter gefüllt werden, genutzt werden sollte. Die großen Mengen legen aber zudem den Verdacht nahe, dass die Blätter nicht nur zum Eigenverbrauch bestimmt waren, sondern auch zum Weiterverkauf angeboten werden sollten.

Die Ordnungshüter warnen in diesem Zusammenhang eindringlich: Die Blätter sind gespritzt, um die Pflanzen vor Pilzen, Insekten und Milben zu schützen und sollten eigentlich nicht verzehrt werden.

Überdies werden die Weinreben durch das massenhafte Abpflücken der Blätter massiv geschädigt, weil die Trauben die Weinblätter für das Wachstum benötigen.

Wer in diesem Zusammenhang verdächtige Beobachtungen macht, der wird gebeten, umgehend die Polizei zu verständigen. ots

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Ein Dutzend Anzeigen binnen weniger Wochen: Das ist die ernüchternde Bilanz des Zwingenberger Weinguts Simon-Bürkle. Vor allem in der Lage Alsbacher Schöntal gingen die Diebe im großen Stil ans Werk. Teilweise wurden bis zu 15 große Plastiktüten vollgemacht. Das klingt nicht nach Eigenbedarf. Man geht davon aus, dass teilweise auch organisierte Gruppen unterwegs sind, um die Blätter an Gastronomen zu verkaufen.

Der halbe Weinberg ist kahl

In einer Parzelle mit Grauburgunder ist der halbe Weinberg kahl, so Winzer Johannes Bürkle. Besonders dreist: Gegenüber Passanten, die sie daraufhin angesprochen haben, hätten die Täter behauptet, die Aktion sei mit dem Betrieb abgesprochen. „Das war natürlich nicht der Fall“, so Bürkle zum BA. Auch in Weinbergen in Heppenheim, Bensheim und Groß-Umstadt wurden in jüngster Zeit immer wieder Blätter geklaut. Für die Reben ist das deshalb problematisch, weil sie für die Zuckerproduktion der Trauben lebenswichtig sind. Gerade die jungen Blätter sind für biochemische Prozesse nötig, bei denen Sonnenenergie mittels Chlorophyll in Traubenzucker verwandelt wird. Fehlt diese Nährstoffzufuhr, kann sich die Pflanze nicht optimal entwickeln. Doch gerade die frischen, zarten Exemplare sind in der Küche besonders begehrt. Unter dem Kahlschlag leidet neben den reduzierten Erträgen auch die spätere Qualität des Weins. Mit erheblichen wirtschaftlichen Schäden für die Weinbaubetriebe. Gerade dann, wenn an einem Trieb nur wenige Blätter sprießen.

„Das Wachstum wird erheblich gestört“, erklärt Johannes Bürkle die Folgen der illegalen Selbstbedienung im Wingert. Einzelne Trauben würden ohne genügend Blätter nicht ausreichend versorgt. Es kann vorkommen, dass die Traube in der Blüte verrieselt. Das heißt, dass es zwar Blüten gibt, die allerdings nicht bestäubt würden und dann abfallen. Zwar wachsen die fehlenden Blätter als eine Art Notbehelf nach, doch an die Qualität der ursprünglichen Auswüchse reichen sie lange nicht heran, so der Winzer, der bedauert, dass sich der Klau zu einer Art Volkssport entwickelt hat. Das Bewusstsein, sich fremdes Eigentum anzueignen, sei bei vielen nicht vorhanden. Bürkle erhofft sich auch ein Stück mehr Aufmerksamkeit von Menschen, die ohne böse Absichten in den Weinbergen unterwegs sind. „Wenn jeder hinschaut, dann hätten wir schon viel gewonnen.“

Vom Verzehr wird abgeraten

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Ein weiteres Problem – allerdings eher für die Konsumenten – sind die Pflanzenschutzmittel. Diese kommen in den meisten Weingütern in mehr oder weniger hoher Konzentration zum Einsatz, um die Pflanze gegen Pilze, Insekten oder Milben zu schützen. Zwar lassen sich die Spritzmittel von der Oberfläche abwaschen, doch die Wirkung wird vor allem im Innern des Rebstocks erzielt – über eine Aufnahme durch die Blätter, die unter Umständen nicht sehr bekömmlich sind. Winzer raten daher davon vom Verzehr ab - wenngleich die eigenen Verluste für sie schwerer wiegen als potenzielle Magenprobleme der Diebe, von denen Mitarbeiter des Zwingenberger Weinguts schon etliche auf frischer Tat ertappt haben. „Wir haben dann sofort die Polizei alarmiert“, so der Winzer. Der Vorwurf: Diebstahl und Sachbeschädigung.

Die Tat läuft meistens gleich: ein Auto hält, Türen öffnen sich, mehrere Personen schwirren auf die Weinflächen. Dort zupfen sie Weinblätter, packen sie ein und verschwinden wieder. Die Vermutung: Die Blätter werden an gastronomische Betriebe verkauft, die sie dann für Speisen nutzen. „Für den privaten Verbrauch wäre das zu viel“, so Bürkle. Vor allem einsehbare Flächen in Straßennähe seien betroffen. Aber auch in entlegenen, höher gelegenen Winkeln sind die Diebe unterwegs. Werden sie geschnappt, wartet ein Strafverfahren.

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