Museumszentrum - Sonderschau läuft bis 26. April / Vitrinen, Texttafeln und Mitmach-Stationen führen ins Thema ein Lorscher Ausstellung zeigt: So lebten Kinder im Mittelalter

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Nina Schmelzing
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Die Museumspädagoginnen Berenike Neumeister, Claudia Götz und Patricia Scheuermann (von rechts) gestalteten für die Ausstellung „Kindheit im Mittelalter“ begehbare Bilder wie diese Weschnitz-Landschaftsszene. © Neu

Lorsch. Früher war alles besser? Ob das auf das Kind sein anno dazumal zutrifft, darüber kann man sich jetzt im Lorscher Museumszentrum eine Meinung bilden. In einer neuen Sonderausstellung steht dort „Kindheit im Mittelalter“ im Zentrum. Die „ungewöhnliche Ausstellung“, wie sie Welterbestättenleiter Dr. Hermann Schefers bei der Eröffnung bezeichnete, richtet sich besonders auch an ein junges Publikum. Denn zusätzlich zu Objekten in Vitrinen sowie Texttafeln zur Information gibt es einen Mitmach-Teil. Einen Eindruck von der Lebenswirklichkeit der Jüngsten damals können Kinder – und natürlich auch ältere Besucher – auf spielerische Art in begehbaren Szenen erleben und beim Lösen von Aufgaben.

Workshops und Lesenächte

Zur Sonderausstellung werden vier Familiennachmittage im Kloster Lorsch organisiert, und zwar am 8., 21. und 29. März sowie am 19. April.

Nach der etwa einstündigen Führung werden in Workshops zum Beispiel Spielsachen getöpfert oder Quendelkekse gebacken, Steckenpferdchen und Windrädchen gebastelt oder ein Familienwappen erstellt. Um Anmeldungen jeweils eine Woche vor der Veranstaltung wird gebeten, die Teilnehmerzahlen sind begrenzt.

Auch drei „Lesenächte“ gehören zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Kindheit im Mittelalter“. Sie finden am 14. März, 3. und 24. April statt.

Sie beginnen um 17 Uhr, dauern je etwa drei Stunden und sind für Teilnehmer ab acht beziehungsweise zehn Jahren konzipiert.

Im Mittelpunkt stehen Romane für junge Leute, die im Mittelalter beziehungsweise in einem Kloster spielen, etwa der Rate-Krimi „Mönch ohne Gesicht“ oder auch „Verrat am Bischofshof“. sch

Viele starben in jungen Jahren

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Von guten Startbedingungen für ihren Nachwuchs konnten viele Eltern einst nur träumen, Rechte hatten die Kinder keine. Schon das nackte Überleben war alles andere als gesichert. Claudia Götz, Leitern der Lorscher Museumspädagogik, sprach zur Ausstellungseröffnung von einer mit etwa zehn Prozent „erschütternd“ hohen Sterblichkeitsrate bei Säuglingen – und fast jedes zweite Kind starb, noch bevor es den siebten Geburtstag feiern konnte.

Wirtschaftliche Not oder auch die „Schande“, ein uneheliches Kind geboren zu haben, führten zudem zu vielen Kindsmorden. Müttern wurden sie als schweres Verbrechen angelastet, Väter seien „nicht belangt“ worden, erfährt man in der Ausstellung. Häufig setzten verzweifelte Mütter, die keine Chance sahen, ihre Babys durchzubringen, die Kleinen auch an Findelhäusern aus.

Wohlhabende achteten dagegen darauf, mehr Kinder zu haben, auch um das Familienerbe zu erhalten. Ammen seien bei adligen Familien schon deshalb gern beschäftigt worden, damit sich die Frau des Hauses nicht lange mit dem Stillen aufhalten musste, sondern sich auf das Gebären weiteren Nachwuchses konzentrieren konnte.

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Mit nährstoffreichem Bier wurden quengelige Säuglinge einst offenbar ebenso selbstverständlich ruhiggestellt wie mit Nuckelsäcken, die Schlafmohn-Samen enthielten. Motive zeitgenössischer Abbildungen zeigen Babys in der Ausstellung zudem oft fest wie Mumien eingewickelt, so dass sie wohl nur den Kopf bewegen konnten. Das feste Einschnüren mit Bändern sollte sie auch vor dem Herausfallen aus der Wiege schützen.

In der Ausstellung werden Themen wie etwa der berüchtigte Kinderkreuzzug im Jahr 1212 nicht ausgespart, bei dem Tausende Kinder vor allem aus armen Kreisen auf den Weg zum Heiligen Grab nach Jerusalem geschickt wurden. Die Schau führt aber vor allem in Themen wie Erziehung, Spiel und Unterricht ein. Beispielhaft kann man sich an Hand von verschiedenen Mädchen- und Jungenfiguren – etwa den Bauernkindern Mila und Thomas, Klosterschüler Cäsarius oder Knappe Giselher – unterschiedliche Kindheiten vermitteln lassen. Junge Leibeigene wuchsen schließlich völlig anders auf als junge Adlige.

Was kam im Kloster auf den Tisch?

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Berenike Neumeister und Patricia Scheuermann, Mitarbeiterinnen der Museumspädagogik, haben im Obergeschoss des Museumszentrums einen ansprechenden Mitmach-Teil gestaltet. Beschäftigen kann man sich dort zum Beispiel mit der Frage, was bei Cäsarius wohl auf den Tisch kam, was die Bauernkinder aßen und was junge Ritter beim Bankett speisten – und heutzutage selbstverständliche Lebensmittel wie Schokolade und Tomaten für alle drei Gruppen gleich eigenhändig aussortieren.

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Die Lorscher Schau soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zum Dialog anregen, wünschen sich die Ausstellungsmacher. Die Lösungen auf alle Fragen werden in der Ausstellung mitgeliefert, werden aber bewusst nicht gleich auf den ersten Blick präsentiert. „Spicken ist erlaubt“, betont Berenike Neumeister, dass Nachschauen gern gesehen ist.

In drei Dioramen, die für die Ausstellung gestaltet wurden, kann man in einer Weschnitzlandschaft auf kleinen Ochsen Platz nehmen, sich in einer Kemenate niederlassen oder in einem Skriptorium und sich mit Aufgaben eines Knappen oder Edelfräuleins beschäftigen.

Ausschnittvergrößerungen von Werken des berühmten niederländischen Malers Pieter Bruegel – bekannt etwa durch seine wimmelbildartigen Kinderszenen – bilden den Hintergrund für die Lese-Ecke. Am Schluss der Ausstellung warten unter anderem auch ein kleiner Webstuhl und ein Tisch mit einem Schach-Spiel auf interessierte Gäste.

In Vitrinen werden Exponate wie eine Wiege, Spielzeug aus Naturmaterial, ein Abakus sowie originale Kleinfunde aus Lorsch gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet und läuft im Obergeschoss des Museumszentrums bis zum 26. April.

Redaktion