Corona - Verordnete Kontaktbeschränkungen im Konflikt mit den Freiheitsrechten der Bewohner Träger von Haus Johannes verweist auf ein Dilemma

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fran
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In zwei Wochen sollen die Bewohner und Mitarbeiter des Hauses Johannes geimpft werden. © Lotz

Heppenheim. Langsam, aber sicher scheint sich die Situation im Heppenheimer Alten- und Pflegeheim Haus Johannes zu entspannen – sowohl bei den Corona-Infektionszahlen in der Einrichtung, als auch mit Blick auf die jüngsten Diskussionen zwischen Träger und Heimleitung auf der einen und dem Gesundheitsamt auf der anderen Seite. Angehörige der Bewohner beobachten die Lage hingegen weiter kritisch.

Der Träger

Die HDV gemeinnützige GmbH betreibt im Raum Südhessen und Worms neun stationäre Einrichtungen für „Wohnen und Pflegen“ mit insgesamt 950 Pflegeplätzen und eine Tagespflege mit 15 Plätzen in Bickenbach.

Das christliche Unternehmen steht in der Tradition des Hessischen Diakonievereins, der seit über 100 Jahren in der Gemeindediakonie und der Kranken- und Altenpflege tätig ist.

Die HDV gemeinnützige GmbH gehört seit 2010 zum Agaplesion-Konzern. fran

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„Aktuell befinden sich noch 18 Bewohner und fünf Mitarbeiter in Quarantäne“, berichtet Bernhard Pammer. Der studierte Volkswirt ist seit 1. Juli 2014 Geschäftsführer der HDV gemeinnützige GmbH, dem Träger der Heppenheimer Einrichtung. „Die Zahlen sind demnach rückläufig“, fährt Pammer fort und weist zugleich auf eine neue Reihentestung hin, die am Wochenende im Haus Johannes stattfinden soll. Vor Wochenfrist hatte es im Haus Johannes noch 44 infizierte Bewohner gegeben. Zudem beklagte die Heimleitung den Quarantäne-bedingten Ausfall von elf Mitarbeitenden.

Darüber hinaus berichtet Pammer von zwei kürzlich erfolgten „konstruktiven Telefonterminen“ mit den Verantwortlichen des Bergsträßer Gesundheitsamtes. Ein wesentliches Ziel von Träger und Heimleitung sei hiermit bereits erreicht. Pammer: „Wir stehen jetzt in Kontakt, es gibt einen direkten Zugang zum Gesundheitsamt.“

Zuvor hatten sich beide Seiten die Verantwortung für diverse Kommunikationsprobleme mit den Angehörigen der Heimbewohner zugeschoben – insbesondere mit Blick auf die Durchsetzung des Betretungsverbotes, das ungeachtet der jüngsten Entspannung solange weiter besteht, wie noch positiv getestete Bewohner im Hause sind (wir haben berichtet).

„Verordnungen überschlagen sich“

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„Verordnungen des Bundes, der Landesregierung, Allgemeinverfügungen des Kreises und örtlicher Behörden überschlagen sich, werden meist von heute auf morgen in Kraft gesetzt und können so schnell gar nicht in der Praxis umgesetzt werden“, hatte HDV moniert. Zudem seien die Verordnungen „sehr oft stark interpretierungsbedürftig.“ Dies habe häufig zu unterschiedlichen Auslegungen geführt. Die „möglicherweise missverstandenen Anordnungen sorgten an allen Stellen für Unruhe.“ Der Kreis hatte wiederum mitgeteilt, den Heimen an der Bergstraße sehr wohl ausgiebig Rede und Antwort zu stehen – sowohl mündlich als auch schriftlich.

Derartige Missverständnisse kann und will Bernhard Pammer auch künftig nicht ausschließen, „da hier Theorie und Praxis unmittelbar aufeinandertreffen“. Er geht aber trotzdem davon aus, dass nun eine Basis geschaffen ist, um mögliche Konflikte künftig frühzeitig zu besprechen und auch zu klären. Denn, das betonen beide Seiten wieder und wieder: „Das Wohl der Bewohner steht an erster Stelle.“

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Das stellen einige Angehörige jedoch weiter infrage. In einem Schreiben an Heimleiterin Ute Büchler, das dieser Zeitung vorliegt, kritisiert die Tochter einer Bewohnerin den nach wie vor schleppenden Informationsfluss – der Träger hatte diesbezüglich Besserung versprochen. Auch der persönliche Kontakt sei weiter nahezu unmöglich. „Und genau an dieser Stelle wirft sich die Frage auf, ob dies noch mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Denn auch vor dem Hintergrund einer Pandemie ist Freiheitsentziehung nur durch einen richterlichen Beschluss möglich. Auch Ihr Hausrecht mag dies nicht außer Kraft setzen“, schreibt die Tochter.

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„Das ist das alte Thema, das in meinen Augen aber seit letzter Woche abgeschlossen ist. Formal dürfen und sollen die Bewohner das Haus verlassen. In dieser Hinsicht hat die Politik aus den Fehlern des Frühjahrs 2020 gelernt“, erwidert Bernhard Pammer. Er erinnert aber auch daran, dass nun die Heime die Kontakte der Bewohner koordinieren müssten. „Doch das Personal ist knapp und muss ebenfalls geschützt werden. Es fehlt hierfür nach wie vor an der nötigen Ausrüstung. Auch ein früher Impftermin hätte womöglich für Entspannung gesorgt. Wir fühlen uns manchmal wie ein Sandwich, müssen immer abwägen, was für alle Beteiligten am besten ist“, sagt Pammer.

Ein Licht am Ende des Tunnels erhofft er sich von den Impfungen, die inzwischen auf den 12. und 13. Februar terminiert wurden. Wie viele Bewohner und Mitarbeiter letztlich geimpft werden, hängt übrigens auch von der weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens ab. „Wer bereits infiziert war, wird nicht mehr geimpft“, sagt Pammer abschließend. fran