Persönlich - Sebastian Hesselmann ist seit 20 Jahren Seelsorger in Winterkasten und Laudenau Pfarrer tourt in der Pandemie durchs Dorf

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Philipp Kriegbaum
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Der Fernseh-Gottesdienst aus der Eleonoren-Klinik ist für Sebastian Hesselmann einer der Höhepunkte seiner bisherigen Arbeit. © Neu

Winterkasten. Unter normalen Umständen hätte es am Neujahrstag in Winterkasten wohl eine ordentliche Jubiläumsfeier gegeben: Sebastian Hesselmann blickte auf genau 20 Jahre als Pfarrer im Waldhufendorf zurück. Er tat das so unkonventionell, wie er sich in den vorausgegangenen Monaten den Herausforderungen der Corona-Krise gestellt hatte: mit einem mobilen Neujahrsgottesdienst von der Ladefläche eines Lastautos.

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Als das Virus im Frühjahr den Kirchenbesuch mehr und mehr erschwerte, war Hesselmann einer der ersten seiner Zunft, der das Wort Gottes zu den Menschen brachten. An Ostern betätigte er sich als Wanderprediger. Im Sommer gewann er den örtlichen Spediteur Karl-Heinz Götz erstmals dafür, ihn auf dem Lkw durch seine Gemeinde zu kutschieren. Der eigens gegründete Corona-Mini-Chor war wie am Neujahrstag mit von der Partie.

Präsenzgottesdienste im Freien, mit Abstand in der Kirche und Gottesdienste im Internet bestimmten das Jahr. Selbst strömender Regen konnte den auch durch seine Größe und Statur beeindruckenden Geistlichen an Heiligabend nicht davon abhalten, erneut durchs Dorf zu touren und Kurzandachten zu halten. Die Predigt in einem der jüngsten Internet-Gottesdienste verlegte Hesselmann kurzerhand in die tief verschneite Landschaft vor seiner Kirche.

Von Jura auf Theologie

Die Leidenschaft für die Seelsorge kommt nicht von ungefähr: Schon der Urgroßvater und weitere Vorfahren waren Pfarrer. Dabei hatte sich der Gymnasiast Sebastian Hesselmann auf Wunsch seiner Familie zuerst einen Studienplatz in Jura gesichert. Kurz vor Studienbeginn entschied er sich aber dann doch für seinen Traumberuf.

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Auf das Theologiestudium setzte er gleich noch ein Diplom in Diakoniewissenschaften. Seine Dozentin an der Uni Heidelberg war unter anderem Professor Ursula Lehr, die spätere Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit in der Regierung Helmut Kohl.

Der Begriff Diakonie wird häufig als Synonym für die Sozialarbeit der evangelischen Kirche verwandt. Die Diakoniewissenschaft geht jedoch weiter: Theologie und Sozialmedizin werden mit Sozialrecht und Sozialwissenschaft verzahnt. Ein Studiengang also auch für Ärzte, Juristen und alle, die sich beruflich mit dem sozialen Miteinander der Menschen beschäftigen wollen.

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Hilfreich ist es auch für Menschen, denen die Verantwortung für einen Kindergarten übertragen wird. Mit dieser für ihn völlig neuen Herausforderung wurde Hesselmann konfrontiert, als er den zunächst bis zum 31. Oktober 2003 befristeten Dienstauftrag für die Kirchengemeinde Winterkasten-Laudenau erhielt. Die ist nämlich Trägerin der Kindertagesstätte Morgenstern.

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Glücklicher Zufall: Kurz vor seiner Versetzung hatte der Pfarrer als dreiwöchige Pflicht-Fortbildung ein Seminar mit dem Titel „Hilfe, ich habe einen Kindergarten“ ausgesucht und absolviert – noch ohne zu wissen, dass er das Gelernte bald brauchen würde.

Hesselmann machte gute Erfahrungen mit dem Kindergarten. Zusammen mit der damaligen Leiterin Claudia Schwarz brachte er im Jahr 2009 eine U3-Gruppe auf den Weg. Mit den drei weiteren Kindergarten-Leiterinnen Heike Aures, Monika Fuhrig und Marie-Christine Helferich, so betont Hesselmann, habe er ebenfalls immer gut zusammengearbeitet. Das gelte auch für die drei Lindenfelser Bürgermeister, die er seiner Amtszeit erlebte: Peter C. Woitge, Oliver Hoeppner und Michael Helbig. Das ist von Vorteil, denn die Stadt ist für die Finanzierung der Kindertagesstätte verantwortlich. 2001 feierte man gemeinsam deren zehnjähriges Bestehen.

Kurz zuvor hatte ihn „die Weisheit der Kirchenleitung“ (Hesselmann) in den Lindenfelser Stadtteil geführt, weil dort nach dem Weggang von Pfarrer Wilfried Penk eine Stelle zu besetzen war.

Eine musikalische Gemeinde

„Dass ich so lange geblieben bin, war dann aber meine Entscheidung“, erzählt Hesselmann lachend. Ihm gefällt besonders, dass die beiden zu seiner Gemeinde gehörenden Dörfer Winterkasten und Laudenau keine reinen Schlafdörfer seien. „Man steht hier noch zu seinem Dorf“, sagt er auch mit Bezug auf das Engagement der Vereine. Und er freue sich über die große Offenheit gegenüber Zugezogenen: „Das kenne ich auch anders.“

Die Pfarrstelle der Gemeinde Winterkasten-Laudenau wurde inzwischen auf 50 Prozent reduziert. Der Seelsorger ist aber auch für die Eleonoren-Klinik zuständig. Das schlägt mit weiteren 25 Prozent zu Buche, ebenso wie die Betreuung der Pfarrstelle Neunkirchen seit dem Ausscheiden von Pfarrer Ottmar Arndt bis zu deren Wiederbesetzung.

Zur Kirchengemeinde gehören außer dem Kirchenchor ein Gospelchor und ein Kinderchor in gemeinsamer Trägerschaft mit dem Männergesangverein Liederkranz. „Wir sind eine musizierende Gemeinde“ sagt Hesselmann und denkt dabei auch an den Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr.

Zum Glück für die Kirchengemeinde habe man Gabriele Thielitz und Simone Spielmann, zwei studierte Musikerinnen, als Chorleiterinnen. Auch die beiden Organisten Andreas Schäfer und Christian Gärtner sind ausgebildete Kirchenmusiker.

Die Arbeit mit Jugendlichen empfindet Hesselmann als „großes Geschenk“. Er bedauert, dass im vergangenen Jahr die sonst obligatorische Mehrtagesfahrt der Konfirmanden nicht möglich war. Inzwischen hat Hesselmann einige seiner Konfirmanden auch getraut und deren Kinder getauft.

Die Zusammenarbeit mit dem Kirchenvorstand, der in diesem Jahr neu gewählt wird, sei hervorragend: „Es gab in den 20 Jahren noch keinen einzigen Streit.“ Am vierten Advent überraschte das Gremium den Pfarrer mit einem reichhaltigen Jubiläumsfrühstück, das er sich samt Blumenstrauß corona-konform an der Haustür abholen musste.

Als einen Höhepunkt seiner Arbeit im Waldhufendorf bezeichnet Sebastian Hesselmann den Freiluft-Fernsehgottesdienst, den das ZDF 2010 live vom Gelände der Eleonoren-Klinik übertrug. „Das war schon eher eine Fernsehshow als ein Gottesdienst“, sagt Hesselmann heute, denn das Drehbuch wurde in letzter Instanz vom Sender verabschiedet.

Ein ganzes Jahr hatten die Vorbereitungen gedauert. Zum Glück spielte das Wetter am Sendetag mit. Sonst hätte das ZDF eine Konserve gesendet, und die ganze Vorbereitung wäre umsonst gewesen.

Doch es wurde ein herrlicher Sommertag. Durch die Zusatzscheinwerfer war es sehr heiß am Set. Alles klappte wie am Schnürchen – fast alles: Eine Dame aus Winterkasten beschwerte sich nach der Sendung bei Sebastian Hesselmann, weil sie nicht im Fernsehen war. Obwohl der nichts dazu konnte. Denn die Frau hatte sie sich zwar einen Platz in der Nähe der Kamera ausgesucht; so nahe allerdings, dass sie bei der Aufnahme im toten Winkel saß.