Heimatgeschichte - Heinrich Martin Schlerf sorgte für eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte im Überwald / Gründer der Hessischen Hölzerwerke Mit Bürsten und Besen zum Weltunternehmen

Von 
Peter W. Sattler
Lesedauer: 
Der Fabrikant Heinrich Martin Schlerf baute im Überwald die Hessischen Hölzerwerke auf. Das Bild zeigt das Stammwerk in Unter-Wald-Michelbach um das Jahr 1960, ein neues Bürogebäude befindet sich noch im Rohbau. © sa

Odenwald. Heinrich Martin Schlerf (Repro: sa) zählt zusammen mit Adam Karrillon, Rudolf Wünzer, Josef Krämer und Eugen Bachmann zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, die in Wald-Michelbach nachhaltig Spuren hinterlassen haben. Ihre Namen wurden in Straßenzügen und Bauwerken verewigt, sie haben Gebäude errichtet und soziale Zwecke unterstützt.

AdUnit urban-intext1

Heinrich Martin Schlerf lebte von 1890 bis 1970). Der Unternehmer, Fabrikant und Förderer zahlreicher öffentlicher Einrichtungen hat seit 1920 einen wesentlichen Teil seines unternehmerischen Lebens in Wald-Michelbach verbracht und für wirtschaftliche und kulturelle Belebung seiner Wahlheimat gesorgt.

Hierzu gehört auch die im Jahr 1973 gegründete Heinrich-Schlerf-Stiftung. Diese hat viele gemeinnützige Einrichtungen im Überwald durch Fördermittel unterstützt. Mit ihrer Hilfe wurde manches Gemeinschaftshaus vom Ulfenbachtal bis nach Kreidach sowie die Ausstattung durch kräftige finanzielle Beihilfen geschaffen.

Freizeitanlage und Holzpavillon

Hierzu gehört auch die Förderung der Kindergärten, zuvorderst der Heinrich-Schlerf-Kindertagesstätte in Unter-Wald-Michelbach. Deren mehrfacher Ausbau und die Betriebskosten werden ebenfalls von der Stiftung getragen. Außerdem gibt es jährliche Zuwendungen an alle anderen Kindergärten im Überwald. Auch die Vereine erhalten finanzielle Unterstützung durch die Stiftung. Sie ist zudem Trägerin der Sozialstation Ökumenische Pflegedienste Überwald.

AdUnit urban-intext2

Das vorläufig letzte größere Projekt, das von der Heinrich-Schlerf-Stiftung gefördert wurde, ist die große Erholungs- und Freizeitanlage in Wald-Michelbach, die 1980 mit einem Gedenkstein für den Namensträger versehen wurde: „Im Gedenken an den Gründer der Coronet-Werke Heinrich Martin Schlerf, 1.5. 1890-10.3.1970, wurde diese Anlage geschaffen von der Heinrich-Schlerf-Stiftung e. V., Wald-Michelbach“, heißt es auf einem Gedenkstein.

An Schlerf erinnert auch der am Abhang des Storrbuckels erbaute idyllische Holzpavillon, der seinen Namen trägt. Hier entstand so manche Zeichnung des ambitionierten Kunstfreundes.

AdUnit urban-intext3

Heinrich Martin Schlerf wurde in Mannheim geboren. Seine Eltern betrieben dort einen Laden, eine Großhandlung für Bürsten, Besen und Putzmittel. Er kam deshalb schon früh mit der Herstellung dieser Waren in Berührung. Nach seiner Schulausbildung erlernte Schlerf den Beruf des Industriekaufmanns und schuf damit die Grundlage für eine eigene Produktion.

AdUnit urban-intext4

Nach dem Ersten Weltkrieg fasste Schlerf den Entschluss, eine Bürstenfabrik zu gründen. Auf der Suche nach einem geeigneten Produktionsstandort wurde er auf eine ehemalige Mahl- und Schneidmühle im Unterdorf von Wald-Michelbach aufmerksam. Er kaufte das Anwesen 1919, und schon ein Jahr später lief dort die Produktion mit einem halben Dutzend Mitarbeitern an.

Für die Wahl des Standorts waren der Holzreichtum und die Wasserkraft im Überwald ausschlaggebend. Das war der Start der Firma mit Namen Hessische Hölzerwerke Heinrich Schlerf. Während in Wald-Michelbach weiter gebaut und expandiert wurde, blieb die Mannheimer Großhandlung weiter bestehen.

Von Jahr zu Jahr wurde der Maschinenpark mit – zumeist selbst entwickelter – Technik erweitert und die Palette der Produktion durch Aufnahme von Kleiderbügeln in das Programm vergrößert. Alte Gebäude wurden abgebrochen, neue Produktionsräume gebaut.

Im Jahr 1924 beschäftigte das Werk bereits 50 Mitarbeiter. Wegen des gestiegenen Kraftverbrauchs wurde das Wasserrad abgebaut und durch eine Dampfmaschine, dann eine Turbine und bald darauf durch Dieselmotoren ersetzt. 1938 zählte das Unternehmen rund 160 Beschäftigte. Dazu konnten viele Familien durch Heimarbeit Geld verdienen.

Zerstörungen im Krieg

Der Zweite Weltkrieg brachte auch für die Hessischen Hölzerwerke schwere wirtschaftliche Einschnitte. Die Großhandlung in Mannheim wurde durch Bomben zerstört. Ersatz fand sie in den Hölzerwerken in Wald-Michelbach, wohin Schlerf seinen Hauptwohnsitz verlegt hatte. Bald darauf begann der Neuaufbau der Großhandlung in Mannheim, und auch im Betrieb in Wald-Michelbach ging es schnell wieder bergauf.

Das Credo von Heinrich Schlerf half ihm, die Depressionen, die in den Kriegs- und Nachkriegsjahren entstanden waren, verhältnismäßig schnell zu überwinden: „Unternehmer ist, wer etwas unternimmt“ und „Ein Betrieb muss so geführt werden, dass er investieren kann, wenn andere dies nicht können.“ In kürzester Zeit erhöhte der Unternehmer die Zahl der Beschäftigten in Produktion und Verwaltung beträchtlich, womit Schlerf in den 50er Jahren der Durchbruch gelang. Die Hessischen Hölzerwerke Heinrich Schlerf zählten damals zu den führenden Bürstenfabriken in Deutschland.

Den Aufstieg verdankte Schlerf auch seinen Mitarbeitern, denen gegenüber er sich immer dankbar erwies. Die sozialen Leistungen für seine Betriebsangehörigen wurden immer wieder verbessert. Dazu wurde 1956 die Heinrich-Schlerf-Unterstützungskasse gegründet, wodurch auch die Pensionäre weiterhin an der finanziellen Betriebsentwicklung ihren Anteil hatten.

Umstieg auf Kunststoff

Es ist der innovativen Fähigkeit Schlerfs zu verdanken, dass er nach gestiegenen Rohstoffpreisen für Holz zur Herstellung der Standardwaren Besen, Bürsten und Kleiderbügel sich dem Kunststoff als Ersatzmaterial öffnete. So wurde das Hessische Kunststoffwerk Heinrich Schlerf & Co. ins Leben gerufen. Im selben Jahr wurde auch die Hessische Metallwarenfabrik GmbH gegründet.

Entwicklung und Erweiterung der Firmengruppe gingen unvermindert weiter. 1964 wurde die Norddeutsche Bürstenindustrie. Hess & Olie in Lübeck übernommen, vier Jahre später die Pedex & Co. GmbH in Affolterbach. Dadurch wurde der Kundenstamm nochmals erheblich erweitert.

Doch damit war die Expansion noch nicht zu Ende. Im selben Jahr wurde auch die Firma Gustav Kaiser GmbH in Utzenfeld im Schwarzwald in den Konzern eingegliedert. Durch die Hinzunahme von Haarbürsten, Zahnbürsten, Körperbürsten und weiterer Feinbürstenprodukten wurde das Sortiment erweitert. 1970 war die Firma zu einem stattlichen Großunternehmen mit rund 700 Beschäftigten angewachsen.

Heinrich Martin Schlerf war ein technisch begeisterungsfähiger und vor allem auch musisch und künstlerisch ambitionierter Mann. Er organisierte Kulturveranstaltungen und Sportturniere in Wald-Michelbach. Aus dieser Arbeit ging der Tanz- und Gesellschaftsclub Schwarz-Gold Wald-Michelbach hervor. Aus der Kombination seines Technik- und Kunstverständnisses heraus entwickelte er die Leidenschaft, historische Kleiderbügel zu sammeln. Die Stücke sind heute im Überwälder Heimatmuseum zu sehen.

Ein Grab im Wald

Wiederholt hatte die Gemeinde Wald-Michelbach dem verdienstvollen Unternehmer die Ehrenbürgerschaft angetragen. Aber er lehnte mit der Begründung ab: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan.“

Heinrich Martin Schlerf starb am 10. März 1970 kurz vor seinem 80. Geburtstag. Sein Grab liegt in einem Waldstück über dem Firmengelände. Schlerfs Ehe mit Änne, geborene Strauß, war kinderlos geblieben. Mit seiner Frau hatte er 1964 einen Vertrag geschlossen, aus dem der Unterstützungsverein der Heinrich-Schlerf-Firmen hervorging, der später in die Heinrich-Schlerf-Stiftung umgewandelt wurde.

Nach dem Tod von Schlerf wurden die Hölzerwerke von Georg Weihrauch als geschäftsführendem Gesellschafter fortgeführt. Im Alter von 14 Jahren als Lehrling in die Hessischen Hölzerwerke eingetreten, wurde Weihrauch 1957 Prokurist und Schlerfs rechte Hand. Noch in Abstimmung mit dem Firmengründer wurde 1970 der Name Coronet als Markenauftritt gewählt, um der internationalen Ausrichtung des wachsenden Unternehmens Rechnung zu tragen.

Mit Georg Weihrauch an der Spitze und loyalen und sehr fähigen Mitarbeitern an der Seite entwickelte sich die Coronet-Gruppe nach 1970 so erfolgreich weiter, dass sie 30 Jahre später in 22 Firmen über 2000 Mitarbeiter beschäftigte. Coronet war damals der größte Arbeitgeber im Kreis Bergstraße. Georg Weihrauch war einer der beiden Testamentsvollstrecker von Heinrich Schlerf und gehörte der Heinrich-Schlerf-Stiftung über 30 Jahre mitgestaltend an.