Heilmittel - Martin Polivka aus Schlierbach schwört auf die Pflanze Artemisia Annua Anamed zur Bekämpfung von Gebrechen / Die EU will die Verbreitung einschränken Pfarrer macht sich stark für umstrittenen Tee

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Konrad Bülow
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Pfarrer Martin Polivka fordert eine Liberalisierung der Artemisia. © Funck

Schlierbach. Als ein Wunderheilmittel würde der Schlierbacher Pfarrer Martin Polivka den Tee, der aus frischen und getrockneten Blättern der Pflanze Artemisia Annua Anamed gewonnen werden kann, zwar nicht bezeichnen. Gute Erfahrungen hat er dennoch mit ihr gemacht.

Malaria

Malaria, auch als Sumpffieber bekannt, ist eine Infektionskrankheit, die heute vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten vorkommt.

Jährlich erkranken bis zu 500 Millionen Menschen daran. Überträger sind meist Moskitos. Einen Impfstoff gibt es nicht.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation starben im Jahr 2017 weltweit 435 000 Menschen an Malaria. kbw

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Die Pflanze wächst in einem Blumenkübel auf seinem Fensterbrett. Polivka nutzt frische wie getrocknete Blätter, zum einen als Lebensmittel, zum anderen gegen verschiedene Gebrechen, etwa bei „Entzündungen im Mund- und Rachen, bei beginnenden Infekten und zur Stärkung der körpereigenen Abwehr bei bakteriellen Infektionen“, wie er erläutert. „Die Blätter werden vor der Blüte gepflückt und innerhalb von drei Tagen getrocknet“, beschreibt der Pfarrer die Herstellung des Heißgetränks, das er so nutze, dass dem Körper über mehrere Tage ein möglichst konstanter Wirkstoffspiegel zur Verfügung steht.

Polivka darf den Tee aber nicht mehr ohne weiteres einem Besucher einschenken. Die Europäische Union will die Verbreitung der Pflanze einschränken. Nach einer Verordnung gilt sie als sogenanntes „Novel Food“, als Lebensmittel, „das bisher nicht in nennenswertem Umfang in der EU für den menschlichen Verzehr verwendet“ wurde. Bevor es verbreitet werden darf, muss „Novel Food“ ein Zulassungsverfahren durchlaufen, außerdem gibt es strenge Kennzeichnungspflichten.

Schutz vor Malaria

Als Arzneimittel gilt der Tee ebenfalls nicht, denn um ihn als solches zu kategorisieren, müssten kostspielige Studien durchgeführt werden, in die niemand Geld investieren möchte. Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation – WHO) betrachtet die Heilpflanze als unwirksam und warnt daher vor ihrer Nutzung. Polivka kann das nicht verstehen. „Es ist eine Kriminalisierung von etwas, das man nicht kriminalisieren muss“, kritisiert er.

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Der Pfarrer hat die Artemisia Annua etwa 18 Jahre lang privat angebaut. Alles begann, als er missionarisch in Tansania tätig war. In vielen afrikanischen Ländern hat die Pflanze eine ganz andere Bedeutung als nur die Behandlung von Gebrechen wie Halsweh. Verfechter ihrer Freigabe sehen sie als Mittel, das Malaria nicht nur lindern, sondern auch heilen kann – und das für wenig Geld. Zahlreiche positive Rückmeldungen belegten dies. „Jeder dort kann nach Anleitung in seinem Garten selbst so eine Pflanze ziehen“, sagt Polivka.

Es war der Apotheker Hans-Martin Hirt, der den Tee in Afrika als Mittel gegen Malaria einsetzte, den Menschen vor Ort beibrachte, sie einzusetzen und sie später auch mit nach Deutschland brachte. Nach der Entscheidung der WHO seien große Mengen der Pflanze verrottet, die von Tansania in Elendsgebiete in Mosambik hätten exportiert werden sollten, was aber mit Hinweis auf die Warnungen der WHO untersagt wurde, schreibt Hirt in einem Rundbrief, der dieser Zeitung vorliegt. Der Apotheker hat einen Verein gegründet, der sich für eine Liberalisierung der Pflanze einsetzt. Polivka ist kein Mitglied, unterstützt aber den Zusammenschluss. Die Artemisa Annua pflanzte er in der Form an, die Hirt gezüchtet hat.

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Die Heilpflanze hat ihren Ursprung in China, wo sie seit 2000 Jahren in der traditionellen Hausmedizin genutzt wurde. Im Vietnamkrieg soll sie den Truppen Ho-Chi-Minhs geholfen haben, der Malaria in ihren Reihen Herr zu werden. Eingeschränkt wird auch nur die Verbreitung der Pflanze selbst. Artemisinin hingegen, ein Extrakt aus den Blättern, wird für die Herstellung von Medikamenten unter anderem gegen Malaria genutzt.

Günstiger als Medikamente

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Genau darin sehen Hirt und Polivka das Problem. Die pharmazeutisch hergestellten Mittel seien gerade für viele Menschen in den Gebieten mit hoher Anfälligkeit für Malaria viel zu teuer. „Der Tee hingegen kostet fast nichts. Man muss den Menschen dort eine Chance geben“, sagt Polivka. In den Entscheidungen der WHO und der EU sieht er deshalb ein Zugeständnis an die Pharmaindustrie. Letztlich bedeutete dies ein Risiko für Malariapatienten. Zumal der Tee sogar wirksamer sei, als das Medikament mit dem Artemisinin-Extrakt. Es sei die Kombination der verschiedenen Inhaltsstoffe, die die Malaria erfolgreich bekämpfen könne, ist er überzeugt. Gegen das Artemisinin alleine hingegen bauten die Krankheitserreger Resistenzen auf. Dabei liege der ursprüngliche Sinn der „Novel-Food“-Verordnungen darin, die EU-Bürger vor genmanipulierten Lebensmitteln zu schützen. Nun fürchtet Polivka, die Teepflanze irgendwann gar nicht mehr besitzen zu dürfen.

Die Befürworter einer Nutzung der Artemisia wollen nun versuchen, auf das Thema weiter aufmerksam zu machen. Polivka zieht in Betracht, 2021 wieder als Abgeordneter für den Bundestag zu kandidieren, und im Zuge dessen auch für die Heilpflanze zu werben. Der Schlierbacher Pfarrer hatte sich auch 2017 an der Bergstraße zur Wahl gestellt und dabei 524 Stimmen geholt.

Redaktion Redakteur für das Ressort Lautertal/Lindenfels, Autor im Ressort Region. Bei Bedarf Unterstützer im Lokalsport