CDU Lautertal - In der Konferenz mit Landrat Christian Engelhardt warf der Allgemeinmediziner Ernst Neuschild einen kritischen Blick auf die Corona-Impfstrategie Der Schutz kam für viele Senioren zu spät

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Thomas Tritsch
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Landrat Christian Engelhardt (obere Reihe, Zweiter von links) war zu Gast beim „Lauter-Talk“ der CDU, bei dem es diesmal um die Corona-Impfungen im Kreis Bergstraße ging. © CDU

Lautertal. „Die Reihenfolge war richtig“, betont Landrat Christian Engelhardt: Bevor ein Impfstoff in die Regionen fließen würde, sollte die örtliche Infrastruktur bereit sein. Damit sei die Bergstraße dem Auftrag und der Strategie des Landes Hessen gefolgt. Denn ohne eine funktionierende Logistik und Software hätte die Verfügbarkeit von Impfdosen zunächst nichts genutzt, so Engelhardt bei einem virtuellen und parteiübergreifenden Stammtisch der Lautertaler CDU.

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So kommentierte der Landrat den verzögerten Start im Bergsträßer Impfzentrum in Bensheim, wo erst am 9. Februar der Betrieb aufgenommen wurde – mit lediglich 156 Terminen am Tag. Die Quote werde nun sukzessive gesteigert. 1350 Impfungen täglich sind am Berliner Ring theoretisch möglich. Allerdings nur, wenn auch genügend Impfstoff zur Verfügung steht.

Engelhardt geht davon aus, dass sich die Versorgung und damit auch die Impfquote im zweiten Quartal deutlich verbessern werden. Außerdem könnten Personen, die einen Termin nach dem 22. März vereinbart hätten, wahrscheinlich schneller an die Reihe kommen, da Kreis vor kurzem zusätzlichen Impfstoff erhalten habe.

Bislang sind nach Angaben des Landrats im Kreisgebiet rund 10 000 Dosen verimpft worden. Die Erstimpfungen in den Seniorenheimen sind abgeschlossen. Aktuell werden besonders gefährdete medizinische Mitarbeiter mit dem Astrazeneca-Impfstoff immunisiert. Das Serum wird älteren Menschen nicht verabreicht.

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Im März soll es dann auch mit dem dezentralen Impfen losgehen, so Engelhardt im Online-Dialog, der vom Vorsitzenden der Lautertaler CDU, Carsten Stephan, moderiert wurde. Der Testlauf konzentriere sich zunächst auf Kommunen, die mindestens 20 Kilometer von Bensheim entfernt seien. Darunter seien Abtsteinach, Gorxheimertal, Grasellenbach, Hirschhorn, Neckarsteinach und Wald-Michelbach. Diese Termine seien denjenigen vorbehalten, die nicht mobil seien.

Der Gadernheimer Hausarzt und CDU-Gemeindevertreter Ernst Neuschild, der seit über 30 Jahren praktiziert und unter anderem die Senioreneinrichtung Haus Elisabeth betreut, äußerte sich kritisch über die Impfstrategie in den Seniorenheimen: „Dort sind leider viele Betten freigeworden“, so Neuschild über die Todesfälle auch in Bergsträßer Einrichtungen. Er freue sich für alle Heimbewohner, die nun ihre zweite Impfung erhalten hätten. Auch das Impfen der Ärzte sei eine richtige Entscheidung.

„Impfstoff ist nicht so schlecht“

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Neuschild betonte die Bedeutung des Impfens generell. Und er warnte davor, den Stoff von Astrazeneca zu unterschätzen oder gar als unwirksam zu schmähen: Die 70 Prozent, die der Hersteller angebe, seien für einen Impfstoff sogar ein guter Wert. Zwar liege er damit unter der Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech und Moderna, doch viele normale Grippe-Impfstoffe hätten bei Älteren eine Wirksamkeit von etwa 50 Prozent. Sie retteten trotzdem jährlich Hunderttausende, so der Allgemeinmediziner, der ein uneingeschränktes „Ja“ zum Impfen ausspricht.

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Die Debatte über eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen oder als Voraussetzung für den Zugang zu Veranstaltungen oder Reisen beobachtet Ernst Neuschild mit gespanntem Interesse: Er gehe davon aus, dass etwas in dieser Form über kurz oder lang kommen werde. Ein Corona-Impfpass als Dokument und offizieller Nachweis sei zwangsläufig zu erwarten. Bewerten wollte Neuschild eine solche Vorgehensweise aber nicht.

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Lautertal, Frank Maus, arbeitet als Lehrer und Lehrer-Ausbilder am Studienseminar Heppenheim. Er wollte wissen, ob Pädagogen mit einer vorgezogenen Impfung rechnen können. „Viele Referendare sind derzeit extrem nervös“, berichtete Maus.

Während Schulen und Kitas schrittweise geöffnet werden, wird bundesweit darüber diskutiert, auch Lehrer und Erzieher als systemrelevante Berufsgruppen zu definieren und sie früher für Impfungen zuzulassen. Derzeit genießen die Akteure des Bildungsbereichs laut Impfverordnung eine „erhöhte Priorität“. Zuletzt hatten auch Ärzte gefordert, in der Impfreihenfolge weiter nach vorne zu rücken. Lehrer von weiterführenden Schulen sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Christian Engelhardt verwies darauf, dass es sich bei er Reihenfolge um eine Entscheidung des Bundes handele. „Zieht man eine Gruppe vor, dann geht das letztlich immer zulasten einer anderen“, gab der Landrat zu Bedenken.

Es sei „weise“ gewesen, diese Entscheidung von den politischen Gremien zu entkoppeln und die Impf-Empfehlungen in die Hände der Ständigen Impfkommission, der Leopoldina und des Ethikrats zu legen, so Engelhardt, der spätestens ab Frühsommer eine drastische Zunahme an Impfungen im Kreis erwartet. Auch die Wartezeiten würden sich schon bald erheblich verkürzen.

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