Reichelsheim - Projekt von sechs Rotoren am Stotz stößt auf Kritik / „Eingriff in eine der wohl prägnantesten Kulturlandschaften in ihrer Eigenart und Schönheit im Odenwald“ Bürgerinitiative sammelt 1400 Unterschriften gegen Windpark

Von 
tm/red
Lesedauer: 
Am Stotz bei Reichelsheim sollen sechs Windkraftanlagen gebaut werden. Eie Bürgerinitiative lehnt das unter anderem mit dem Verweis auf den Landschaftsschutz ab. © Initiative

Lindenfels/Reichelsheim. Trotz einer klaren Positionierung der Gemeinde Reichelsheim gegen Windkraftanlagen auf dem Stotz zwischen Reichelsheim, Fürth und Mossautal sollen dort sechs der höchsten Windturbinen mit bis zu 247 Metern gebaut werden. Die „Bürgerinitiative Reichelsheim Windkraftfreier Odenwald“ lehnt dies ab. Die Initiative eilte mit, dass sie knapp 1400 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt hat.

AdUnit urban-intext1

„Wir unterstützen das Vorhaben des Regierungspräsidium Darmstadt, wonach die Fläche zwischen Reichelsheim und Fürth als Vorranggebiet zur Nutzung für Windenergie aufgrund von Artenschutzgründen nicht weiterverfolgt werden soll.“ Daher lehne sie den Bau der geplanten sechs Windkraftanlagen – drei davon seien 247 Meter hoch – ab.

„Der Wald im Odenwald ist in Folge von Trockenheit, Stürmen und Schädlingsbefall durch den Klimawandel in einem desolaten Zustand. Durch den mosaikartigen Wechsel aus bewaldeten Hügeln und Offenland mit Wiesen und Bachläufen rund um das Gebiet Stotz / Range / Kohlwald zwischen Reichelsheim und Fürth ist der Wald dort besonders anfällig für weitere Zergliederungen. Die Erschließung des Gebiets stellt sich außerdem als besonders schwierig dar, da es durch sehr steile Böschungen geprägt ist“, schreibt die Bürgerinitiative.

Die großen Windkraftanlagen stünden in keinem Verhältnis von Waldfläche zu Windkraftpark. Der Bau der für den Odenwald höchsten Windanlagen werde den Wald stark schädigen. Die Fläche sei nicht geeignet für den Bau von Windkraftanlagen.

„Geschützte Vögel sind in Gefahr“

AdUnit urban-intext2

Der Höhenrücken Stotz / Kohlwald / Range biete einen Brut- und Lebensraum für die geschützten Vogelarten Rotmilan, Schwarzmilan, Schwarzstorch, Uhu, Baumfalke, Sperlingskauz, Graureiher, Wanderfalke, Wespenbussard, Mäusebussard, Waldschnepfe und Kolkrabe. „Gut ein Dutzend von seltenen, geschützten Fledermausarten brüten und leben hier. Dass die geschützten Greifvögel und Fledermäuse bis hin zu Schwarzstörchen in dieser Region in dieser Dichte vorkommen, liegt im Unterschied zu anderen Flächen im Odenwald an den einzigartigen zahlreichen Wald-Bach-Ökosystemen und der mosaikartig kleinteiligen Struktur von Wald und Offenland. Dies wurde wissenschaftlich nachgewiesen durch ein avifaunistisches Gutachten von Dirk Bernd vom November 2018“, so die Initiative.

Das Gebiet sei außerdem ein „landschaftlich einzigartiger Höhenzug“, der an bedeutenden Wegscheiden wie dem Gumpener Kreuz liege und durch die Höhe – der Stotz misst 480 Meter– weithin sichtbar sei. Der Wechsel aus bewaldeter Bergkuppe, Bachläufen und Streuobstwiesen mache die Gegend bei Einwohnern und Touristen sehr beliebt. Das Gebiet sei außerdem Teil des nationalen und europäischen Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald. Eine Bebauung mit Windkraftanlagen werde „eine der wohl prägnantesten Kulturlandschaften in ihrer Eigenart und Schönheit im Odenwald stark dominieren und den Erholungswert stark beeinträchtigen“, fürchten die Gegner des Windparkprojekts.

Bedrohungen durch Eis und Feuer

AdUnit urban-intext3

Die Initiative fordert vom Regierungspräsidium, die Sichtbeziehungen zur Burg Lindenfels neu zu überprüfen. Als Grund führt sie eine veränderte Höhe der beantragten Windkraftanlagen an. Die Burg Lindenfels sei als denkmalgeschütztes Kulturgut heimat- und identitätsstiftend. „Wir sind der Überzeugung, dass die Wahrnehmung der Burg Lindenfels als kulturlandschaftliches Denkmal stark beeinträchtigt werden wird.“ Außerdem müsse die Quelle des Irrbachs geschützt werden, die an dem geplanten Windpark liege.

AdUnit urban-intext4

Die Bürgerinitiative fürchtet, dass durch die Gefahr von Eisschlag an den Rotoren Höhenwanderwege wie der Nibelungensteig im Winter gesperrt werden müssen. Falls eine Anlage Feuer fange, sei nicht nur der Wald in Gefahr, sondern auch die nahen Siedlungen. Ober-Ostern liege einen Kilometer von den geplanten Anlagen entfernt, Gumpen sogar nur 600 Meter.

Viele Odenwalddörfer bezögen ihr Trinkwasser aus lokalen Quellen, weshalb der Waldboden als Trinkwasserfilter bedeutsam sei. Wassergefährdende Gifte, die beim Bau der Windkraftanlagen eingesetzt würden, gefährde die Qualität der Oberläufe der Gersprenz. Mehrere kleine Bachläufe im Planungsgebiet mündeten in den Osterbach.

„Anwohner werden umzingelt“

Laut der Bürgerinitiative berichten Anwohner in einem Umkreis von bis zu sieben Kilometer um die Windkraftanlagen am Kahlberg „mehrheitlich von gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Hinzukommt eine dreifache Belastung der Bewohner in Mossautal, Ober- sowie Unter-Ostern und Weschnitz. Sie werden umzingelt von Windparks, wenn in unmittelbarer Nähe auf dem Stotz weitere sechs Windräder gebaut würden. Auf dem nur fünf Kilometer entfernten Kahlberg befinden sich bereits fünf Windräder mit einer Höhe von fast 200 Metern, auf dem 15 Kilometer entfernten Geisberg sind es sechs Anlagen. Der Bau des Windparks Brombach wäre für die Anwohner gesundheitlich schwer belastend.“

Die Bürgerinitiative hält eine „Balance zwischen Windparks und unverbauter Natur und Landschaft ist wichtig, um einen nachhaltigen, regionalen Naturtourismus im Gebiet zwischen Reichelsheim, Fürth und Mossautal zu gewährleisten. Der Bau des Windparks Brombach würde dieses Gebiet für Touristen unattraktiver machen. Die Chance auf eine wirtschaftliche Infrastrukturaufwertung würde deutlich reduziert.“

„Anlagen sind nicht effizient“

Die geplanten Windkraftanlagen lägen voraussichtlich unter dem avisierten Energieertrag und seien damit nicht effizient und nicht wirtschaftlich, befürchtet die Bürgerinitiative. Das 145 Hektar große Gebiet am Stotz dürfe daher nicht länger als Vorranggebiet für die Windkraftnutzung gelten. Der Bauantrag für die sechs Anlagen dürfe nicht genehmigt werden. „Alle diesbezüglichen Aktivitäten, ob öffentlich oder privatwirtschaftlich, müssen umgehend eingestellt werden“, schreibt die „Bürgerinitiative Reichelsheim Windkraftfreier Odenwald“ abschließend. tm/red