Ausflugsziele - Renate und Ralf Teckentrup haben den Pachtvertrag mit der Stadt gekündigt – leicht ist es ihnen nicht gefallen Vogelpark schließt für immer

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rid
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Tristesse im Vogelpark: Fast alle Tiere sind schon weggegeben, die Volieren stehen leer. © Lotz

Heppenheim. Zeternd flattert ein Halsbandsittich auf eine Trauerweide am Bruchsee, man hört Amseln singen, Meisen zwitschern. Viele Spaziergänger sind unterwegs. Es herrscht ein Hauch von Frühling. Nebenan im Vogelpark räumt Renate Teckentrup das Spielzeug aus dem Sandkasten zusammen. Es ist auffällig still hier. Kein Papageien-Krächzen, kein Quaken von Enten und Gänsen. Der Teich, in dem immer die Flamingos standen, ist verlassen.

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Ein Bild, an das man sich gewöhnen muss: Der Heppenheimer Vogelpark schließt für immer seine Pforten. Die Kündigung des Pachtvertrages ging der Stadt in dieser Woche zu. Die meisten Vögel sind schon ausgezogen, haben eine neue Heimat gefunden. Für Renate und Ralf Teckentrup war es das Wichtigste, „dass es unseren Tieren gut geht“. Während der Weihnachtstage ist die Entscheidung gefallen, nicht mehr weiterzumachen.

Viele schlaflose Nächte

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„Wir haben lange überlegt, hatten viele schlaflose Nächte“, schildern Renate und Ralf Teckentrup. „Aber es ging nicht mehr.“ Schon seit Jahren verfallen die Volieren immer mehr, das Holz wird morsch. Natürlich wurde immer wieder repariert, hier ein Balken eingezogen, dort ein Dach abgedichtet. Doch letztlich war es nur Flickwerk, eine Sanierung wäre finanziell ein Fass ohne Boden gewesen. Das hätte der kleine Verein nicht stemmen können. Nach einer Anzeige beim Veterinäramt durch eine Frau gab es weitere Auflagen. Gern hätten die beiden mehr getan, aber das Geld fehlte an allen Ecken und Enden – auch die Corona-Pandemie mit dem einhergehenden Öffnungsverbot tat ihr Übriges.

Emu Karlchen ist noch da. In seinem neuen Zuhause wird noch ein Häuschen für ihn gebaut. Er kommt, wie viele andere Vögel auch, in den Leintalzoo nach Schwaigern nahe Heilbronn.

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Die Schnee-Eulen kommen ebenfalls in unterschiedlichen Zoos unter, unter anderem in Kaiserslautern. Gelbstirnamazone Kokida, die Edel- und die Graupapageien und der schwarze Schwan finden ebenfalls ein Zuhause im Leintalzoo. Alle bleiben zusammen. „Die Pflegerin dort schickt immer Handyvideos, es geht ihnen gut“, freut sich Renate Teckentrup über die guten Nachrichten von ihren Schützlingen.

Manchmal, so erzählt sie, öffnet sie noch automatisch das Fenster der Gaststätte, um dem Pfau sein gewohntes Leckerli zu geben. Jetzt ist er für immer fort. Man merkt, wie schwer der Abschied den beiden fällt. Der Pfau und sein Kollege schlagen ihr Rad nun mit 20 anderen Artgenossen in einem Wildtierpark in der Pfalz. Die Hornvögel wohnen nun im Harz, ein Toko-Zuchtpaar siedelt in den Zoo nach Halle.

Besucher sind traurig

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Viele Autos von Spaziergängern stehen auf dem Parkplatz. Ein Ehepaar läuft zum Eingang, fragt, wann wieder geöffnet wird – und ist traurig über die Antwort. „Schade, dass es da anscheinend keinerlei finanzielle Unterstützung vonseiten der Stadt gab, den Vogelpark zu erhalten. Dabei wertet der Park mit seiner Einkehrmöglichkeit doch das Naherholungsgebiet Bruchsee so auf“, kritisiert sie. Eine finanzielle Unterstützung zur Instandhaltung durch die Stadt sehe der 1995 geschlossene Pachtvertrag nicht vor, erklären die Teckentrups.

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Ein Zeitungsartikel im vergangenen Jahr hat für große Solidaritätsbekundungen und viele Spenden gesorgt. Mit den Geldspenden konnte Futter und Öl zum Heizen der Volieren angeschafft werden, darüber hinaus gab es Futterspenden. Dafür sind Teckentrups sehr dankbar. Traurig sind auch die Stammgäste, die dem Vogelpark teilweise seit mehr als zwanzig Jahren treu sind. „Es war wie eine große Familie“, so Renate Teckentrup.

Wie geht es weiter, wenn der Vogelpark nicht mehr sieben Tage die Woche das Leben des Ehepaars bestimmt? Wenn Corona es wieder zulässt, wollen sie verreisen. Auch mal zwei oder drei Wochen am Stück, das war bisher nie möglich. Das letzte Mal im Urlaub waren sie 2007 – für eine Woche. Damals wurde auf Teneriffa der Loro-Park besucht und der Vogelpark auf Gran Canaria. Fest steht: „Unsere Vögel werden wir mit Sicherheit alle mal besuchen. Wir haben von überall Einladungen“, sagen die beiden und müssen dann doch lachen.

„Greifen kann ich es noch nicht“

Die 50 Jahre hätten sie gern vollgemacht, nun fällt im 48. Jahr ihres Engagements der Vorhang. Doch es ist auch an der Zeit, mal ein bisschen langsamer zu machen. Renate Teckentrupp ist 70, ihr Mann 73. „So langsam sind wir dabei, es zu realisieren. Greifen kann ich es noch nicht“, sagt Ralf Teckentrup. „Es wird uns schon etwas fehlen. Unser ganzes Leben war darauf ausgerichtet“, ergänzt seine Frau. rid