Fünfte Jahreszeit - Die Fastnachter in der Bergsträßer Kreisstadt halten eine Absage der nächsten Kampagne für wahrscheinlich Wird es 2020/21 eine närrische Auszeit geben?

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fran
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Schwellköpp beim Heppenheimer Fastnachtsumzug: Sie zumindest wären gegen Corona recht gut gewappnet. © Sascha Lotz

Heppenheim. Februar 1991: In den Heppenheimer Gasthäusern und Sälen herrscht gähnende Leere. Gleiches gilt am Fastnachtssonntag für die Straßen und Gassen der Kreisstadt. Die fünfte Jahreszeit fiel seinerzeit in der Bergsträßer Fastnachtshochburg ins Wasser. Angesichts der Fernsehbilder vom Krieg im Irak war sogar in der gesamten Bundesrepublik an Spaß aus der Bütt und ausgelassenes Schunkeln nicht zu denken.

„Schunkeln mit Gummihand-schuhen oder Gesichtsmaske macht doch ...

„Schunkeln mit Gummihand-schuhen oder Gesichtsmaske macht doch einfach keinen Spaß.“

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Ähnlich könnte es im Februar 2021, also exakt 30 Jahre später, wieder aussehen. Schließlich hat der Dachverband Rheinische Karnevals-Korporationen (RKK) in Koblenz seinen Mitgliedsvereinen am Wochenende empfohlen, wegen der Corona-Krise auf große Veranstaltungen wie Fastnachtssitzungen und Umzüge in der Kampagne 2020/21 zu verzichten. Ziel der Empfehlung sei es, den Mitgliedsvereinen, die um eine verbindliche Entscheidung gebeten hätten, entsprechende Planungssicherheit für die kommende Saison zu geben. Schließlich müssten bald Hallen angemietet, Musiker gebucht und andere Vorbereitung getroffen werden, heißt es vonseiten des RKK.

Logischerweise ist eine Empfehlung keine Anordnung und nicht jeder Verein beginnt schon im ersten Halbjahr des Vorjahres mit den Vorbereitungen, doch auch in der Bergsträßer Kreisstadt sorgt die Empfehlung des RKK für Gesprächsstoff. „Wir haben uns zwar noch nicht entschieden, es wird uns wohl aber nichts anderes übrig bleiben, als der Empfehlung des Verbandes zu folgen und den Umzug für 2021 abzusagen“, sagt Zugmarschall Norbert Weiser auf Anfrage dieser Zeitung. Ein Fünkchen Hoffnung bestehe lediglich, wenn bereits in naher Zukunft ein Impfstoff oder ein geeignetes Medikament gegen das neuartige Virus gefunden werde.

Als Gründe für seinen Pessimismus nennt Heppenheims Obernarr die derzeitigen Auflagen der Behörden, den eng getakteten Zeitrahmen sowie die Prognosen der Fachleute. „Kann sich aktuell irgendjemand vorstellen, gemeinsam mit zigtausend anderen Leuten feiernd am Straßenrand zu stehen? Wohl kaum“, bringt der Zugmarschall die aktuelle Gefühlslage vieler Menschen ins Spiel. Hinzu komme die närrische Leichtigkeit, die wohl kaum gelebt werden könnte. „Schunkeln mit Gummihandschuhen oder Gesichtsmaske macht doch einfach keinen Spaß“, sagt er. Und außerdem sei selbst das wohl noch nicht einmal möglich – Stichwort: Sicherheitsabstand.

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Die endgültige Entscheidung in Sachen Fastnachtsumzug dürfte, so Weiser, schon recht bald fallen. Schließlich gelte: „Spätestens zu Beginn der zweiten Jahreshälfte müssen wir uns entscheiden, damit uns die Vorbereitungen nicht überrennen.“ Was meint er damit? „Schon in den Sommermonaten müssen große Teile der Vorbereitungen getroffen werden, spätestens im Oktober beginnt der Wagenbau“, erklärt Weiser. Da Großveranstaltungen jedoch bis zum 31. August verboten seien, das Ende des Kontaktverbots überdies noch nicht absehbar sei, gebe es – Stand jetzt – „einfach keine Planungssicherheit“.

Und dann gibt es ja auch diverse Risiken, die mit einer Nichtbeachtung der RKK-Empfehlung einhergehen könnten. „Wie schnell eine Welle ins Rollen kommen kann, hat man dieses Jahr beim Karneval in Heinsberg gesehen“, sagt Weiser mit Blick auf den gesundheitlichen Aspekt. Er wolle nicht als „Verantwortlicher für Heinsberg II“ in die Geschichtsbücher eingehen, zumal es sich beim Heppenheimer Umzug um die größte Ein-Tages-Veranstaltung in der Region handle. Hinzu komme, so der 68-Jährige, ein finanzielles Risiko, das kaum ein Verein angesichts der andauernden Ungewissheit tragen könne. Von den Sponsoren und einem potenziellen Schirmherren ganz zu schweigen. „Es ist schwer vorstellbar, dass irgendwer in diesen Zeiten freiwillig ins Risiko geht“, mutmaßt Weiser.

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Wer diese Worte des Zugmarschalls hört oder liest, mag kaum glauben, dass es in den nächsten Wochen noch zu einer 180-Grad-Wende kommen wird. Fast schon klar also, dass sich sowohl das Zugkomitee als auch die fastnachtstreibenden Vereine Gedanken über Alternativen machen.

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Eine Kostprobe einer „virtuellen Fastnacht im Internet“ könnte es laut Weiser bereits zur Kampagneneröffnung am 11.11. geben. Mit dieser Idee könnten sich übrigens auch alle Vereine anfreunden – natürlich nur schweren Herzens. Aber vom Frauenbund über die Hutzelschweizer, den SV Erbach und die Habafa, bis hin zur FG Bottschlorum sind sich alle einig, dass eine Fastnachtskampagne mit angezogener Handbremse keinen Sinn und auch keinen Spaß macht. fran