Kloster - Eine Art Signatur verrät die gleiche Urheberschaft spätgotischer Wandbilder Künstlerische Brücke zwischen Königshalle und Kurfürstensaal

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Thomas Tritsch
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Die Königshalle in Lorsch bietet immer wieder überraschende Erkenntnisse: Eine künstlerische Verbindung gibt es zum Amtshof in Heppenheim. © Neu

Bergstraße. Die Welterbestätte Lorsch gilt als prominentes Forschungszentrum des Frühen Mittelalters. Nicht zu unrecht. Die Königshalle der früheren Abtei sowie archäologische Reste des Klosterkomplexes gehören zu den seltenen spätkarolingischen Bauten, die bis heute in ihrem ursprünglichen Aussehen erhalten sind. Abseits der wissenschaftlichen Ebene weniger bekannt ist ein historisches Detail, das einen direkten Bezug zum Kurmainzer Amtshof in Heppenheim zeigt: Im Kurfürstensaal sieht man spätgotische Wandmalereien gleicher Urheberschaft. Eine ästhetische Brücke zur Torhalle, die unter dem Begriff „Engelsfresken“ bekannt ist.

Zeit für vertiefende wissenschaftliche Recherchen

Aktuell entwickelt die Museumspädagogik der Welterbestätte Kloster Lorsch neue Führungen und Themenvorträge. „Die Coronakrise gibt uns Zeit für vertiefende wissenschaftliche und konzeptuelle Recherchen“, so Hermann Schefers.

Die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen hat sämtliche Veranstaltungen bis auf weiteres abgesagt. Konkret betrifft das den kompletten Betrieb des Freilichtlabors Lauresham und alle Aktionen der Museumspädagogik wie Führungen, Workshops und Vorträge.

Auch das Museumszentrum ist geschlossen. Das Klostergelände ist weiterhin frei zugänglich. tr

Historischer Kontext

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Die Gestaltung bietet auch dem interessierten Laien ein reizvolles Sujet zum Betrachten und Vergleichen vor Ort. Zwar handelt es sich bei den Wandbildern nicht um eine außergewöhnlich hohe und elaborierte Darstellungstechnik, wie Welterbeleiter Hermann Schefers anmerkt – doch ihr historischer Kontext und die Art der motivischen Dramaturgie sind ein genaueres Hinsehen durchaus wert. Die um das Jahr 1400 entstandenen Fresken stammen nicht nur aus der gleichen zeitgenössischen Werkstatt (vielleicht aus Mainz), sondern sind auch ein Spiegel allgemeiner künstlerischer und politischer Entwicklungen der damaligen Zeit. Einer Ära, in der das ehemalige Reichskloster bereits deutlich an Einfluss verloren hatte. Es gehörte ab 1232 zu Kurmainz und war ab 1248 eine Prämonstratenser-Propstei.

Nach den Benediktinern und Zisterziensern übernahm dieser Orden regulierter Chorherren das Kloster, das sich von einem Macht-, Geistes- und Kulturschauplatz zu einem eher regionalen Zentrum entwickelt hatte. Dennoch war die Propstei auch im 14. Jahrhundert noch in der Lage, um aufwendige Baumaßnahmen durchzuführen, die das Bild des Klosters auch in künstlerischer Überlieferung dauerhaft geprägt haben. Spätestens um 1380 bis 1390 wurde auch die Dachsituation der Königshalle grundlegend geändert, so der Historiker Schefers. Alle Wandflächen erhielten einen neuen Verputz, auf dem – an der nördlichen Giebelwand – Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria dargestellt sind. Dieser Marienzyklus ist perspektivisch recht anspruchsvoll gestaltet und passt sehr genau zur prämonstratensischen Phase, die bis zum Ende der Reformation Mitte des 16. Jahrhunderts angedauert hat. Denn die Mitglieder dieses römisch-katholischen Ordens gelten als innige Marienverehrer. Sie waren keine Mönche mehr, sondern ein Seelsorgeorden aus Kanonikern und Laienbrüdern, der in Lorsch im Jahre 1461 die Verpfändung des Klosters an die Kurpfalz erlebt hat.

Dem Kloster ging es damals nicht schlecht. Nach einer „Agrarkrise“ um 1320 mit Missernten, Epidemien, Klimawandel („Kleine Eiszeit“) und einem daraus resultierenden Massensterben in der Landwirtschaft kam etwa 1348 die Pest nach Mitteleuropa, wodurch die Bevölkerung einer angeschlagenen Welt weiter radikal dezimiert wurde. Eine Zeit, in der wieder viel gebetet wurde.

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Die Engelsbilder in der Torhalle zeigen dekorativ gestaltete liturgische Gewänder (Caseln), wie sie auch in Heppenheim erkennbar sind. Ein ästhetisches Merkmal, das als Signatur des Künstlers nachvollziehbar ist und den Bezug beider Orte herzustellen vermag. Die weitere Stilistik indes ist laut Schefers weniger prägnant und entspricht der damals konventionellen spätgotischen Malerei.

Die Ähnlichkeit zu den Figuren im Kurfürstensaal ist auffällig. Sie nehmen die symbolische Qualität der Lorscher Engel auf und offenbaren den gleichen Malstil – wenngleich sie hier übergroße Wappenschilde halten. Die Interpretation der Wappen nicht eindeutig, sie verweisen wahrscheinlich auf die Herkunft regierender Mainzer Erzbischöfe, wie das Landesamt für Denkmalpflege Hessen mutmaßt.

Restaurierung wenig gelungen

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Der Heppenheimer Hans Schupp schließt daraus, dass der Mainzer Erzbischof und Kurfürst Johann II. von Nassau (1397 – 1419) zwischen den Jahren 1398 und 1400 die Engel im Kurfürstensaal malen ließ. Die Konservierung der Heppenheimer Gemälde gilt als umstritten. Auch Hermann Schefers hält die Restaurierung im 19. Jahrhundert für weniger gelungen: „Die Motive sind in Heppenheim besser zu sehen als in Lorsch, aber schlechter erhalten.“ Der Wunsch nach einer ästhetischen „Verschönerung“ ging auf Kosten vom Anspruch an Originalität und Authentizität, wie er in Lorsch weitgehend erhalten geblieben ist.

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Interessant ist die perspektivische Spezialität der Abbildungen: Im Mittelalter gab es keine wahrnehmungsgetreue Raum- oder Körperdarstellung. Man bediente sich der Farbsymbolik und Bedeutungsgröße. Höhenunterschiede markierten das, was vorne und was hinten stehen sollte. Bildobjekte wurden gestaffelt und in Ebenen angeordnet. In Lorsch erkennt man auf drei Ebenen, dass die Engel nach oben hin kleiner dargestellt werden. Der Betrachter sieht sich somit einer anderen Qualität von Tiefenräumlichkeit gegenüber als in späteren Kunstwerken, etwa der Zentralperspektive in der Renaissance.

Angesichtes der Engelsfresken in Lorsch und Heppenheim findet sich der Betrachter an einer Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits. Eine Grenzerfahrung mit der paradiesischen Ewigkeit zwischen Gott und der Welt.

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