Noch immer sind nicht alle Opfer bekannt

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Oliver Pietschmann/dpa
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Früher die Odenwaldschule, heute der „Wohnpark Ober-Hambach“: Das idyllisch gelegende Gelände im Heppenheimer Stadtteil Ober-Hambach. © Anspach/dpa

Ober-Hambach. Eine Idylle am Rande des Odenwaldes: Mehr als 20 denkmalgeschützte Häuser stehen in Ober-Hambach in einem Ensemble, in dem sich heute Privatwohnungen befinden. Zuvor wurden dort mehr als 100 Jahre lang Kinder unterrichtet - im ehemaligen Eliteinternat Odenwaldschule.

Missbrauchsskandal führte zum Aus der Odenwaldschule

  • Als vor rund zehn Jahren der lange vertuschte sexuelle Missbrauch an Schülern ans Licht kam, ging es für die Odenwaldschule samt Internat abwärts. Es folgten Streit, Rücktritte, Entlassungen an der Spitze - und schließlich das endgültige Aus. Ein Rückblick:
  • 6. März 2010: Die "Frankfurter Rundschau" berichtet von Missbrauch an der Odenwaldschule. Im Zentrum der Vorwürfe: Der damalige Leiter der Eliteschule, Gerold Becker, aber auch andere Lehrer.
  • 21. August 2014: Nach heftiger Kritik am Wirtschaftsplan geht die Schule trotz Geldsorgen in ein weiteres Schuljahr. Die Aufsichtsbehörden verlangen eine Trennung von Internat und Schule.
  • 17. Oktober 2014: Die Odenwaldschule beugt sich dem Druck der Behörden und beschließt einen organisatorischen Umbau. Anstelle des eingetragenen Vereins entstehen eine gemeinnützige Betriebs-GmbH und eine Stiftung.
  • 16. Juni 2015: Nach monatelangem Ringen um ein Finanzierungskonzept teilt die Odenwaldschule überrraschend mit, sie habe einen Insolvenzantrag gestellt.
  • 9. Juli 2015: Der letzte Schultag an der Odenwaldschule.
  • 1. August 2015: Das Insolvenzverfahren wird eröffnet.
  • 4. August 2015: Eine Gruppe von Investoren und Eltern will die Schule unter dem Namen "Schuldorf Lindenstein" weiterführen - ein Konzept dafür wird bei den Aufsichtsbehörden eingereicht.
  • 2. September 2015: Die Behörden genehmigen das Konzept nicht. Das bedeutet das endgültige Aus für die Odenwaldschule.
  • 24. November 2016: Ein Großteil des Geländes und die Gebäude gehen an die Mannheimer Unternehmerfamilie Schaller. Auf dem ehemaligen Schulareal soll ein Wohn- und Ferienpark entstehen.
  • 22. Februar 2019: Zwei neue Studien gehen von einer weitaus höheren Zahl von Missbrauchsopfern aus - zwischen 500 und 900. Vermutet werden mehr als zwei Dutzend Täter. 

 

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Vor zehn Jahren kam der jahrelange systematische sexuelle Missbrauch von Schülern ans Licht. Studien zufolge sollen mehr als zwei Dutzend Lehrkräfte und andere Mitarbeiter der Schule an den Verbrechen an bis zu 900 Schutzbefohlenen beteiligt gewesen sein. Ein Internat, in dem Kinder Opfer von sexueller Gewalt, emotionaler Ausbeutung und Vertuschung wurden und Traumata erlitten, die bis in die Gegenwart reichen.

„Das ist etwas, das wird man nie mehr los“, sagt die Vorsitzende des Zusammenschlusses der Betroffenen, dem Verein Glasbrechen, Sabine Pohle. Es gebe Menschen, die kämen gar nicht damit zurecht. Manche könnten es nicht thematisieren oder irgendwo hingehen, um zu sagen, was ihnen passiert ist. Pohle geht bei den Opfern noch von einer Dunkelziffer aus, weil Betroffene sich nicht äußern könnten. „Nicht jeder will sich eingestehen, dass er damit ein Problem hat.“

Mehr als 573 000 Euro wurden nach Angaben der Stiftung Brücken bauen bislang an Opfer der Grausamkeiten ausgezahlt. „46 Opfer haben Zahlungen der Stiftung erhalten. Es gab allerdings auch Opfer sexualisierter Gewalt, die Anträge bei der Stiftung eingereicht hatten, die aber nicht mit der Odenwaldschule in Verbindung standen und deshalb nicht berücksichtigt werden konnten“, sagt Ulrich Kühnhold von der Stiftung Brücken bauen, die aus ihren Geldern Zahlungen für das erlittene Leid oder die Übernahme von Therapiekosten finanziert. „Der Stiftung sind 140 Opfer bekannt, von denen einige bewusst keinen Antrag gestellt haben beziehungsweise vor einer Antragsstellung zurückschrecken, da dies wieder mit einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema verbunden wäre.“

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Die Geschichte der Grausamkeiten an der Odenwaldschule ist noch heute unfassbar. Einer Studie des Wissenschaftlers Jens Brachmann zufolge soll es neben dem früheren Schulleiter Gerold Becker, der bis Mitte der 80er Jahre sich mutmaßlich an mehr als 100 Kindern und Jugendlichen vergangen hat, mindestens vier weitere Haupttäter gegeben haben. Die Grenzen zwischen passiver Tatunterstützung und aktiver Täterschaft seien zudem bei rund zwei Dutzend Mitarbeitern fließend. Das Missbrauchssystem an der Schule durchdrang alle Hierarchieebenen. Bekannt gewordene Übergriffe wurden vertuscht, zutage getretene Defizite nicht behoben. Lehrer und frühere Schulleiter seien Pädophile gewesen.

Sabine Pohle sieht trotz der Ergebnisse der Studien über die Odenwaldschule nach wie vor offene Fragen. „Das System dahinter ist noch nicht aufgeklärt.“ Es würden die Hintergründe fehlen, zum Beispiel, welche Rolle andere Institutionen wie Jugendämter gespielt hätten. Trotz Meldungen von Missbrauchsfällen sei nichts passiert. Mitarbeiter der Schule hätten vor und nach ihrer Zeit am Internat ja auch woanders gearbeitet. So etwas sei ja nicht nur an der Odenwaldschule, sondern auch in anderen Institutionen passiert.

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Pohle sieht nach wie vor die Politik in der Verantwortung. Das Land Hessen unterstützte die Opfer nach Angaben des Kultusministerium mit insgesamt 100 000 Euro, von denen seitens der Stiftung Brücken bauen 30 000 Euro für die Opferentschädigung bereitgestellt wurden. Die finanziellen Mittel für die Stiftung waren bis Ende vergangenen Jahres befristet.

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Defizite beim Thema Kindesmissbrauch kritisierte unlängst auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Aus Anlass des zehnten Jahrestages des Bekanntwerdens der Missbrauchsfälle am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg in Berlin, rief er im Januar dazu auf, mehr für den Schutz von Kindern zu tun. Beim Thema sexuelle Gewalt werde in Deutschland auch 2020 „ohrenbetäubend geschwiegen“.

Die Odenwaldschule, an der Prominente wie der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit oder der Schriftsteller Klaus Mann die Schulbank drückten, ist als Institution zehn Jahre nach Bekanntwerden des Skandals Geschichte. Das Internat musste schließlich Insolvenz anmelden und nach mehr als 100 Jahren wurde 2015 der Schulbetrieb eingestellt. Das Gelände wurde von einer Unternehmerfamilie übernommen und umgebaut. Im Internet werben die Eigentümer: „Wohnpark Ober-Hambach - ein Traum zum Wohnen und um Urlaub zu machen.“ 

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