Kläranlage - Baukosten für Erneuerung beschlossen / Gespräche mit KMB und Riedkommunen, um Abwassergebühren stabil zu halten Mehr als elf Millionen Euro für Pumpwerk und Hebeanlage nötig

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Nina Schmelzing
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Nötige Maßnahmen für die Lorscher Kläranlage machen sich in höheren Abwassergebühren bemerkbar. Ob Lorsch eigenständig bleibt, wird diskutiert. © Neu

Lorsch. Über die Kläranlage wird derzeit viel diskutiert in Lorsch. Schließlich müssen die Bürger seit diesem Jahr deutlich höhere Abwassergebühren bezahlen. Um etwas mehr als einen Euro auf jetzt 3,98 Euro pro Kubikmeter ist die Gebühr gestiegen. Auch in der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses war die Kläranlage nicht nur einmal Thema. Zum einen wurde von den drei Fraktionen CDU, Grünen und PWL beantragt, dass Lorsch mit umliegenden Kommunen und Verbänden Gespräche über mögliche Zusammenschlüsse beim Abwasser führen soll. Zum anderen ging es um die Erneuerung des Pumpwerks und des Zulaufhebewerks in Lorsch.

Ein Thema, das viele bewegt Die Gebührenstruktur sei "ein ...

Ein Thema, das viele bewegt Die Gebührenstruktur sei "ein Thema, das viele bewegt", erklärte Ferdinand Koob (CDU) in der Sit zung des Finanzausschusses. Mit einer Schmutzwassergebühr von 3,98 Euro pro Kubikmeter verlange

Pausenlos in Betrieb – jetzt kaputt

„Wir wollen nicht irgendwann Spitzenreiter sein“

Bei der Kläranlage sei „viel Expertise“ erforderlich, stellte Ferdinand Koob (CDU) fest. Es gehe es um ein „sehr komplexes Thema“, sagte auch Bürgermeister Christian Schönung im Finanzausschuss. Diesen Aussagen widersprach niemand. Es seien Beratungen mit erfahrenen externen Experten nötig. Der Arbeitsauftrag an den Magistrat werde sehr ernst genommen, dankte der Verwaltungschef auch für die Unterstützung durch den einstimmig beschlossenen Antrag, Gespräche mit dem KMB und den Riedkommunen zu führen.

Dirk Sander meldete Zweifel an, ob der Antrag von CDU, Grünen und PWL zwingend in der Finanzausschusssitzung im Rahmen der Haushaltsberatung gestellt werden musste. Selbstverständlich sei er notwendig, erklärte Christian Walter (PWL). Die 11,3 Millionen Euro für die Erneuerung von Pumpwerk und Hebeanlage „müssen wir schlucken, um die Kläranlage am Laufen zu halten“, erinnerte er. Das Thema Abwassergebühren werde nicht allein die Kommunalpolitiker noch lange beschäftigen. Es vergehe bereits jetzt kaum ein Tag, an dem er nicht auf dieses Thema angesprochen werde, berichtete der PWL-Fraktionschef.

Ziel sei es, „nicht irgendwann Spitzenreiter in Südhessen zu werden“, so Walter mit Blick auf die bereits überdurchschnittlich hohen Gebühren in Lorsch. Schnellstmöglich gelte es, nach Synergien Ausschau zu halten. Bürstadt befinde sich mit seiner Kläranlage allerdings in einer ähnlichen Situation, meinte er zum „Jahrhundertprojekt“.

Man habe sich „immer auf die Schulter geklopft und gesagt: Es geht noch“, sagte Matthias Schimpf (Grüne) zur Kläranlagen-Geschichte. Instandhaltungen seien unterlassen worden. Aus zwei schwachen Partnern werde allerdings selten ein starker, meinte er zu möglichen Zusammenschlüssen – und aus einem Zweckverband komme man nicht mehr schnell heraus, sondern sei dann Teil des Ganzen.

„Wir stehen an einem Scheideweg“, umschrieb Alexander Löffelholz (CDU) die Entscheidungen zur Kläranlage. Dirk Sander meinte, dass aber auch andere Kläranlagen in ihre Werke investieren werden oder müssen. Bei Gebühren wie die 1,50 Euro pro Kubikmeter in Bensheim könnten diese dann auch nicht stehenbleiben. sch

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Der Lorscher Bauamtsleiter Volker Knaup stellte den Gremiumsmitgliedern die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie vor, die bei einem auf Wasser und Umwelt spezialisierten Ingenieurbüro in Koblenz zum Pumpwerk und dem Zulaufhebewerk in Auftrag gegeben worden war. Er ließ es dabei nicht an Deutlichkeit fehlen. Die Bauwerke schließlich sind bereits 50 Jahre alt – und seitdem pausenlos in Betrieb. „Sie laufen täglich 24 Stunden“, erinnerte Knaup. Zwar sei die Belastung unterschiedlich. Am Gesamtbild ändert das allerdings nichts. „Sie sind kaputt, fertig“, unterstrich Knaup mit Blick auf die lange Dauer.

Die Kläranlage sei zwar vor 25 Jahren saniert worden, am Pumpwerk in der Lagerhausstraße und der Hebeanlage habe man damals aber nichts erneuert. Bei den beiden Bauwerken handle es sich jedoch um „elementare technische Bestandteile“, zeigte der Bauamtsleiter auf. Gerade bei Starkregen oder im Falle eines möglichen Hochwassers ist ein gut funktionierendes Pumpwerk unverzichtbar. Auch beim Zulaufhebewerk sollten Rückstauungen oder Ablagerungen möglichst vermieden werden.

Beim Vergleich unterschiedlicher Varianten – Neubau des Pumpwerks Ostsammler am derzeitigen Standort oder alternativ auf dem Gelände der Kläranlage mit zusätzlichem Ausbau des vorhandenen Kanals – sprachen sich die Ingenieure für die Modernisierung am bisherigen Standort aus. Die Empfehlung, das Pumpwerk in der Lagerhausstraße als Neubau in Fließrichtung, also oberstromig zum vorhandenen Bauwerk, herzustellen, gab auch der Magistrat – und auch die Mitglieder des Finanzausschusses schlossen sich ihr jetzt einstimmig an.

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Die Baukosten steigen bei der Wahl dieser Variante zwar noch einmal um rund 300 000 Euro auf nun 7,3 Millionen Euro. Als Vorteil bei der Entscheidung fiel aber ins Gewicht, dass die vorhandene Bausubstanz weiter genutzt werden kann und vom neuen Bauwerk Langlebigkeit zu erwarten ist.

Einigkeit gab es auch für die Erneuerung der Hebeanlage mit einem kombinierten Kreisel- und Schneckenpumpwerk. Die Baukosten hierfür betragen voraussichtlich vier Millionen Euro und wurden im Haushaltsplan 2021 veranschlagt.

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Dirk Sander (SPD) fragte nach, wie sicher die Kostenschätzung diesmal sei. Schließlich war die Ausschreibung zuvor wegen zu hoher Angebote aufgehoben worden. Bauamtsleiter Knaup verwies auf die transparente Kostenberechnung. Er unterstrich aber gleichwohl, dass Risiken niemals völlig auszuschließen seien.

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Weitere Diskussionen blieben in der Ausschuss-Sitzung dazu aus, denn einig waren sich alle, dass die beiden Baumaßnahmen unbedingt nötig sind. Über das Risiko von Überflutungen habe sich mancher zuletzt doch etwas „erschrocken“ gezeigt, sagte Dirk Sander über den Ernst der Lage.

Volker Knaup bekräftigte, dass Pumpwerk und Hebeanlage zu erneuern seien, und zwar unabhängig von der Entscheidung, ob sich die Kläranlage Lorsch irgendwann anderswo anschließen wolle.

Als „alternativlos“ bezeichnete den gefassten Beschluss auch Ferdinand Koob (CDU). Die Erhöhung der Abwassergebühr sei „für viele überraschend“ in dieser deutlichen Höhe gestiegen, so der CDU-Fraktionschef. In den kommenden Jahren stünden noch „große Investitionen“ bei der Kläranlage an. Es seien deshalb Möglichkeiten auszuloten, ob in Zusammenarbeit mit anderen Kommunen Synergien und eine finanzielle Entlastung für die Gebührenzahler in Lorsch erreicht werden könnten, so Koob, der den entsprechenden gemeinsamen Antrag von CDU, Grünen und PWL einbrachte. Diesem wurde im Finanzausschuss einhellig zugestimmt.

Bensheim, Bürstadt, Lampertheim

Beschlossen wurde damit, dass der Magistrat mit den umliegenden Kommunen und Verbänden Gespräche führen soll, ob Synergien im Bereich eines interkommunalen Zusammenschlusses im Bereich Abwasser eine „reduzierende Wirkung auf die Höhe der zu tätigenden Investitionen und damit die Gebühren für die Lorscher“ haben könnten. Vor allem mit Bürstadt, Lampertheim und dem KMB (Zweckverband Kommunalwirtschaft Mittlere Bergstraße) in Bensheim sollen diese Gespräche erfolgen.

Ermittelt werden soll, ob Synergien günstiger für die Lorscher werden könnten als der Betrieb ihrer Kläranlage weiterhin in Eigenregie. Nicht zuletzt die in Lorsch anvisierte Aufrüstung der Kläranlage mit einer vierten Reinigungsstufe dürfte zu einer weiteren Gebührenerhöhung beim Abwasser führen, erinnerte Ferdinand Koob.

Die Ergebnisse sollen dann „so zeitnah wie möglich“ den Gremien vorgelegt werden. Auch die Frage, ob weitere Planungsmittel zur Ermittlung erforderlich sind, sei zu klären, heißt es in dem Beschluss.

Redaktion