Heimatgeschichte - Heiko Lorenzen beleuchtet die letzten Kriegstage im Weschnitztal In neun Monaten vom Atlantik bis in den Odenwald

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Lindenfels/Weschnitztal. Vor 75 Jahren ging für die Menschen in der Region der Zweite Weltkrieg zu Ende. Von Worms aus drangen die Amerikaner ab dem 26. März 1945 in Richtung Odenwald vor. Der Vorsitzende des Kultur- und Museumsvereins Bonsweiher, Heiko Lorenzen, hat sich mit dem Thema befasst.

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Lorenzens Familie lebte auch in Hamburg, das durch Bomberflotten der USA und Großbritanniens 1943 angegriffen wurde. Zehntausende Menschen kamen dabei ums Leben. Den schrecklichen Feuersturm, der in der Stadt in der Nacht auf den 28. Juli 1943 tobte und der Orkanstärke erreichte, überlebten Lorenzens Tante und sein achtjähriger Cousin als einzige der dortigen Familienangehörigen mit viel Glück im Unglück.

Lorenzen macht jedoch deutlich, dass der totale Luftkrieg ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nicht von den Alliierten, sondern von den Deutschen begonnen wurde: Die Bombardierung der spanischen Stadt Guernica durch die deutsche Legion Condor 1937 im spanischen Bürgerkrieg zur Unterstützung des späteren spanischen faschistischen Diktators Franco machte den Anfang. Es folgte die Bombardierung Londons und Coventrys im Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Luftwaffe.

Am 6. Juni 1944 landeten alliierte Truppen in der Normandie. Vor allem am „Omaha Beach“ genannten Küstenabschnitt nahe der französischen Stadt Caen mit seinen hohen Steilküsten erlitten die Landungstruppen schwere Verluste, weil es nicht gelungen war, die deutschen Verteidigungseinrichtungen auszuschalten.

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Neun Monate vergingen, bis sich die Alliierten von der Normandie bis an den Rhein vorgekämpft hatten. Die deutsche Armee hatte bei Einhausen einen Flughafen eingerichtet, von dem aus Strahlenjäger des Typs Me 262 starteten. Angesichts der inzwischen massiven Überlegenheit der Alliierten konnte auch diese sogenannte Wunderwaffe wenig ausrichten.

Kommandostand in Lindenfels

Die örtlichen deutschen Truppen, deren Kommandostand sich in Lindenfels befand, bestanden im März 1945 zu großen Teilen nur noch aus Volkssturmeinheiten. Binnen weniger Tage erreichten US-Truppen die Bergstraße. Bilder und Filmaufnahmen dokumentieren die Kämpfe von Worms bis Heppenheim und Bensheim.

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Am 27. März marschierten die US-Truppen in Bensheim ein. Wegen der Gegenwehr von Resten der Wehrmacht war die Stadt tags zuvor zunächst bombardiert worden.

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Gleichzeitig drangen US-amerikanische Einheiten auch von Heppenheim, Laudenbach und Hemsbach aus in den Odenwald vor, nicht aber über Weinheim. Bonsweiher wurde mit Granaten schwer beschossen. Im Lautertal traf es nach weiteren Angriffen auf die Alliierten Gadernheim.

Beim heutigen Heppenheimer Stadtteil Erbach trafen die US-Truppen auf Widerstand in Form eines MG-Nests, das von Hitlerjungen gehalten, aber zerstört wurde. Ein deutscher Panzer auf der Juhöhe wurde ebenfalls rasch zerstört.

Geschütze in Mörlenbach

Von der Juhöhe aus rückten um 3 Uhr morgens am 28. März US-amerikanische Soldaten in Bonsweiher ein. Besonderen Eindruck machten afroamerikanische Soldaten auf die Bevölkerung. In Mörlenbach waren von der Wehrmacht an der Schutzmühle und am Friedhof Geschütze installiert worden. Das Geschütz an der Schutzmühle wurde jedoch abgezogen werden, bevor die Amerikaner das Gebäude zerstörten. Der Ort wurde noch am selben Tag besetzt.

Während des Vormarschs der Alliierten wurde im Tunnel auf der Bahnstrecke nach Wald-Michelbach bei Weiher ein Güterzug der Wehrmacht zerstört, allerdings versehentlich durch die deutsche Wachmannschaft.

Zu den letzten Opfern des Krieges in der Region gehörte Jakob Gramlich aus Bonsweiher, der am 24. März von der Gestapo zusammen mit elf anderen Deutschen und amerikanischen Kriegsgefangenen auf dem Kirchberg bei Bensheim erschossen wurde. Es war ein letzter Terrorakt der NS-Diktatur in der Region, mit dem diejenigen bestraft werden sollten, die sich weigerten, dem Regime bis zum Untergang zu folgen. pas