Thementag Natur II - Der Vorsitzende des Vogelvereins, Nicolai Poeplau, ermutigt die Bevölkerung, mehr zum Schutz der Natur zu unternehmen „Flächenverbrauch massiv einschränken“

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Lorsch. Bei der Eröffnung des Thementags Natur stand in diesem Jahr der „Vogelschutz in der Stadt“ im Mittelpunkt, erklärte Nicolai Poeplau (Bild: Weinbach), Vorsitzender des Lorscher Vogelvereins. Er begrüßte unter anderem den Schirmherrn Bürgermeister Christian Schönung, den CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Meister, die Kreisbeigeordneten Karsten Krug und Brigitte Sander, die Stadtverordnetenvorsteherin Christiane Ludwig-Paul und den Ehrenbürgermeister Klaus Jäger.

Schönung: „Grüne Lungen“ in der Innenstadt erhalten

Nach Einschätzung von Bürgermeister Christian Schönung haben die Thementage Natur in den vergangenen Jahren einen positiven Eindruck hinterlassen und teilweise auch zum Umdenken geführt.

Er regte an, bei Nachverdichtungen im Innenstadtbereich behutsam vorzugehen. Die Stadt müsse verhindern, dass „grüne Lungen“ in der Innenstadt verloren gehen. Dazukönne man die Versiegelung von Flächen untersagen. Auch Stein-Vorgärten ohne Grashalme böten kein Leben für die Tierwelt, so Schönung: „Wo keine Pflanzen gedeihen, gibt es keine Blüten und damit auch keine Insekten.“ Das Anlegen von Bienenweiden sieht er daher als eine notwendige Maßnahme für die Natur an.

Dachbegrünungen seien hingegen eher ein Plan für die Stadtentwicklung. Schönung sprach sich auch für Nistkästen an Häusern und gegen das gewaltsame Verschließen von Ritzen an Hauswänden aus, was unter anderem die Ansiedlung von Vögeln und Fledermäusen verhindere.

Auch tote Bäume solle man möglichst stehen lassen. Sie böten Lebensraum für verschiedene Gemeinschaften der Tierwelt.

Der Bürgermeister verwies auf die Arbeit der städtischen Umweltkommission. In dem Gremium sorgten „Experten dafür, Lorsch lebens- und liebenswert zu erhalten“. ml

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Das Thema Vogelschutz gehöre gewissermaßen zur Kernkompetenz des Vereins. So kamen die Fachvorträge zur Hälfte aus den eigenen Reihen. Das Thema sei aktuell, weil unter anderem der Weltbiodiversitätsrat der UN berichtet habe, dass in den kommenden Jahrzehnten etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten für immer verschwinden könnten.

Hälfte der Vogelarten gefährdet

Laut einem aktuellen Bericht des ZDF sei die Hälfte der 268 Vogelarten Deutschlands gefährdet. Bei der eigenen Vogelzählung haben die Lorscher festgestellt, dass von 72 registrierten Arten 19 auf der „Roten Liste“ stehen.

Ökologen der Yale-Universität hätten berichtet, dass bis zum Jahr 2070 ungefähr 1700 Wirbeltierarten aussterben werden, wenn der Mensch seine Landnutzung in der bisherigen Form fortführe, so Poeplau. „Aufgrund dieser alarmierenden Meldungen, habe ich mich entschieden, in diesem Jahr eine etwas unbequeme Eröffnungsrede zu halten“, verkündete der Vorsitzende.

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Er zitierte die FAZ mit der Schlagzeile „Die Stadt ist das bessere Land“. In vielen Großstädten herrsche eine größere Biodiversität als im Umland. Zurückzuführen sei das auf die industrialisierte Landwirtschaft. Deshalb sei es notwendig, in Städten Biotope zu schaffen zum Überleben der Wildtiere. Große Gewerbeflächen müssten nutzbar gemacht werden durch Gründächer, Fassadenbegrünung sowie mit vertikalen Gärten, die als Nist- und Nahrungsplätze für Singvögel, Insekten und Fledermäuse dienen könnten. Teichanlagen, Hecken und Blühstreifen mit heimischen Pflanzen seien notwendig. In heimischen Gewerbebetrieben könnten Regenwasserversickerungsanlagen als Schilfflächen angelegt werden, um typischen Riedbewohnern wie dem Teichrohrsänger einen Lebensraum zu bieten.

Auf Dächern und im Gelände sollten ortstypische Pflanzengesellschaften entstehen, „um die Lebensgrundlage der heimischen Insekten zu erhalten, die durch den Bau der Lagerhallen, Krankenhäuser und Supermärkte an diesen Stellen verloren gegangen sind“, mahnte Nicolai Poeplau.

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Künftig müssten Strukturen wie Gründächer, Fassadenbegrünungen, Nistkästen für Vögel und Quartiere für Fledermäuse gesetzlich geregelt werden. Der Vorsitzende kritisierte, dass sich die gewünschten Maßnahmen in Lorsch nicht erkennen ließen bei einer starken Verdichtung mit großen Betonbauten. Hier sei ein grundlegendes Umdenken notwendig. Bensheim habe ein Gebäudebrüterprogramm gestartet. Um den Verlust an Lebensraum für Wirbeltiere zu verbessern, müsse der Flächenverbrauch massiv eingeschränkt werden. Er verstehe nicht, warum Sozialwohnungen nicht auf Supermärkten gebaut werden, warum Firmen mit großem Flächenverbrauch und wenigen Arbeitsplätzen angesiedelt werden. „Unsere Kinder und Enkel werden in Zukunft sagen: Wie konntet ihr das nur zulassen? Deswegen müssen Veränderungen schon heute passieren – und jeder kann einen Teil dazu beitragen“, erklärte Nicolai Poeplau. Er ermutigte die Zuhörer, etwas für die Tier und Pflanzenwelt zu unternehmen, Nistmöglichkeiten für Gebäudebrüter zu schaffen, eine Blühwiese anzulegen, etwas Unordnung im Garten zuzulassen, Schwalbennester am Haus nicht zu entfernen, sondern lieber weitere Nester anzubringen. Bäume sollten nicht deshalb gefällt werden, weil sie viel Arbeit machen, und den Garten sollte man nicht nur mit Steinen und Rasen gestalten, sondern auch Biodiversität zuzulassen.

Gärten als Biotopverbund

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Die Fläche sämtlicher Privatgärten umfasse vier Prozent der Bundesrepublik und sei damit genau so groß die Fläche aller deutschen Naturschutzgebiete, verdeutlichte der Vogelexperte die Wichtigkeit seiner vorgeschlagenen Maßnahmen. Diese Gärten lägen dicht beisammen und bildeten so einen Biotopverbund für einen genetischen Austausch der Tiere.

Poeplau forderte die Menschen auf, sich zu engagieren. „Wenn das Schule macht und zum Trend wird, können wir in den Städten Einiges für die Erhaltung unserer Wirbeltiere erreichen“. Er hoffe auf Mitstreiter, die versuchen, diese beängstigende Entwicklung aufzuhalten und etwas für unsere Natur zu tun. ml