Besondere Heppenheimer - Der Erbacher Peter Helmling hat im 19. Jahrhundert als Mathematikprofessor in Estland Karriere gemacht Zwischen Schnaps und Integralen

Von 
Manfred Bräuer
Lesedauer: 

Erbach. Die von vielen Schülern gefürchteten Fächer Physik und Mathematik waren seine Leidenschaft: Peter Helmling, geboren am 9. September 1817 im heutigen Heppenheimer Stadtteil Erbach machte an der Kaiserlichen Universität in Dorpat (heute Tartu/Estland) eine beachtliche akademische Karriere. Er wurde dort Lehrstuhlinhaber, Dekan der Fakultät für Physik und Mathematik und Prorektor.

Ernst blickt Peter Helmling auf diesem Bild um 1880 drein – doch der gebürtige Heppenheimer wird als trinkfeste Frohnatur beschrieben. © Bräuer
AdUnit urban-intext1

So trocken und verkopft, wie seine Leidenschaft für Differentialgleichungen vermuten lassen könnte, haben ihn Weggefährten jedoch nicht gesehen. Ludwig von Schwabe, Professor für Klassische Philologie und Klassische Archäologie, schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Peter Helmling [...] ist [...] ein kreuzbraver und warmherziger Freund, nur durch seine Kalauer und Wortwitze bedrohlich.“

Die Zahl von bekannten Heppenhei mern ist groß. Doch manch ver ...

Die Zahl von bekannten Heppenhei mern ist groß. Doch manch ver dienstvolle Tochter oder verdienst voller Sohn der Stadt ist in Verges senheit geraten. Der Geschichtsver ein will diese Persönlichkeiten mit seinen Gastbeiträgen vorstellen.

„Ein stets lächelnder Mann“

Auch der spätere Chemie-Nobelpreisträger Friedrich Wilhelm Ostwald berichtet in seiner Biografie von seinen Begegnungen mit Helmling: „Von den vielen Zusammenkünften [...] ist mir eine besonders in Erinnerung geblieben, wenn auch nicht wegen ihres wissenschaftlichen Inhaltes. [...] Im Übrigen war Helmling ein stets lächelnder, beleibter Mann [...], dabei ein wenig, was man in Studentenkreisen ein Sumpfhuhn nennt: dem Alkohol mehr als billig ergeben und sehr anspruchslos in geistiger Beziehung, wenn er am Zechtisch saß.“

Bei offiziellen Kommersen sei Helmling ein nie fehlender Gast und freudiger Abnehmer des Begrüßungsschnapses gewesen. Peter Helmlings akademische Karriere war nicht vorgezeichnet: Er wurde als erstes Kind des gleichnamigen Ackersmanns und Hofbesitzers und dessen erster Ehefrau Margaretha in Erbach geboren. Der Vater war innerhalb des damaligen Gemeindeverbundes Vierdorf – bestehend aus Erbach, Sonderbach, Kirschhausen und Wald-Erlenbach – als Beigeordneter aktiv; sein jüngerer Bruder Johann Helmling von 1837 bis 1863 sogar Bürgermeister von Vierdorf.

AdUnit urban-intext2

Erbach hatte damals weniger als 200 Einwohner und 20 Wohngebäude. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse wanderten viele nach Nordamerika aus. Doch Peter Helmling ging einen anderen Weg. Am 12. Juni 1837 wurde der 19 Jahre alte Bauernsohn an der Karl-Ruprechts-Universität in Heidelberg immatrikuliert. In den Verzeichnissen ist er von 1837 bis zum Sommersemester 1843 als Mathematikstudent nachweisbar.

Nach dem Wechsel nach Estland wurde Helmling 1844 der Grad eines stellvertretenden Hauslehrers attestiert. 1846 schloss sich ein Examen für mathematische Wissenschaft in Dorpat an. 1850 wurde Helmling in Heidelberg mit einer Untersuchung „Ueber die Entwicklung des Polynomiums“ zum Dr. phil. promoviert, 1851 erhielt er in Dorpat die Magisterwürde. Von 1852 bis 1854 war Helmling als etatmäßiger Privatdozent an der Universität Dorpat tätig.

AdUnit urban-intext3

Am 12. Juni 1853 heiratete Helmling Anna Katharina Elisabeth von Wulf. Nach aktuellem Forschungsstand hatte das Ehepaar sechs Kinder. Von 1854 bis 1859 wurde Helmling als außerordentlicher beziehungsweise stellvertretender ordentlicher Professor geführt. Nach einer erneuten Habilitation zum Dr. math. wurde er 1859 zum ordentlichen Professor für die Reine Mathematik ernannt. Auch in der Universitätsverwaltung machte er Karriere: Von 1867 bis 1870 war er Dekan der „Physiko-mathematischen Facultät“ und wurde 1871 Stellvertreter des Prorektors der Universität Dorpat.

Die alte Heimat nie vergessen

AdUnit urban-intext4

Er erhielt den Titel „Staatsrath“. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte sich Helmling erfolgreich mit abkürzenden Methoden für die Berechnung „gewisser Klassen von Integralen“. Ihm sind zahlreiche Veröffentlichungen über Integrale und Differentialgleichungen zuzuordnen. Im Alter von 70 Jahren wurde er 1887 emeritiert.

Seine alte Heimat hatte Peter Helmling indes nicht vergessen: Dass er diese besuchte, zeigt eine Privatanzeige im Verordnungs- und Anzeigeblatt für den damaligen Kreis Heppenheim: „Allen lieben Verwandten, Freunden und theilnehmenden Bekannten sagt hiermit bei seiner Abreise aus der Heimat ein herzliches Lebewohl Professor Dr. P. Helmling.“ Mehrere tausend Kilometer legte er dafür zurück. Der besondere Heppenheimer Mathematiker verstarb am 24. April 1901 in Reval (Estland). Manfred Bräuer