Glaube - Die eritreische orthodoxe Gemeinde im Kreis Bergstraße feierte in der Nacht zum 7. Januar in der Heppenheimer Kirche St. Peter die Geburt Christi Weihnachtsfest der ungewohnten Art

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rid
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In weißen Gewändern begeht die eritreische christlich-orthodoxe Gemeinde das Weihnachtsfest. © Schumacher

Heppenheim. Ungewohnte Bilder in der Kirche St. Peter in der Nacht zum Dienstag: Ab 21 Uhr strömen immer mehr weiß gewandete Menschen in das Gotteshaus, viele Kinder sind dabei. Immer Innern des „Doms“ fällt der Blick auf die unzähligen Paar Schuhe im Vorraum.

Eritreische Gemeinde

120 registrierte Mitglieder hat die eritreische orthodoxe Gemeinde im Kreis Bergstraße.

An Weihnachten kommen in der Regeln ungefähr 300 Gläubige.

Viele sind schon in der dritten Generation in Deutschland, andere flüchten bis heute noch aus Eritrea.

Der Schutz der Kirche, das Auffangen im Glauben sei wichtig für die jungen Geflüchteten, die oft traumatische Erlebnisse hinter sich hätten, sagt Mehari Estefanos.

Die Gemeinde im Kreis wurde 2013 gegründet, als die Zahl der Neuankömmlinge stieg.

Zuvor hatte man zu Gottesdiensten bis nach Frankfurt fahren müssen, was vielen nicht möglich war.

Nun träumt man von einem eigenen Raum, um jede Woche einen Gottesdienst zelebrieren zu können. rid

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Drinnen sitzen die Menschen in den Kirchenbänken – Frauen und Kinder rechts, die Männer auf der linken Seite. Es ist der Vorabend des eritreischen christlich-orthodoxen Weihnachtsfestes, vergleichbar mit dem Heiligen Abend, und der Beginn eines Gottesdienstes, der bis zu acht Stunden dauern wird.

Auf den ersten Blick ist alles ein wenig fremd für den Außenstehenden. Doch man wird von jedem freundlich begrüßt und willkommen geheißen. Es herrscht eine fröhliche Stimmung in St. Peter. Zugleich spürt man, wie wichtig den Menschen der Gottesdienst ist. Von weit her kommen die gläubigen Christen angereist – aus dem gesamten Kreis Bergstraße, manche sogar aus Worms oder Frankfurt.

Vorne vor dem Altar steht ein prächtiger, mit rotem Stoff bezogener Paravent. Darauf zu sehen sind Jesus, wie er an eine Tür klopft, und die Mutter Gottes mit dem Kind. Trommeln liegen bereit. Der Blick fällt auf weitere Details: Die Festtagsgewänder der Frauen sind unterschiedlich: Manche beschränken sich auf einfachen weißen Stoff, der Körper und Kopf verhüllt; andere tragen prächtige weiße Gewänder mit Farbmustern. Schon die Allerkleinsten werfen sich auf den Boden und küssen ihn. Ein Junge marschiert neugierig durch die Kirche. Die Mutter fängt ihn – unter Protest des Kleinen – immer wieder ein. Doch keiner ist böse, die Kinder gehören dazu.

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Nach und nach kommen immer mehr Menschen. Taschen werden hineingetragen, Matratzen. Viele, so erfährt man später, werden in der Kirche übernachten, auch, weil nachts der ÖPNV nicht fährt. Und die Kinder schaffen es natürlich nicht, die ganze Nacht wach zu bleiben. Mit der Zeit schlafen sie ein mitten im Geschehen. Während vorne die Liturgie schon begonnen hat, begrüßt man sich hinten, richtet sich ein für die lange Nacht.

Priester Abraham kommt vorbei und erklärt, was gerade passiert. Der Gottesdienst wird zweisprachig gehalten – in Tigrinya und im alt-äthiopischen Geez – in der Sprache also, die man einst in Abessinien sprach. Zwei Priester und sechs Diakone halten den Gottesdienst. Priester Shishay ist schon bei der Arbeit.

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Vater Abraham erklärt das aufgebaute Stoffbild – es verdeckt den Blick auf die Bundeslade. Die eritreischen orthodoxen Christen glauben, dass die israelitische Bundeslade mit den Original-Gesetzestafeln vom Berg Sinai nach Äthiopien gebracht wurde und dort bis heute aufbewahrt wird. Aus diesem Grund gibt es in jeder äthiopischen oder eritreischen Kirche eine Kopie der Bundeslade.

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Priester Abraham wurde mit sieben Jahren zum Diakon. Für ihn gab es dann zwei Wege – entweder, für immer jungfräulich zu bleiben und als Mönch in ein Kloster zu gehen; oder aber, zu heiraten und Priester zu werden. Er ist seit fünf Jahren in Deutschland. Dass er seine Berufung hier einmal würde ausüben können, das hätte er nie gedacht. Umso dankbarer ist er.

Lssan Estefanos hilft beim Übersetzen, wenn es mal hakt. Die 24-Jährige ist hier geboren und hat gerade ihr erstes juristisches Staatsexamen in Frankfurt abgelegt. Ihr Vater Mehari Estefanos, seit 1988 hier, kommt dazu, nutzt die Gelegenheit, sich zu bedanken bei den Heppenheimer Gemeinden St. Peter und Heilig Geist und St. Georg in Bensheim, die der eritreischen Gemeinde immer wieder die Kirchen zur Verfügung stellen.

Vorne geht die uralte überlieferte Liturgie weiter. Der eigentliche Gottesdienst beginnt gegen Mitternacht, wenn der Segen gesprochen wird. Gesang und Trommelklänge kommen dazu, es wird getanzt. Die Stimmung ist fröhlich und beeindruckend. rid