Theater Sapperlot - Letzter Kultursalon vor dem Lorscher Abt / Jetzt werden die Finalisten gesiebt Behinderten-Witze und Ukulelen-Zauber

Von 
Thomas Tritsch
Lesedauer: 

Überzeugte nicht mit seiner Bühnenleistung: Mohammed Ibraheem Butt.

© Neu

Lorsch. Am 5. Oktober wird der nächste Lorscher Abt vergeben. Vier Kandidaten wettstreiten bei der Gala um den Kleinkunstpreis, den das Theater Sapperlot in diesem Jahr zum vierten Mal auslobt. Beim letzten Kultursalon vor dem Finale traten am Dienstag nochmals sechs Künstler auf, um sich für die Endrunde zu empfehlen.

AdUnit urban-intext1

Moderator und Entertainer Daniel Helfrich hatte wieder einmal seine Kontakte in die hügelige Welt der Kleinkunstszene spielen lassen und ein facettenreiches Menü zusammengestellt, das beim Publikum mal stürmischen Beifall, mal höflichen Applaus ausgelöst hat. Der Sturm ging vor allem auf das Konto der Kölnerin Vera Deckers, die in Lorsch Auszüge ihres aktuellen Programms "Probleme sind auch keine Lösung" präsentiert hat.

Verbal bis an die Zähne bewaffnet

Die verbal bis an die Zähne bewaffnete Diplom-Psychologin ist nicht nur eine entlarvende Detektivin mit Spezialgebiet Mensch, sondern auch ein souveräner Stand-up-Comedian mit direktem Draht zum Publikum. Im Sapperlot feuerte sie die Pointen wie mit einem Maschinengewehr ab - und es ging nur wenig daneben. Deckers Bühnenpräsenz ist beeindruckend, ihr Humor zielt geradewegs auf die Zwölf. Bei aller vermeintlich spontanen Plauderei überzeugt sie durch ein exaktes Timing und subtile Untertöne. Ihre Themen: Rollenbilder, Geschlechterklischees, Schönheitswahn sowie Gewichts- und Alltagsprobleme. Sie seziert die Gegenwart und freut sich auf das Alter. Denn dann will sie es sexuell richtig krachen lassen und Orgien feiern: "Mit 75 kannste nicht mehr schwanger werden - und selbst, wenn du dir was einfängst, bist du eh tot, bis das ausbricht!"

Selbstironisch und sarkatisch

Eröffnet wurde der Abend in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Tobias Käp ist ein Hörgeschädigter mit Sprachfehler. "Antrainiert beim Logopäden", sagt er, aber das glaubt ihm keiner. Selbstironisch und sarkastisch zog der Heidelberger über seine Umwelt her und verwies auf die Vorteile seines Handicaps: "Man muss nicht jedes blöde Geschwafel mitanhören!" Er weiß zwar nicht, was hinter seinem Rücken getuschelt wird, erlebte in Lorsch aber vor sich ein vergnügtes Publikum, das an der Inklusions-Comedy seine helle Freude hatte. Sogar einen Gebärdendolmetscher hatte er mitgebracht. Toby beweist: Auch behinderte Männer können frauenfeindliche Scherze machen. Ein frecher, barrierefreier Auftritt eines jungen Bloggers, Schreibers und Autors, der manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr auf seinem Gebrechen herum reitet. Verübeln kann man ihm das nicht, schließlich kann da keiner was für. Auch Mohammed Ibraheem Butt konzentriert sich auf die Zufälligkeiten seiner Biografie. Ein pakistanischer Frankfurter mit Vollbart (ok, der ist beabsichtigt), der schon einmal im Januar 2016 im Kultursalon war, sich seither aber kaum verändert hat - weder äußerlich noch in punkto Bühnenleistung. "Ich bin Newcomer und brauche einen guten Auftritt", sagte er während seines konturlosen Irrlichterns durch fünfzehn zähe Minuten, nach denen man ihm viel Glück wünscht, dass sich ein solcher alsbald einstellen möge. Allein mit einem banalen Bombenleger-Image kommt man nicht sehr weit. Auch dann nicht, wenn man solche ausdrucksstarken Augen besitzt.

Feine Klänge

AdUnit urban-intext2

Milde gestimmt wurde das Publikum von den feinen Klängen des Bad Mouse Orchestras, das die Welt der 20er Jahre musikalisch aufleben ließ. Charlotte Pelgen und Stefan Pößinger, gekleidet im Stil der Epoche mit Schiebermütze und Knickerbockers, spielten "Has Anybody Seen My Girl" oder "The Animal in Me" im authentischen Charleston- und Swing-Sound der damaligen Zeit. Neben virtuosen Saiten-Soli betörten vor allem Pelgenes butterzarter Gesang und ihr fingerfertig-freches Hackbrett-Spiel. "Almost Being In Love" - so fühlten sich nicht wenige nach diesem wunderschönen Auftritt.

Danach bombte - wie erwähnt - Vera Deckers die Stille aus der Scheune, bevor der Liedermacher und Humorist Matthias Ningel auf die Bühne kam. Der vielfach prämierte Musikkabarettist (Deutscher Kabarettmeister 2015/16) servierte Szenen seines Programms "Jugenddämmerung". Er präsentierte sich als aufmerksamer wie feinsinniger Sammler und Übermittler von Geschichten, die von der beschwerlichen Zeit des Erwachsenwerdens erzählen. Ein musikalischer Frontbericht aus leiser Ironie und zarten Untertönen, ausgarniert mit überraschenden Wendungen und scharfen Akzenten. Ningels lässige wie komplexe Eigenkompositionen verschmelzen die Lebenserfahrung von Generationen in melodischen Liedern.

AdUnit urban-intext3

Daniel Helfrich flankierte den Abend mit launischen Liedern, unter anderem über den lästigen Trend des Bonuspunktesammelns. Eine schöne Verbalattacke gegen ein Leben in billigen Gratisnummern.

AdUnit urban-intext4

In vier Monaten winkt der Lorscher Abt 2017. Jetzt werden die Finalisten gesiebt.

Freie Autorenschaft