Kloster Lorsch - „Fund des Monats“ morgen in der Zehntscheune Lorscher Denar ist wieder zu sehen

Von 
Thomas Tritsch
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Lorsch. Die neue Saison im Schaudepot Zehntscheune wurde kurz nach der Eröffnung im März von der Corona-Krise getroffen. Am Sonntag (17.) öffnet die Einrichtung, in der archäologische Zeugnisse aus der rund 800-jährigen Klostergeschichte gezeigt werden, wieder. Bis Oktober wird Gästen regelmäßig ein interessantes Objekt präsentiert.

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Mit diesem „Fund des Monats“ richtet die Unesco Welterbestätte Kloster Lorsch den Blick auf 2000 Jahre örtlicher Geschichte und zwei Jahrhunderte lokaler Archäologie. Gegen einen Euro Eintritt können sich Besucher im Alleingang durch die drei Kompartimente bewegen und sie in aller Ruhe durchstreifen.

Der erste „Fund des Monats“, im März wegen Corona nur kurz zu sehen, beweist, dass auch kleinste Exponate ein immenses historisches Gewicht haben können: Es geht um eine Münze, die zwei Zentimeter Durchmesser aufweist und 1,7 Gramm auf die Waage bringt. Der Lorscher Dorestad-Denar entstand um das Jahr 820 in der Münzprägestätte von Dorestade, einer alten karolingischen Handelssiedlung in Friesland – eine Region, die heute zur Niederlande gehört. Der altertümliche „Pfennig“ (Denar) entspricht den Vorgaben, die Karl der Große 794 anlässlich der Frankfurter Synode veröffentlicht hatte. Seine Vorderseite zeigt ein Kreuz und den Namen Kaiser Ludwigs des Frommen. Auf der Rückseite liest man den Namen des Prägeorts „Dorestatus“.

Der Euro des frühen Mittelalters

Der Denar war so etwas wie der Euro des 9. Jahrhunderts, so Welterbeleiter Hermann Schefers. Eine Silbermünze, die den Handel Mitteleuropas beherrschte, aber auch anderswo gern gesehen war. Ab Ende des 8. Jahrhunderts entwickelte er sich zu einer Art europäischer Normwährung. 794, anlässlich der Synode von Frankfurt, wurde der Denar verbindlich als Zahlungsmittel eingeführt. Es handelte sich um eine reine Silberwährung, während damals in Byzanz auch Goldmünzen oder – im angelsächsischen Bereich – auch Kupfermünzen kursierten. Vereinzelt gab es aber auch im Frankenreich kleinere Silbermünzen, sogenannte Obolen. Aus Ingelheim ist auch eine Goldmünze bekannt, die den Wert eines Solidus (entspricht zwölf Denare) hatte.

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Sein Wert lässt sich allerdings heute nur schwer beziffern: In Silber aufgewogen (0,7 Gramm) kommt man gegenwärtig auf 85 Cent. Aber man konnte mit einer Münze um das Jahr 800 auch zirka 78 Liter Hafer kaufen, wofür man heute etwa 6,17 Euro anlegen müsste. Oder man bekam knapp 10 Kilogramm Brot im Gegenwert von rund 28 Euro.

Den Ort Dorestad gibt es heute nicht mehr. Die niederländische Gemeinde Wijk bij Duurstede überliefert den Namen der im 9. Jahrhundert nach mehreren Wikingerüberfällen und einem verheerenden Rheinhochwasser untergegangenen und erst 1925 wieder gefundenen Handelssiedlung. Sie zog sich entlang des Lek, eines der vielen Arme des Rheinmündungsdeltas, und bot viel Platz für Handelsschiffe, die aus den Rheinlanden Wein und Getreide sowie aus dem Norden vor allem Pelze anlieferten. Ein fränkisches Kastell sicherte die Siedlung, die im Auftrag des Königs den Denar geprägt hat.

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Mit der Akzeptanz von Münzen schritt der Wechsel vom Naturalientausch zur Geldwirtschaft voran. Gerade für das Kloster Lorsch, dessen Besitz sich entlang des Rheins über Hunderte von Kilometern erstreckte, war es wichtig, Produkte verkaufen zu können und den Gegenwert in Geld einzuziehen. Mit der Durchsetzung der Geldwirtschaft begann auch ein enger werdendes Netz an Marktorten interessant zu werden, wie man das besonders anschaulich in unserer Region im 10. und 11. Jahrhundert beobachten kann. Bei Grabungen sind einige Münzen im Kloster Lorsch gefunden worden.

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Der Bezug zu Lorsch ist nach Angaben des Historikers einfacher, als man denken möge. Denn genau auf der anderen Seite des Lek, in Sichtweite von Dorestad, liegt die heutige Gemeinde Rijswijk, ein Ortsteil von Buren. Um 800 hieß der Ort noch Riswich und gehörte zum Besitz des Klosters Lorsch. Die Abtei des Heiligen Nazarius war reich begütert im heute niederländischen und deutschen Gelderland und profitierte natürlich vom Handel und von der Schifffahrt. „So manch ein Fässchen Bergsträßer Weins mag damals den Rhein hinab den Weg zu fernen Absatzmärkten gefunden haben.“ Aber auch andere Produkte, darunter solche die im Kloster selbst entstanden sein können. In Lorsch hingegen schätzte man das begehrte Siedesalz aus der Region. Aber auch Rinderhäute, für die gutes Geld gezahlt wurde, wenn es sich dabei um das begehrte Kalbspergament handelte, das in der Klosterschreibstube wichtige Zwecke erfüllt hat.

Die Zehntscheune auf dem Welterbe-Areal ist ab 17. Mai immer sonntags und feiertags von 10 bis 17 Uhr zu besichtigen.

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