Das geistliche Wort - Abwarten erfordert Geduld und Mut zugleich Abstand halten als Zeichen der Liebe

Von 
Jutta Grimm-Helbig
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Der 1. Maifeiertag – eigentlich die Zeit für Ausflüge, Kundgebungen zum Tag der Arbeit und – hier an der Bergstraße – der Termin für die traditionelle Weinlagenwanderung. Aber in diesem Jahr ist alles anders. Unser Leben hat sich durch das Coronavirus verändert. Zwar gibt es seit dieser Woche kleine Lockerungen im Blick auf die Kontaktsperre, doch noch immer gilt es, Abstand zu halten, größere Menschenansammlungen zu meiden, möglichst zu Hause zu bleiben und niemals ohne Mund-Nasenschutz-Masken unter Leute zu gehen, wenn dies nicht zu vermeiden ist.

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In den vergangenen Wochen wurde in den Medien und unter den Politikern viel über das Grundrecht der persönlichen Freiheit jedes Einzelnen diskutiert und darüber, in welchem Maße dieses Recht eingeschränkt werden darf. Auch wenn die meisten Menschen die Einschränkungen für richtig halten angesichts des Ernstes der gegenwärtigen Situation, so gibt es noch immer einige, die das nicht einsehen wollen. Es erschüttert mich, wenn ich erfahre, dass ältere Menschen von Jüngeren beschimpft werden, weil diese ihnen die Schuld geben, dass sie sich nicht mit ihren Freunden treffen und feiern dürfen. Oder wenn es Menschen gibt, die die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, herunterspielen, weil sie meinen, nicht der Risikogruppe anzugehören.

Als Christinnen und Christen sind wir zwar zur Freiheit berufen, wie Paulus es in seinem Brief an die Gemeinde in der römischen Provinz Galatien schreibt (Galater 5), aber mit dieser Freiheit bekommen wir auch eine große Verantwortung auferlegt. Denn über der persönlichen Freiheit steht die Liebe zu unseren Nächsten. Martin Luther beginnt daher seine Schrift „Über die Freiheit eines Christenmenschen“ mit den beiden sich scheinbar widersprechenden Sätzen:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“

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* „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Persönliche Freiheit ohne Verantwortung und Rücksichtnahme auf andere ist Egoismus. Zur christlichen Freiheit gehört auch, bereit zu sein zum Verzicht, um den Nächsten nicht zu gefährden; also auch auf die Geburtstagsparty mit Freunden zu verzichten und sich stattdessen über Skype oder vom Balkon aus zuzuprosten. Noch immer erkranken täglich Menschen an Covid-19, noch immer sterben Erkrankte an dieser Krankheit. Auch wenn die Zahl der Neuinfizierten sinkt, so ist das noch lange kein Grund zur Entwarnung. Haben wir also Geduld und den Mut, abzuwarten und den Forschern Zeit zu geben, wirksame Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln, anstatt auf schnelle Lockerungen zu drängen. Nicht das Durchsetzen persönlicher Vorteile, koste es, was es wolle, sondern das Vertrauen auf den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit, mit dem uns Gott auch in dieser schwierigen Zeit beschenkt, gibt wirkliche Freiheit.

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Bleiben Sie verbunden in diesem Geist – im Beten und Hoffen für einander, wenn auch trotz Öffnung der Läden und Kirchen noch immer in angemessenem räumlichem Abstand zueinander. Auch das ist ein Zeichen der Freiheit und der Liebe, an denen man uns Christen erkennen soll. Gott behüte Sie. Bild: Privat