Religion - Seit einem Jahr sind die Heilig-Geist- und die Christuskirchen-Gemeinde zur Kooperation „Evangelisch in Heppenheim“ zusammengeschlossen Kirchen gemeinsam auf neuen Wegen

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rid
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Bei „Evangelisch in Heppenheim“ arbeiten Pfarrerin Jasmin Setny und Pfarrer Frank Sticksel zusammen. © Lotz

Heppenheim. Ein Klagezaun steht nun an den beiden evangelischen Kirchen in Heppenheim. Hier kann man seine Bitten und Klagen auf ein Stück Papier schreiben, dieses in den Maschendraht stecken. Wenn es regnet, wird das Papier nass, und weicht auf. Wenn es stürmt, fliegt es vielleicht auch einmal weg. Ein gutes Bild dafür, dass alles Schwere mit der Zeit aufweicht oder sich verflüchtigt, findet Pfarrerin Jasmin Setny.

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Es ist Sonntagvormittag. Gerade hat sie vor der Heilig-Geist-Kirche den Segen gesprochen. Rund 20 Gläubige sind gekommen. Zur gleichen Zeit hat vor der Christuskirche in der Weststadt Pfarrer Frank Sticksel dasselbe getan; ebenso viele Menschen waren dort – mit Abstand und Maske – im Freien versammelt. Ein Jahr ist es nun her, dass die beiden evangelischen Kirchengemeinden sich unter der Überschrift „Evangelisch in Heppenheim“ zu einer Kooperation zusammengeschlossen haben.

Der Grund: Man kann sich gemeinsam breiter aufstellen, herausarbeiten, welche Stärken man hat. Denn auch die evangelische Kirche verändert sich, die prognostizierten Zahlen für das Jahr 2030 sind deutlich: Man rechnet bis dahin mit 25 Prozent weniger Einnahmen aus Kirchensteuer, mit 20 Prozent weniger Mitgliedern, mit 30 Prozent weniger Pfarrerinnen und Pfarrern, mit 50 Prozent weniger Liegenschaften.

Das gemeinsam an einem Strang Ziehen begann fast zeitgleich mit der Corona-Pandemie. Zwei Monate hatten die Gemeinden Vorlauf, am 15. März 2020 dann der letzte Präsenzgottesdienst vor dem ersten Lockdown. Seitdem muss man immer wieder neu auf Situationen reagieren. „Ein schwieriger Start“, so Pfarrer Sticksel, habe man doch das Zusammenrücken auch mit verstärkter Kontaktaufnahme, dem gegenseitigen Kennenlernen zeigen wollen.

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Doch man ist froh, den Schulterschluss gewagt zu haben: „So eine Entscheidung wie die, vorerst keine Präsenzgottesdienste mehr abzuhalten, kann man nur gemeinsam treffen“, finden beide. Auch wenn die Meinungen nicht immer die gleichen seien, man finde stets einen guten Weg zum Wohle aller.

Nun gibt es eine gemeinsame Homepage, bis Jahresende aber mindestens noch zwei Gemeindebriefe. Doch auch hier scheinen Dinge zusammenzuwachsen. Im Juni werden noch einmal zwei Kirchenvorstände gewählt, es wird auch erst einmal bei zwei Gemeinden bleiben.

„Es gibt keine Tabus beim Denken“

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Gemeinsam will man echte Perspektiven für die Zukunft entwickeln. „Ich will nicht in zehn Jahren vor einer neuen Realität stehen“, erklärt Setny. „Es gibt keine Tabus beim Denken. Wo möchte man hin? Welches Bild von Gemeinde hat man?“ Es gibt viele Beispiele: So gefällt vielen die Uhrzeit 11 Uhr für den Segen viel besser als der 10-Uhr-Gottesdienst. Vielleicht wäre das eine Alternative. „Heute muss die Mutter nicht mehr ab elf in der Küche stehen und das Sonntagsessen vorbereiten.“ Für andere ist es vielleicht besser, am Samstagabend kirchlich in das Wochenende zu starten. Attraktiv wäre es, zwischen den verschiedenen Formaten wechseln zu können, Gemeinde unabhängig.

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Obwohl es keine Präsenzgottesdienste mehr gibt, bedeutet das nicht, dass die evangelischen Christen nun außen vor sind und vor verschlossenen (Kirchen-) Türen stehen. Es gibt andere Formate.

Der sonntägliche Segen etwa startet immer um 11 Uhr. Diesen Zeitpunkt hat man gewählt, damit den Menschen die Möglichkeit gegeben wird, vorher einen Fernsehgottesdienst zu sehen. Nach dem Segen, dem ein Psalmwort und ein kurzer Impuls vorangehen, sind die beiden Kirchen offen, die Pfarrer sind ansprechbar. Am Sonntag ist darüber hinaus noch ein Stationengottesdienst für Familien, und es gibt einen Hörgottesdienst.

Kirche unter Corona-Bedingungen, das ist nicht nur Einschränkung. Kirche sei anders, vielfältiger, so die beiden Geistlichen. Die Gruppen werden kleiner. „Aber es wird intensiver – man kommt auf Abstand enger zusammen“, so Jasmin Setny. Immer wieder fänden kurze persönliche Gespräche statt, losgelöst von einer großen Menge. „Die Notwendigkeit, Gespräche zu führen, spürt man. Der Bedarf hat zugenommen“, so Sticksel. Die Zahl der Seelsorgesituationen hat zugenommen, Trauergespräche dauern länger. Die Sterbebegleitung ist eine andere, die Trauerkultur nach einer Beerdigung fehlt. Der Konfirmandenunterricht und der Bibelkreis finden digital statt, Seniorenkreise fallen aus. Doch für die Älteren der Gemeinde gibt es alle zwei Wochen einen postalischen Gruß, kurze Besuche an der Haustür mit Abstand und Maske, lange Telefonate. Es wird geschaut, wer „verlorengegangen ist“.

Wenn die Pandemie vorbei ist, wollen die beiden Gemeinde gemeinsam zurückblieben, was sich von den aus der Not heraus entstandenen Veränderungen und Neuerungen bewährt hat. „Ich bin gespannt auf das Resümee“, sagt Jasmin Setny. rid