Stadt Lorsch - Nach 32-jähriger Arbeit geht die Leiterin der Kinder- und Jugendpflege in den Ruhestand / Aktiv auch als Frauenbeauftragte Brunhilde Schieb hat sich vom „Kaschde“ verabschiedet

Von 
Nina Schmelzing
Lesedauer: 
Im „Kaschde“ genannten Jugendtreff hat Brunhilde Schieb unter anderem die Ferienspiele zu einer Erfolgsveranstaltung gemacht. © Neu

Lorsch. Fast jeder, der in den vergangenen drei Jahrzehnten in Lorsch aufgewachsen ist oder Kinder zu betreuen hatte, kennt Brunhilde Schieb. Die Sozialpädagogin war schließlich mehr als 30 Jahre lang bei der Stadt Lorsch tätig. Schieb hat unter anderem die Lorscher Ferienspiele entwickelt, die es nicht nur im Sommer, sondern auch über die Oster-, Herbst- und Weihnachtszeit gibt. Sie hat das besondere Lorscher Kinder-Kino organisiert, das weit mehr beinhaltet, als Kinder vor eine Leinwand zu setzen. Und sie war die Lorscher Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte. Seit Februar hat sie all diese Arbeiten allerdings beendet. Denn „Bruni“, wie sie in Lorsch gerne genannt wird, hat sich in den Ruhestand verabschiedet.

AdUnit urban-intext1

Wegen Corona musste die Feierstunde für die 65-Jährige im Schöffensaal in einem kleinen Rahmen stattfinden. Bürgermeister Christian Schönung dankte Brunhilde Schieb für die jahrelange „erfolgreiche Jugendarbeit“ und ihre Arbeit für Frauen, die sie wesentlich in Lorsch mitgeprägt habe. Brunhilde Schieb hat unter anderem regelmäßig Veranstaltungen zum Internationalen Frauentag im März, zum „Equal Pay Day“ sowie zum Aktionstag gegen Gewalt an Frauen auf die Beine gestellt.

Alkohol sollte tabu sein

Ferienspiele in Planung Gibt es auch in diesem zweiten ...

Ferienspiele in Planung Gibt es auch in diesem zweiten Coronajahr Ferienspiele? Geplant werden die Termine wieder, so hieß es gestern auf Nachfrage aus dem Stadthaus. Ob die Veranstaltungen mit Beginn in den Osterferien dann

Als sie nach ihrem Studium und ersten beruflichen Stationen im Odenwaldkreis und in Erzhausen nach Lorsch kam, arbeitete sie zunächst vormittags im Sozialamt und nachmittags im Jugendzentrum. Mitsamt langen Schichten im dortigen „Kaschde“ summierte sich mancher Arbeitstag anfangs schnell auf bis zu 14 Stunden. Zu den ersten Aufgaben für die neue Sozialpädagogin gehörte es damals, einen Magistratsbeschluss umzusetzen: Dieser besagte, dass im Jugendzentrum am Stadtrand kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf.

Man kann sich einfachere Aufgaben für den Start vorstellen. Brunhilde Schieb aber hielt durch, überzeugte und übernahm den Aufbau und die Leitung des städtischen Jugendtreffs. Der „Kaschde“ wurde die neue Wirkungsstätte der gebürtigen Marburgerin – und sie setzte mit viel Herzblut zahlreiche Akzente. Schon früh wurden unter ihrer Regie städtische Ferienspiel-Angebote gestaltet. Zusätzlich zu den Angeboten von Vereinen werden in jedem Sommer Projektwochen auf die Beine gestellt, die sich einem Thema widmen.

AdUnit urban-intext2

Die Kinder beschäftigten sich dabei mit unterschiedlichsten Sachverhalten – mit der Natur in der Umgebung ebenso wie mit fernen Orten wie Hawaii oder dem Leben der Prärie-Indianer. Gefragt nach einer besonders gelungenen Ferienwoche ist Brunhilde Schieb das Zirkusprojekt 2009 in Erinnerung. „Phantastische Kinder mit phantastischen Begabungen“, schwärmt die Leiterin der Jugendförderung.

Plätze schnell ausgebucht

Bevor es die Schülerbetreuung im heute üblichen Ausmaß gab, waren die meist 60 Ferienspielplätze für die Altersgruppe der Sechs- bis Zehnjährigen beim Stadtprojekt einzigartig und überaus begehrt. Manches Mal war das Angebot schon gleich nach dem Anmeldestart ausgebucht. Zu den Besonderheiten gehörten dabei mehrtägige Exkursionen mit Paddeltour und Übernachtung. Zusätzlich gab es für ältere Jugendliche stets eine Woche mit dem Motto „Abenteuer und Bewegung“.

AdUnit urban-intext3

Weil die Sommer-Ferienspiele so begehrt waren, fragten Eltern bald nach, ob nicht auch weitere Zeiten möglich wären. Brunhilde Schieb trug die Wünsche beim Magistrat vor und machte sich ans Werk. Ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter – für alle Schulferien erwuchs daraufhin in Lorsch ein Mitmach-Angebot.

AdUnit urban-intext4

Überall, wo schon lange kein Kino mehr existiert, sind auch Kinder-Kino-Veranstaltungen beliebt. In Lorsch ist das ebenso der Fall. Die jungen Zuschauer sehen dabei aber nicht nur einen Film. Das Lorscher Kinder-Kino wurde, auch mit Unterstützung von Sponsoren, als medienpädagogisches Projekt gestaltet. Filme werden mit einer Pause vorgeführt, zu der Mitmach-Aktionen gehören. Zum Konzept gehören der Austausch untereinander und ein Tagescafé mit Kuchen.

Im Laufe der Zeit wurde das Kinder-Kino auch für Eltern und Großeltern im Publikum geöffnet. Zu Hochzeiten verzeichnete die Reihe Rekorde mit 170 Besuchern. Als das Kino nachmittags auf weniger Interesse stieß, wurden Zeiten geändert. Zuletzt kam das Kinder-Kino samstags um 11 Uhr gut an, ein Mittagessen für die jungen Zuschauer ist inbegriffen.

Das braucht doch kein Mensch?

„Das braucht doch kein Mensch“ – an solche Reaktionen kann sich Brunhilde Schieb noch erinnern, als es um die Einrichtung eines Jugendrats in Lorsch ging. Sie hat trotzdem gekämpft dafür. Das Gremium ist inzwischen fast 20 Jahre alt. Im kommenden Sommer wird der bereits zehnte Jugendrat als Interessenvertretung der Lorscher Kinder und Jugendlichen gewählt werden. Die amtierenden elf jungen Mitglieder haben unter anderem an der Entscheidungsfindung über den Standort des Jugendzentrums mitgewirkt. Die Mehrheit im Jugendrat sprach sich dabei dafür aus, dass der Jugendtreff künftig in der sanierten Nibelungenhalle im Stadtzentrum eingerichtet wird, das Areal um den „Kaschde“ in der Sachsenbuckelstraße dann aufgegeben wird.

Rund 30 Prozent ihrer Vollzeitstelle hatte Schieb, laut Plan, für die Arbeit als Gleichstellungs- und als interne und externe Frauenbeauftragte zur Verfügung. Sie hat kulturelle Veranstaltungen zu Frauentagen organisiert und dafür gesorgt, dass Lorsch stets auch bei den kreisweiten Aktionen „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte“ dabei war.

Und jetzt im Ruhestand? Mit der Reise, die sie vorhatte, wurde es wegen der Pandemie noch nichts. Der geplante Aufenthalt in der Karibik liegt auf Eis. Einige asiatische Länder will sie ebenfalls noch entdecken. Die Zeit bis dahin widmet sie einer neuen Beschäftigung. Die langjährige Jugendpflegerin hat organisatorische Aufgaben in der Physiotherapie-Praxis ihres Ehemannes in Seeheim-Jugenheim übernommen. Nebenbei schaut sich das Paar gerade nach einem Wohnwagen um. Wenn es wieder möglich ist, zu reisen, dann wollen beide zumindest in Europa unterwegs sein.

Newsletter-Anmeldung

Redaktion