Gebietsreform - Der Weg zur Großgemeinde Rimbach war mit manchen Unebenheiten gepflastert / Konkurrenten waren Heppenheim und Fürth Monatelanges Ringen um die Dörfer im Weschnitztal

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arn
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Rimbach. Vor 50 Jahren ist aus Rimbach eine Großgemeinde mit vier Ortsteilen geworden. Was heute ein gewachsenes Gebilde ist, stand damals teilweise auf tönernen Füßen. Die Verhandlungen waren lang und schwierig – manche Orte hatten nämlich ganz anderes im Sinn.

Die neuen Rimbacher Ortsteile

Die Gemeinde Rimbach hatte 1970 insgesamt 4135 Einwohner. Mit dem Abschluss der Gebietsreform wuchs diese Zahl bis 1972 auf 6770.

Albersbach: Beitritt 1. Januar 1969; zuvor im Verwaltungsverbund mit Bonsweiher, Bürgermeister Wilhelm Brecht (Bonsweiher), Einwohner 1968: 154. Vereinbarungen: Bemühungen zur Dorfverschönerung sollen unterstützt werden; Erhaltung des Schulgebäudes für Belange der örtlichen Gemeinschaft.

Lauten-Weschnitz: Beitritt 31. Dezember 1971; zuvor selbstständig; Bürgermeister Georg Brehm, Einwohner 1970: 282. Vereinbarungen: Einrichtung einer Verwaltungsstelle (am 31. März 2000 aufgelöst, auch für Mitlechtern zuständig); Bau einer Friedhofskapelle (Einweihung 25. November 1973); Verlegung von Kanal, Überprüfung und Neufassung der Quellfassungen Im Bruch und Im Wässerchen.

Mitlechtern: Beitritt 31. Dezember 1971, zuvor selbstständig, Bürgermeister Karl Ripper, Einwohner 1970: 525. Vereinbarungen: Bau einer Mehrzweckhalle (Einweihung der Pfalzbachhalle am 21. Mai 1976); Fertigstellung der Friedhofshalle und Erweiterung des Friedhofes; Fertigstellung der Umkleidehalle auf dem Sportplatz; Fertigstellung der Straße Im Grund im Rahmen des Erschließungsrechts.

Zotzenbach: Beitritt 31. Dezember 1971; zuvor selbstständig; Bürgermeister Hans Fendrich; Einwohner 1970: 1444. Vereinbarungen: Einrichtung einer Verwaltungsstelle (war bis zum 31. August 2014 besetzt); Verwirklichung der als Entwurf beschlossenen Bebauungspläne Im Braunerts sowie Flur 3 und 4, Unterstützung bei der Ansiedlung einer Arztpraxis, verschiedene Kanalbaumaßnahmen und Verlegung von Wasserleitungen, Bau einer Mehrzweckhalle (Einweihung der Trommhalle 1982) und eines Sportplatzes (Einweihung 1988), Fertigstellung der Friedhofshalle und Friedhofserweiterung sowie weitere Projekte. arn

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Mitten in dieser spannenden Zeit begann für Wolfgang Schmitt seine Ausbildung im Rimbacher Rathaus unter Bürgermeister Adam Schmitt. „Die Gebietsreform war natürlich das absolut beherrschende Thema – und für alle Neuland“, erinnert der spätere Leiter der Hauptverwaltung sich. Als er am 1. August 1970 seine Zeit in der Verwaltung der Weschnitztalgemeinde begann – die er 48 Jahre später als Oberamtsrat beendete – liefen die Vorbereitungen für die Umsetzung der kommunalen Gebietsreform auf Hochtouren. Im Weschnitztal war noch längst nicht entschieden, welche Verwaltungseinheiten aus diesem Prozess hervorgehen würden.

„Es gab jede Menge Gespräche und Verhandlungen zwischen den damals noch selbstständigen Gemeinden, den Bürgermeistern und Ausschüssen“, erzählt Schmitt. Es waren aufregende Monate, die aber auch sein Interesse an der Kommunalpolitik befeuert haben, wie er bekennt. Die heutigen Ortsteile waren damals noch eigenständige Gemeinden mit Bürgermeistern und politischen Gremien.

Der Sonderfall Albersbach

Ziel der landesweiten Gebietsreform war es unter anderem, Synergieeffekte durch größere Verwaltungseinheiten zu schaffen. Eine Besonderheit bildete bis in die späten 60er Jahre hinein Albersbach, das einen Verwaltungsverband mit dem heutigen Mörlenbacher Ortsteil Bonsweiher bildete. Was angesichts der heutigen lokalen Gegebenheiten manchen verwundern wird: In der Luftlinie liegen diese beiden Orte nah beieinander und immer noch reicht die Gemarkung der Nachbargemeinde ganz nahe an Albersbach heran. „Die sogenannte Taschengrube gehört heute noch zu Mörlenbach“, erklärt Rimbachs Bürgermeister Holger Schmitt.

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Und dennoch schien es keine Option zu sein, dass sich Albersbach der entstehenden Großgemeinde Mörlenbach anschließen könnte. Zwar stammte der Bürgermeister des heutigen Rimbacher Ortsteils, Wilhelm Brecht, aus Bonsweiher. Albersbach besaß aber eine eigene Gemeindevertretung, und seine Bewohner waren mit ihrer jetzigen Kerngemeinde seit jeher eng verzahnt. „Das war eine relativ klare Sache“, berichtet Wolfgang Schmitt. Bereits zum 1. Januar 1969 trat Albersbach der Gemeinde Rimbach bei.

Zwei begehrte Dörfer

Anderswo gestalteten sich die Dinge deutlich komplizierter: Mitlechtern und Lauten-Weschnitz beispielsweise – zwei Orte, die schon früher eng kooperierten – hatten in Heppenheim ebensolches Interesse geweckt wie in Fürth. Beide Kommunen hätten sie gerne als Stadt- beziehungsweise Ortsteile eingemeindet und buhlten um die Gunst der Gemeindevertretungen sowie der Bürgermeister Karl Ripper (Mitlechtern) und Georg Brehm (Lauten-Weschnitz).

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Auf der anderen Seite gab es allerdings auch Bestrebungen, die heutigen Fürther Ortsteile Fahrenbach und Lörzenbach in Richtung Rimbach zu ziehen. Wolfgang Schmitt berichtet, dass sogar eine gänzlich andere Variante im Gespräch war: Ein Verbund aus den heutigen Heppenheimer Stadtteilen Kirschhausen, Mittershausen-Scheuerberg und Wald-Erlenbach sowie Mitlechtern und Lauten-Weschnitz. Warum sich die beiden Orte dann doch in Richtung Rimbach orientierten, ist nicht im Detail überliefert. Mutmaßlich gaben am Ende die schulischen, kirchlichen, gewerblichen und vereinsmäßigen Verbindungen den Ausschlag

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Allerdings war die Entscheidung knapp: Die abschließende Abstimmung der Mitlechterner Gemeindevertretung endete am 27. September 1971 mit 5 zu 3 Stimmen. Zuvor war in Lauten-Weschnitz bereits ein entsprechender Beschluss gefasst worden.

Harte Verhandlungen

Ebenso knapp – vor allem zeitlich – fiel die Entscheidung in Zotzenbach aus. Ganze 17 Tage vor dem Abschlusstermin der Gebietsreform, dem 31. Dezember 1971, stimmten die Zotzenbacher Gemeindevertreter dem Beitritt zu Rimbach zu – mit 5 zu 2 Stimmen bei einer Enthaltung. Schon am folgenden Tag musste die Rimbacher Gemeindevertretung darüber entscheiden, damit der Grenzänderungsvertrag noch fristgerecht, am 28. Dezember 1971, unterschrieben werden konnte.

„Die Verhandlungen mit Zotzenbach waren die härtesten und schwierigsten im Zuge der Gebietsreform“, erinnert sich Wolfgang Schmitt. Dort hatte man sich grundsätzlich damit schwergetan, einer Eingemeindung zuzustimmen. Kein Wunder: Zotzenbach war mit seinen fast 1500 Einwohnern damals die mit Abstand größte Gemeinde unter den heutigen Ortsteilen. Der Gedanke, selbstständig zu bleiben, lag da nicht fern, zumal es in der Nachbarschaft mit Abtsteinach ein Beispiel gab.

Entsprechend lang war die Liste mit Zugeständnissen und Zusagen, die Rimbach den Zotzenbachern machen musste. „Es sind starke Forderungen erhoben worden, und tatsächlich gab es damals bei uns in der Verwaltung Diskussionen, ob das alles erfüllt werden könnte“, gesteht Wolfgang Schmitt ein. Letztlich hielt die Gemeinde Rimbach aber alle Zusagen an die Ortsteile ein – nicht nur in Bezug auf Zotzenbach.

„Das wurde alles sukzessive abgearbeitet und nach und nach in die Haushalte eingestellt“, berichtet Schmitt. Der damalige Verwaltungs-Lehrling erinnert sich noch allzugut daran, dass ab dem 1. Januar 1972 im Rathaus nichts mehr so war wie zuvor. Auf einen Schlag musste sich die Verwaltung um vier neue Ortsteile kümmern und war für 6500 Menschen zuständig, statt zuvor 4000. „Es kamen neue Kolleginnen und Kollegen aus den Ortsteilen hinzu, und in diesem Kreis funktionierte die Zusammenarbeit sehr schnell. Wir haben gute und pragmatische Lösungen gefunden“, sagt Wolfgang Schmitt.

Schmitt zieht gute Bilanz

Auf dieser Basis ist die Großgemeinde Rimbach in den vergangenen fünf Jahrzehnten zusammengewachsen. Dies ist auch der Eindruck von Bürgermeister Holger Schmitt: „Ich kann da auch für meine Vorgänger sprechen, dass immer die Gesamtgemeinde im Fokus stand und steht“, sagt er. Wichtiges kommunalpolitisches Ziel sei es, dass sich nicht nur die Kerngemeinde, sondern auch die Ortsteile stetig weiterentwickeln. „In diesem Sinne sind viele Projekte angestoßen worden.“

Aber Schmitt weiß auch: „Ein bisschen Lokalpatriotismus ist die Würze einer solchen Großgemeinde.“ Insofern unterstützt er es, wenn die Ortsteile sich das Bewusstsein für die eigene Geschichte bewahren und ihre Traditionen pflegen. Der Rimbacher Zusammenhalt über Ortsgrenzen hinweg leidet darunter nicht. „Das beweist sich auch während der Coronakrise eindrucksvoll“, hat Schmitt beobachtet. arn