Heimat- und Kulturverein - Künstler Gunter Demnig verlegt am 27. Oktober weitere sieben Gedenksteine für ehemalige Lorscher Mitbürger, darunter Claude Abraham Stolperstein erinnert an Ehrenringträger

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red
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Lorsch. Am 27. Oktober (Samstag) verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig weitere sieben Stolpersteine für ehemalige Lorscher Mitbürger. Der Lorscher Heimat- und Kulturverein zeichnet in einer Pressemitteilung deren Geschichte, Leben und Schicksal nach.

Claude (Kurt) Abraham im Jahr 1944 in Gueret Frankreich. © Familie Abraham
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Der erste Verlegeort ist die Kirchstraße 12, das frühere Wohn- und Geschäftshaus der Familie Abraham. Die Abrahams wohnten seit 1853 in diesem Haus. Die Familie erwarb sich in drei Generationen einen so ausgezeichneten Ruf mit ihrem Geschäft, dass die Lorscher ihre Straße bald Süßkind-Gass’ nannten, nach dem Begründer des Geschäftes, Süßkind Abraham.

Bevölkerung ist eingeladen – Gäste aus Berlin und Tel Aviv

Die Bevölkerung ist zur Verlegung der Stolpersteine am 27. Oktober eingeladen. Der Beginn ist vom Künstler für 11.30 Uhr avisiert.

Versammlungsort ist der kleine städtische Parkplatz in der Kirchstraße gegenüber der Hausnummer 12. Der Parkplatz wird zu diesem Zweck für die Dauer der Verlegung abgesperrt.

Aus Anlass der Verlegung werden zwei Nachfahren der Familien Marx und Schnauzer nach Lorsch kommen. Die beiden Damen wohnen heute bei Berlin und in Tel Aviv. Sie sind jeweils die Großnichten der Ermordeten.

Insgesamt werden nach dem 27. Oktober in Lorsch 26 Stolpersteine an sieben Adressen verlegt sein.

Für das Jahr 2019 sind weitere Verlegungen für ehemalige jüdische Mitbewohner in der Bahnhofstraße vorgesehen. red

Dessen Sohn Abraham Abraham, geboren 1854, baute Haus und Geschäft zu einem kleinen Kaufhaus aus und übernahm von seinem Onkel Samuel Abraham dessen im 19. Jahrhundert gegründete Auswanderer-Agentur des Norddeutschen Lloyd. Die Agentur betrieb der Seniorchef bis ins hohe Alter. Die Lizenz war an ihn persönlich gebunden und die Behörden versagten die Weitergabe an seinen kriegsversehrten Sohn Sigmund.

Der hatte die Zwingenbergerin Johanna Wachenheimer geheiratet. Zusammen betrieben sie das kleine Kaufhaus. Der Schwerpunkt der Tätigkeit waren Stoffhandel und die angeschlossene Polsterei. 1931 kam Kurt zur Welt, das einzige Kind von Johanna und Sigmund.

Drei Familien ermordet

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Die Abrahams wurden wie keine zweite Lorscher Familie vom Pogrom 1938 getroffen und zahlten anschließend einen enormen Blutzoll im Holocaust. Von Abraham Abrahams sechs Kindern wurden drei samt ihrer Familien komplett ausgelöscht. Der Schwiegersohn seiner ältesten Tochter Frieda war bereits 1938 in Buchenwald ermordet worden. 1939 flohen die letzten vier Lorscher Abrahams nach Frankreich. Sigmund und Johanna wurden dort interniert und 1942 über Drancy nach Auschwitz verbracht und ermordet. Ihrem elfjährigen Sohn Kurt gelang allein die Flucht. Sein Opa Abraham erlebte im Versteck noch die Befreiung Frankreichs durch die Alliierten, bevor er 90-jährig im Exil verstarb.

Geschäft und Wohnung in der Kirchstraße 12 waren im November 1938 mit einer für Lorsch beispiellosen Heftigkeit und Brutalität verwüstet und geplündert worden. Die vier Abrahams standen hilflos auf der Straße und erlebten gleichzeitig die Brandstiftung der ihrem Haus gegenüberliegenden Synagoge. Kurt, der heute Claude Abraham heißt und in Los Angeles lebt, hat diese Kindheitserinnerung in seinem Buch „Auf dem Floß“ nachdrücklich geschildert. Der Ehrenringträger der Stadt Lorsch (2001) freut sich, dass es nun auch zu Verlegungen von Stolpersteinen für seine Familie kommt. Aus gesundheitlichen Gründen muss er auf die weite Anreise verzichten.

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Der zweite Verlegeort ist die Bahnhofstraße 33. Auch dieses Haus hat eine lange Tradition (seit 1836) als jüdisches Lorscher Geschäftshaus. 1908 hatte Josef Marx das Geschäft von seinem Vater übernommen. Zusammen mit seiner Frau Mathilde, die aus Nauheim stammte, verkaufte er Betten, Bettfedern, Weißwäsche und andere Manufakturwaren. Josef starb im Oktober 1935, seine Mutter sechs Tage später, und Mathilde lebte nun mit ihrem einzigen Sohn Simon, der 1913 geboren war, zunächst allein in dem Haus. An eine weitere Geschäftstätigkeit war wegen des Judenboykotts nicht zu denken. In dieser Zeit zog Josefs ältere Schwester Lina Schnauzer, geb. Marx, aus Jena zurück nach Lorsch (von existiert kein Foto). Über den Verbleib ihres Mannes Menachem Schnauzer ist nichts bekannt. Lina hatte ihren aus Lemberg in Galizien stammenden Mann 1907 in Lorsch geheiratet. Als sie nun in ihren Heimatort zurückkehrte, wurde sie als staatenlos geführt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie irgendwann im Zusammenhang mit der Staatenlosigkeit ihres Mannes ebenfalls ausgebürgert wurde. Ob dies im Zuge der Ausweisung von „Ostjuden“ im Oktober 1938 aus Thüringen, wo die Familie Schnauzer lebte, geschah, lässt sich nicht mehr sagen.

Begehrtes Visum für die USA

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Simon Marx wurde zusammen mit anderen Lorscher Juden 1938 nach Buchenwald verbracht, wo ihm die Ausreise abgenötigt wurde. Es gelang ihm, eines der begehrten Visa für die Vereinigten Staaten zu erhalten und noch nach Kriegsbeginn im Dezember 1939 über Holland zu fliehen. Die Vorgänge in Buchenwald, Lorscher Juden betreffend, schilderte er 1955 in einer eidesstattlichen Versicherung. Er lebte und starb 1962 in New York. Simons Mutter Mathilde Marx beantragte im Alter von 65 Jahren im Oktober 1940 noch erfolglos ein Visum für England. Sie hatte, wie alle älteren Leute, nicht die geringste Chance auf einen der Quotenplätze. Für ihre gleichaltrige staatenlose Schwägerin Lina Schnauzer gab es ohnehin auch einen solchen theoretischen Fluchtweg nicht mehr. Beide wurden im September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Mathilde Marx überlebte nur noch sechs Monate; Lina Schnauzer erlitt das weitere Martyrium einer Deportation nach Auschwitz, wo sie am 16. Mai 1944 ermordet wurde. red

Spendenkonten für das Projekt Stolpersteine in Lorsch: Heimat- ...

Spendenkonten für das Projekt Stolpersteine in Lorsch: Heimat- und Kulturverein Lorsch e.V. Bezirkssparkasse Bensheim IBAN: DE46 5095 0068 0002 0010 06 Volksbank Kreis Bergstraße e.G. IBAN: DE72 5089 0000 0040 0050 05