Lindenfelser Museum - Der Bensheimer Wagnermeister Dieter Ruppert renoviert das historische Gefährt aus dem 19. Jahrhundert Postkutsche wird generalüberholt

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Philipp Kriegbaum
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Lindenfels/Bensheim. Auf den ersten Blick haben König Maha Vajiralongkorn von Thailand und der Lindenfelser Bürgermeister Michael Helbig nun wirklich gar nichts gemeinsam. Und dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit: Beide sind Kunden des Schreiner- und Wagnermeisters Dieter Ruppert, der sich in Bensheim auf die Restaurierung alter Gefährte spezialisiert hat. Seit Anfang des Jahres möbelt Ruppert in seiner Werkstatt am Weidenring die historische Lindenfelser Postkutsche auf.

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Der 60-Jährige hatte der Stadt Lindenfels versprochen, seine Arbeit rechtzeitig zum Burgfest Anfang August fertigzustellen. Den Termin wird er locker halten. Davon konnten sich Bürgermeister Michael Helbig und sein Mitarbeiter Peter Bickelhaupt bei einem Besuch in der Werkstatt des Wagners überzeugen. Allerdings wurde das traditionelle Volksfest im Burgstädtchen dieses Jahr wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt.

Bickelhaupt ist als Forstwirt bei der Stadt Lindenfels beschäftigt und widmet einen großen Teil seiner freien Zeit dem Umgang mit Pferden. Deshalb kümmert er sich auch für die Stadt um den Einsatz der Pferde beim Burgfest. Zusammen mit Arnd Trautmann, der aus Rimbach stammt, in Schwanheim einen Pferdehof betreibt und das von vier Pferden gezogene historische Gefährt beim Burgfestumzug steuert.

Beide hatten festgestellt, dass die Kutsche überholt werden muss, um weiterhin gefahrlos im Festzug mitfahren zu können. Der Restaurator zeigte den Besuchern die demontierten Räder, deren Holz zum Teil morsch und ausgebrochen war. Auch die Bremsen hatten nicht mehr zuverlässig funktioniert, und der gesamte Vorderwagen war baufällig geworden.

Vermutlich aus den 1890er Jahren

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Kein Wunder, denn das historische Gefährt ist deutlich älter als 100 Jahre. Das Baujahr ist nicht bekannt, aber in eine Achse ist die Jahreszahl 1913 eingeprägt. Die Prägung könnte auch von einer Reparatur stammen, denn seit 1905 war bereits ein motorisierter Postbus auf der Strecke Bensheim – Lindenfels im Einsatz. Die Aufnahme des Linienverkehrs per Postkutsche datiert aus dem Jahr 1863. So schätzt das Lindenfelser Museum die Herstellung der Kutsche auf „die Zeit um 1890“.

Sechs Arbeitswochen hat Meister Ruppert gebraucht, um Ersatz für die maroden Teile neu aus Eschenholz zu fertigen und zu montieren. Eine Kunst, die nach seiner Aussage außer ihm nur zwei weitere Betriebe in Deutschland beherrschen – noch. Denn sein Handwerk ist vom Aussterben bedroht: Es interessierten sich kaum junge Leute für den Beruf, sagt Ruppert. Schon heute sei es nicht mehr möglich, einen Gesellen- oder Meisterbrief im Ausbildungsberuf Wagner abzulegen.

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Die Lindenfelser Postkutsche ist offiziell ausgezeichnet als „kulturelles Erbe der Region“. Die Instandsetzungsarbeiten beschränken sich darauf, dieses Erbe auch weiterhin für die Pflege des Brauchtums nutzen zu können. Wollte die Stadt sie darüber hinaus nutzen, zum Beispiel für Hochzeitsfahrten, würden weitere aufwendige Arbeiten und eine TÜV-Abnahme erforderlich, wie Bürgermeister Helbig berichtete. Deshalb hat er derzeit keine Pläne für eine Ausweitung des Einsatzes.

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Die jetzigen unabdingbaren Arbeiten schlagen mit 7500 Euro zu Buche. Der Laie wird davon nicht viel sehen, sagt der Handwerksmeister, denn die neuen Teile fallen nicht groß ins Auge. Peter Bickelhaupt will daher dafür sorgen, dass auch die acht Passagiere samt Gepäck fassende Kabine aufgepeppt wird.

Die Instandsetzung wurde zum größten Teil aus Spenden der Sparkasse Heppenheim und des Vereins Museumsstraße Odenwald / Bergstraße finanziert. Auch der formelle Eigentümer – der Verkehrsverein Lindenfels – steuerte Geld bei. Er hat außerdem einen Antrag auf Fördermittel beim Landkreis gestellt.