Weinbau - Die Bio-Winzergemeinschaft Feligreno startet das Modell einer Solidarischen Weinwirtschaft Arbeit und Ertrag im Weinberg künftig geteilt

Von 
Thomas Tritsch
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Auch in den steilen, terrassierten Zwingenberger Weinlagen prägen markanten Stützwände seit vielen Jahrzehnten das Landschaftsbild. Die lockeren Trockenmauern sind gleichermaßen Erosionsschutz wie Lebensraum für eine enorme Artenvielfalt. Winzer Gerold Hartmann (Mitte) bemüht sich seit Jahren um den Erhalt des Mauerwerks und stellt seine Wingerte als „Lehrbauhof“ für Auszubildende im Garten- und Landschaftsbau zur Verfügung. © Thomas Neu

Zwingenberg. Was für Obst und Gemüse funktioniert, geht auch im Weinbau: viele Menschen teilen sich den Aufwand und die Ernte eines Jahres. Der Kauf von Anteilen trägt zur Finanzierung der Betriebskosten bei. Je mehr „Genuss-Aktien“ einer erwirbt, desto mehr hat er hinterher im Glas. Für den Erzeuger bedeutet das vor allem wirtschaftliche und planerische Sicherheit. Und für die Gemeinschaft bietet sich eine stabile Versorgung mit regionalen und nachhaltig erzeugten Produkten abseits konventioneller Marktstrukturen.

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Als eine der bundesweit ersten ihrer Branche schlägt die Winzergemeinschaft Feligreno genau diesen Weg ein. Die Motivation: Existenzsicherung durch ein alternatives Vermarktungsmodell, dass zudem eng mit der Betriebsphilosophie des ersten Bio-Weinbaubetriebs an der Hessischen Bergstraße verwandt ist. Denn das kollektive Prinzip steckt von Anfang an in der Genetik des Projekts, bei dem viele Helfer, Komplizen und Idealisten im Spiel sind.

Ein Überzeugungstäter

Vor bald 20 Jahren wurde in der Zwingenberger Lage Alte Burg der Anfang gemacht: im Spätherbst 2001 erwarben drei befreundete Familien einen mit alten Rieslingreben bestockten Weinberg. 2010 wurde hier der erste zertifizierte Biowein im Anbaugebiet gekeltert. Gerold Hartmann hat die Feligreno-Biografie von Beginn an maßgeblich mitverfasst. Aus dem Quereinsteiger wurde ein Überzeugungstäter. 2014 hatte er seine hauptberufliche Tätigkeit bei der Kreisvolkshochschule Groß-Gerau beendet und betreibt Feligreno seither als aktiver Ruheständler in Vollzeit. Dabei wurden viele Maßnahmen aus Eigenmitteln finanziert. Eine Form der „Subventionierung“, die laut Hartmann nicht ewig so weitergehen kann. Jetzt mit fast 71 will er die Weichen neu stellen. Um die aufwändige Steillagenbewirtschaftung in Zwingenberg sowie das hinzugekommene Rebland in der Lager Seeheimer Mundklingen weiterhin bewirtschaften zu können, brauche es eine Neupositionierung. Denn ohne zusätzliche Manpower und externe Finanzmittel dürfte Feligreno mittelfristig die Puste ausgehen. Immerhin ist die Gesamtrebfläche mit der Ausdehnung auf knapp vier Hektar angewachsen.

Hartmann rechnet vor: Weinbergspflege und Kellerwirtschaft, Personal und Betriebsmittel erfordern ein finanziell verlässliches Polster. Hinzu kommen die Anschaffung und Wartung von Maschinen sowie regelmäßig fällige Pacht- und Mietausgaben. Bislang hat der Weinverkauf auf Märkten und Weinfesten diese Kosten zumindest einigermaßen abdecken können. Seit einem Jahr hat sich die Lage verändert: Durch die Corona-Krise sind öffentliche Veranstaltungen weggebrochen, während der Arbeitsaufwand zugenommen hat. Um die Abhängigkeit vom klassischen flaschenweisen Einzelverkauf zu überwinden und gleichzeitig die betriebswirtschaftlichen Risiken zu reduzieren, kam die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ins Spiel.

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Bereits vor über zehn Jahren hat der Darmstädter in den USA das Prinzip der Community-supported agriculture (CSA) kennengelernt, das Produzenten und Konsumenten enger zusammenbringt. Ein alternatives sozio-ökonomisches Modell, das die Dynamik der Landwirtschaft durch eine starke Gemeinschaft abfedern kann und mehr Transparenz im Lebensmittel-Zyklus ermöglicht. Auch in Darmstadt hat Hartmann schon seit längerem Kontakt zu einer Solawi-Initiative. In den Reihen von Feligreno gärte es: der landwirtschaftliche Ansatz wurde für den Weinbau adaptiert. An der Mosel fand man einen, der es vormacht.

Dort produziert ein Jungwinzer seit letztem Jahr biologisch-dynamischen Wein, indem er Weinliebhaber zu Mit-Winzern macht. Kosten, Risiken und Ertrag werden geteilt. „Das hat uns schnell überzeugt“, sagt Meilin Meirich, die zusammen mit Katharina Pawelczyk vor Ort nachgeschaut hat, wie es funktionieren kann. „Ein transparentes Prinzip, das Planungssicherheit bietet.“ Daraufhin haben die beiden Feligreno-Damen ein Exposé erstellt und eine Musterkalkulation angefügt. Die Weinernte eines Jahrgangs wird auf 250 Anteile umgelegt, die in beliebiger Anzahl erworben werden können. Die Kosten je Anteil werden im Voraus berechnet, wesentlicher Faktor sind die zu erwartenden Betriebskosten im jeweiligen Wirtschaftsjahr. Allerdings wird der Ertrag von einer gewissen Dynamik beeinflusst und unterliegt natürlichen Schwankungen, die sich auf Qualität und Quantität der Lese auswirken: Wetter, Vegetation oder auch potenzielle Schädlinge. Genau hier setzt das Solidarmodell an: bei schwächeren Ernten werden Ausfälle auf mehrere Schultern verteilt. Von guten profitieren alle.

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Für das Wirtschaftsjahr 2021/22 werden bei Feligreno 750 Euro pro Anteil berechnet. Auf der Basis früherer Lesen hat man einen Durchschnittsertrag von 12.500 Litern als Richtwert definiert. Das entspricht etwa 16.500 Dreiviertelliterflaschen. Ein Anteil spiegelt 0,4 Prozent des Feligreno-Gesamtvolumens und beträgt rund 50 Liter Wein. Für die finanzielle Einlage erhält man also 67 Flaschen Wein. Geplant ist ein Querschnitt aus der Kollektion des Erzeugers, der nach der Erweiterung in Seeheim auch seinen Rebsortenspiegel vergrößert hat. Eine individuelle Zusammenstellung soll auf Wunsch aber möglich sein. Der Betrieb plant zudem die Vergabe von halben Anteilen für etwa 400 Euro. Über 20 Personen haben sich bereits angemeldet. Meilin Meirich ist zuversichtlich, dass es bald noch mehr werden.

Soziale Komponente

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Die konventionelle Weinflaschenvermarktung wird dadurch nicht aufgegeben. Feligreno wird einen Teil seiner Ernte weiterhin auch einzeln verkaufen, etwa auf dem Zwingenberger Abendmarkt – wenn dieser wieder stattfinden kann. Der direkte Kundenkontakt sei ein wichtiges Element. Ein Anspruch, der auch im Genossenschaftsmodell nicht verloren gehen soll: Die Winzergemeinschaft will keine Anonymität, sondern einen offenen Zugang zum Betrieb, zu seinen Flächen und Produkten. Und zu den Menschen, die dort arbeiten. „Unser Ansatz hat nicht nur eine ökologische und regionale, sondern auch eine soziale Komponente.“ Wer die Weinwirtschaft unterstützt, soll sich auch mit ihr identifizieren.

Sobald es möglich ist, sollen sich die Akteure auch „live“ kennen lernen, so Gerold Hartmann, der demnächst eine Fachkraft als Nachfolger einstellen will. Der Mitbegründer möchte sich nach 20 Jahren an der Rebenfront langsam aus der ersten Reihe zurückziehen.

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