Heimatgeschichte - Vor 110 Jahren entstand der Leserverein in Reichenbach als Keimzelle der heutigen Gemeindebücherei Pfarrer Scheid lieh das erste Buch aus

Von 
Heinz Eichhorn
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Christina Metzger leitet die Gemeindebücherei im Rathaus in Reichenbach. © Funck

Reichenbach. Die „Erweckung feinerer Gefühle, literarische Unterhaltung und wissenschaftliche Ausbildung“ war das Ziel der Lesevereine in Deutschland. Auch in Reichenbach gab es einen solchen eigenständigen Verein, der seine Bücher im evangelischen Gemeindehaus aufbewahrte und dort auch verlieh.

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Vor 110 Jahren wurde das erste Buch an Pfarrer Wilhelm Scheid ausgegeben, wie aus dem „Leser-Konto“ im Gemeindearchiv zu ersehen ist. Richtig Fahrt nahmen die Ausleihen jedoch erst vor 100 Jahren nach dem Ersten Weltkrieg 1919 auf. Auch wenn der Verein selbstständig agierte, dürfe er wesentlich unter dem Einfluss von Wilhelm Scheid, Valentin Keil und Wilhelm Dude zustande gekommen sein.

Schließlich waren die Lesevereine meistens private Zusammenschlüsse des vorwiegend gehobenen Bürgertums. Und zu ihnen zählten Pfarrer, Schulleiter und Fabrikdirektor allemal. In Reichenbach wurde wohl schon seit dem Jahr 1600 Schule gehalten, doch für Übung und Verbesserung des Lesens fehlte es an Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Diese stellte der Leseverein gegen eine geringe Gebühr zur Verfügung.

Unter 275 Büchern konnten die Interessenten auswählen. Die Zahl der Zeitungen und Zeitschriften wurde im Archiv nicht festgehalten. Es dürfte sich jedoch in erster Linie um Ausgaben des Bergsträßer Anzeigenblattes (BA) gehandelt haben, das nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt auch über das Lautertal berichtete und dort abonniert wurde.

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Mit dem Ende des Zeiten Weltkrieges löste sich auch der örtliche Leseverein auf. Die Erbmasse übernahm die Arbeiterwohlfahrt (AWO). In seinem Übergabeprotokoll vermerkte der AWO-Beauftragte Karl Appel, ein Eisenbahnbeamter aus Olmütz-Parlow (heute Tschechische Republik), ausdrücklich die Zustimmung von Bürgermeister Wilhelm Jährling und Pfarrer Georg Mager zu diesem Akt. Zumal sich „niemand vom ehemaligen Leseverein gemeldet hat, der die verbliebenen Bände einem neu gegründeten Verein zuführen wollte“.

Debatte um Gemeindezuschuss

Zum Leiter der neuen Volksbücherei ernannte die AWO Franz Korger. Der Jurist war Heimatvertriebener aus Mährisch-Schönberg, kam am 15. Mai 1946 nach Reichenbach und wohnte im Haus der Metzgerei Schneider in der Nibelungenstraße 54. Mit ihm und Franz Appel erlebte die inzwischen ins Rathaus verlagerte Ausleihe einen beträchtlichen Aufschwung.

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Neue Bücher konnten über die „Volksbüchereistelle in Darmstadt-Schloss“ erworben werden. Aus Alsbach wurde eine „private Leihbücherei komplett zu sehr günstigen Bedingungen erworben“. 1951 erreichten die Zahl der Leser mit 160 und die Buchausleihen mit über 3000 Höchststände. Am 20. August 1952 stellte Korger an die Gemeinde den Antrag, „die Bücherei nach der Weisung des Hessischen Gemeindetages aus Etatmitteln zu subventionieren“. Und zwar mit rund 20 Pfennigen pro Einwohner und Jahr, also mit umgerechnet insgesamt etwa 250 Euro. Leider sei der Antrag weder beantwortet noch die Subvention gewährt worden, bedauerte Korger. Erst durch die Intervention des AWO-Vorsitzenden Günter Hebel sei Bewegung in die Sache gekommen und die Gemeinde habe fortan den Zuschuss gezahlt.

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Nachfolgerin von Franz Korger wurde für mehrere Jahrzehnte Christel Kindinger. Als Frau des späteren AWO-Vorsitzenden Hans Kindinger dokumentierte sie die weiterhin bestehende Verbindung zwischen AWO und Gemeindebücherei. Verdeutlicht wurde dies auch mit dem Umzug der Einrichtung in die ehemalige Jugendherberge in der Beedenkircher Straße, ab Mitte der 70er Jahre Domizil der Arbeiterwohlfahrt.

Seit dem Tod von Christel Kindinger widmet sich ihre Tochter Christina Metzger der Beschaffung und der Ausleihe der Bücher. Mit ihr und der Entwicklung wandelte sich die Gemeindebücherei erneut. So befinden sich jetzt die Räume im neuen Rathaus. Außer rund 2000 Bänden in handfester Form ist auch die neue Technik im Angebot berücksichtigt. Trotzdem ist aber nach über einem Jahrhundert Lesen vieles beim Alten geblieben: Wer lesen kann, ist eindeutig im Vorteil. Lesen bildet und das Lesen eines guten Buches kann dem getriebenen und dauergestressten Menschen die dringend benötigte Entschleunigung bringen. Insofern ist der Leiterin der Gemeindebücherei um deren Zukunft nicht bange.

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