Wirtschaft - Der lange Lockdown macht Heppenheimer Unternehmern zu schaffen, die trotz der Coronavirus-Pandemie Neueröffnungen gewagt haben Seit Dezember hat es die „Zweite Liebe“ schwer

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dj
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Donata Starke (vorne) und Franziska Brümmer dürfen ihre Werkstatt offen halten, aber es fehlen Kunden. © Dagmar Jährling

HEPPENHEIM. In der Leichtigkeit des Sommers mit zurückgehenden Inzidenzzahlen sahen sich viele Unternehmer ermutigt, in Heppenheim in ihre Geschäfte Geld zu investieren und zu erweitern, umzuziehen oder gar den ersten Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Die Pandemie schien im Griff gehalten werden zu können und kaum einer hatte mit einem zweiten Lockdown gerechnet.

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„Vor allem nicht so lange“, sagt Olga Heinrich. Sie übernahm nach vielen Jahren als Fachverkäuferin in der Modebranche im August voller Optimismus den Secondhand-Laden für hochwertige Damenmode „Karena Modetreff“, renovierte und nannte das Geschäft an der Ludwigstraße 44 in „Zweite Liebe“ um.

Zunächst sah es gut aus. Die alte Kundschaft hielt Heinrich die Treue und neue Kundinnen kamen hinzu. Doch ab dem 16. Dezember hieß es für sie wie für alle Einzelhändler schließen, während Discounter und der Lebensmitteleinzelhandel weiterhin Kleidung und sonstige Accessoires anbieten und Paketdienste mit der Auslieferung kaum noch nachkommen, weil der Internethandel boomt.

Noch keine Hilfe erhalten

Vielen Geschäftsleuten geht allmählich die Luft aus. „Ich habe zum Glück einen tollen Vermieter, der mir die Miete reduziert hat“, sagt Heinrich. Doch Hilfen hat sie noch nicht erhalten. Sie rutschte durch das Raster. Das Ersparte ist bald aufgebraucht. Als Landrat Christian Engelhardt mit der Steuerberaterin Alexandra Rothermel aus Kirschhausen auf Facebook Betroffene zum Gespräch einlud, bekam Heinrich den Tipp, die Überbrückungshilfe III für die Übernahme der Fixkosten zu beantragen. Diese Möglichkeit besteht erst seit Mitte Februar. Außerdem steht sie in der Schlange mit vielen anderen, weil sie dazu ihr Steuerbüro beauftragen muss und die Steuerberater kaum noch nachkommen. Das kann also dauern. In der Zwischenzeit behilft Heinrich sich damit, ihre Ware auf Facebook zum Verkauf zu präsentieren.

Die Kundenfehlen

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„Langsam wird es eng“, sagen Donata Starke und Franziska Brümmer von der Goldschmiede „Wunderwald“ in der Bogengasse unisono. Sie dürfen als Handwerksbetrieb zwar ihre Werkstatt offen halten, aber es fehlen die Kunden. Eigentlich wollten sie schon Anfang des vergangenen Jahres eröffnen, in der Hoffnung, von Veranstaltungen wie dem Weinmarkt zu profitieren, aber da kam der erste Lockdown dazwischen. Sie eröffneten zwar im Mai ihre Werkstatt mit Ausstellungsräumen im Gewölbekeller. Doch Weinmarkt, Gassensensationen sowie Festspiele fanden nicht statt. Trotzdem fanden einige Kunden den Weg zu Starke und Brümmer. Ein Herr habe sogar eigens bei ihnen geordert, obwohl er es auch übers Internet hätte tun können. Für die lokale Unterstützung sind sie dankbar.

Wohlwissend, dass der Weg in die Selbstständigkeit schwierig sein könnte, blieben Starke und Brümmer zusätzlich im Angestelltenverhältnis. Doch da sind sie jetzt in Kurzarbeit und die Aufträge aus dem Weihnachtsgeschäft haben sie in ihrer Werkstatt größtenteils abgearbeitet. Neues kommt zwar schon rein, aber zu wenig. „Wir versuchen, den Kontakt telefonisch und über E-Mail zu bewerkstelligen. Nur, wenn es darum geht, noch einen bestimmten Stein auszusuchen oder Maß zu nehmen, dann bestellen wir den Kunden ein“, erklärt Brümmer.

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Doch die wenigen Aufträge reichen momentan nicht zum Überleben. Starke hat außerdem zwei Kinder im Studium, die sich sonst etwas dazu verdient haben. Doch diese Möglichkeiten sind weg. Hilfen bekommen die Goldschmiedinnen nicht, weil sie die Goldschmiede für nachhaltigen Schmuck im Nebenerwerb führen. „Wenn Mitte März nicht geöffnet wird, sehen wir schwarz“, sagt Starke.

Fairer Vermieter

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Martina Brabandt und Simone Dippel sind mit ihrer Schmuckwerkstatt „Badisima“ im Juli von Bensheim nach Heppenheim an den Großen Markt in der Altstadt umgezogen. Der pittoreske Marktplatz mit dem Rathaus und den vielen Restaurants sollte ihr Geschäft befruchten. Auch sie hatten großes Glück, dass ihr Vermieter ihnen die Ladenmiete minderte. Gerade ihr Geschäft lebt vom Kundenkontakt. Die Menschen kommen normalerweise in das Geschäft, wählen aus verschiedenen Perlen und Ketten ihr individuelles Schmuckstück aus, das dann von Dippel und Brabandt zusammengestellt wird. Derzeit ist geschlossen. Auch hier sieht es mit den Hilfen nicht gut aus. „Sie haben doch einen Mann“, habe sie gesagt bekommen, erzählt Brabandt. Indes laufen die Zahlungen für Kranken- und Rentenkasse weiter. Immerhin hätten die Lieferanten die Stundung der Rechnungen signalisiert, wollten abwarten bis Dippel und Brabandt wieder öffnen dürfen. dj