Kunst - Lorscherin Anna-Maria Nimz-Fettel hat ein Buch über ihren Lieblingsmaler Paul Klee verfasst Vom goldenen Fisch bis zum unfertigen Engel

Von 
Nina Schmelzing
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Lorsch. Der „goldene Fisch“ ist schuld. Anna-Maria Nimz-Fettel sah eine Abbildung dieses berühmten Gemäldes zum ersten Mal in einem Lesebuch – und war fasziniert. Diese erste Begegnung sei von einer „magnetischen Anziehungskraft“ gewesen, berichtet sie. Das ist viele Jahrzehnte her, Nimz-Fettel war damals noch Schülerin. Die Begeisterung für Paul Klee, die in jungen Jahren geweckt wurde, hat die heute 75-Jährige allerdings nie mehr losgelassen.

Das Buch im Bernardus-Verlag ist unter anderem auch in der Lorscher Buchhandlung zu erwerben. © Funck
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Sie hat seitdem nicht nur zahlreiche Bücher über den in der Schweiz geborenen deutschen Maler gelesen. Mehr als 40, so schätzt sie. Nimz-Fettel hat jetzt selbst ein Werk mit Bildbetrachtungen über ihren Lieblingskünstler verfasst, der als einer der vielseitigsten Maler des vorigen Jahrhunderts gilt.

Verlag mit religiöser Literatur

Es handelt sich nicht um das erste Buch von Anna-Maria Nimz-Fettel. Die frühere Lehrerin an der Wingertsbergschule, die 40 Jahre lang unterrichtete, hat zum Beispiel bereits über die Lorscher Kirche von St. Nazarius geschrieben und über die Nibelungensage – so, dass sich auch Kinder für die „coole Story“ interessierten. Ihr neues Werk ist bei Bernardus erschienen. Der Verlag mit Sitz in Aachen hat sich auf religiöse Literatur spezialisiert. Als die Hobby-Autorin dort anrief und von ihrem Manuskript berichtete, forderte der Lektor sie umgehend dazu auf, es einzuschicken.

Ohne Corona-Krise wäre das Buch mit dem Titel „Komm mit!“ wohl im Verlagsprogramm auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt worden. Bekanntlich aber fiel die Messe aus. Wie Tausende andere Neuerscheinungen auch ist das Werk inzwischen ohne eine entsprechende Vorab-Präsentation vor großem Publikum in den Handel gelangt.

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Dass ihre Gedanken zu Paul Klee interessieren, das hat Nimz-Fettel bereits zuvor in Lorsch erfahren. Für den ökumenischen Bibelkreis nämlich hatte sie Abbildungen ihres Lieblingsmalers regelmäßig mit Bibeltexten zu Bildbetrachtungen verbunden und festgestellt: „Klees Werk ist eine Fundgrube, nein, ein Schatz, um Gott zu begegnen.“ Die Teilnehmer der Bibelabende baten dann darum, dass Nimz-Fettel alle Bilder und Texte zusammenfassen möge. Sie seien zu schade, um sie zu vergessen.

26 ihrer Bildbetrachtungen hat Nimz-Fettel in dem 150 Seiten starken Buch nun versammelt. Es sind kurze, durchschnittlich je drei Seiten umfassende Texte, das entsprechende Werk von Paul Klee ist stets dazu abgedruckt. „Tempel der Sehnsucht“, „Botschaft des Luftgeistes“, „Der Seiltänzer“, „Unfertiger Engel“ sowie „Der Pauker“ aus der späten Schaffensphase des Künstlers hat sie zum Beispiel für ihre Besprechungen ausgesucht.

Rosenwind oder Streit in der Hölle

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Es handle sich um „ganz persönliche Deutungen“, unterstreicht Nimz-Fettel. „Paul Klee möge mir verzeihen, wenn sie unrichtig sein sollten“, fügt sie an. Viele Fragen und direkte Ansprachen gehören dazu, die den Leser ins Bild ziehen und zum Nachdenken anregen. Beim Gemälde „Rosenwind“ etwa, 1922 entstanden und in einem kräftigen Rot gehalten, wird nach einem passenderen als dem scheinbar niedlichen Titel gesucht. Selbst Kinder sähen eher „Raketen im Feuersturm“ oder „Streit in der Hölle“ als eine romantische Szenerie, schreibt Nimz-Fettel, die auch Religion unterrichtet hat und in dem Bild von Klee eine Naturdarstellung erkennt. Von der „Natur als Schlüssel zum Schöpfungsganzen und zur Entdeckung ihrer inneren Kräfte“ schreibt sie.

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An Klee, der am berühmten Bauhaus unterrichtete, mit Kollegen wie Kandinsky die Gruppe „Blaue Vier“ gründete, und dessen Werke von den Nazis aus deutschen Museen entfernt wurden, schätzt die Lorscherin seine immense künstlerische Bandbreite. Der Maler, der von Schülern als „Bauhausbuddha“, Magier und Schweiger verehrt wurde, lasse sich in kein Genre einsortieren. „Kein richtiger Kubismus, keine hundertprozentige Abstraktion, kein darstellender Expressionismus, kein Surrealismus, kein Konstruktivismus, Pointillismus – aber von allem etwas“, sagt Nimz-Fettel.

Klee, der im Alter von 55 Jahren unheilbar erkrankte und 1940 mit erst 60 Jahren starb, habe zudem über immenses Wissen verfügt. Der Künstler, der mit wenigen Linien tiefe Emotionen zum Ausdruck bringen konnte und „immer wieder überraschend Neues entdeckte“, ist für die Lorscherin „einfach genial“.

„Manche Bilder von Paul Klee gefallen mir überhaupt nicht“, räumt die Autorin ein. Manche blieben für sie „stumm“. Für ihr Buch hat sie aus den unzähligen anderen eine Auswahl getroffen: Bilder des „religiösen Denkers“, die mit dem Betrachter „sprechen“.

Den goldenen Fisch sucht man in „Komm mit!“ vergeblich. Nicht deshalb, weil er für Nimz-Fettel die Faszination verloren hätte. Sie habe aus dem riesigen Werk des Malers nur nicht unbedingt eines der bekanntesten Gemälde aufnehmen wollen, erklärt sie auf Nachfrage. Nach der Lektüre ihres Buches habe sich aber schon mancher auch eine Abbildung des goldenen Fisches angesehen, weiß sie – und freut sich, wenn andere das Interesse für Klee teilen.

Redaktion