Tradition - Trotz der Corona-Beschränkungen feierten die Hambacher ihre Brennesselkerwe / Tassen mit Wappen waren auch in diesem Jahr heiß begehrt Jeder für sich, trotzdem gemeinsam

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rid
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Kerwe mal anders: Auch in Hambach ist derzeit auf den Straßen nichts los – gefeiert wurde aber trotzdem, so gut es ging. © Lotz

Hambach. Wohl dem, der eine lange Leitung hat – der hat dann nämlich genau die richtige Ausrüstung, um an einem außergewöhnlichen Kerwesonntag in Hambach das Dorf zu wecken. Die Herberts hatten so eine lange Leitung und so stand der Lautsprecher dann auch strategisch gut, um die gesamte Wasserschöpp zu beschallen. Normalerweise ist es an der Kerwejugend, sonntagmorgens um 6 Uhr durchs Dorf zu fahren und erbarmungslos jeden aus dem Bett zu werfen. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: In diesem Jahr feierten die Hambacher ihre Brennesselkerwe zu Hause.

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Eine zündende Idee

Die Prophezeiung hat sich erfüllt

Wenn schon kein Umzug, dann wenigstens eine Kerweredd, natürlich live übertragen im Netz. Das Kerwepaar Ricarda und Jannis Schneider machte seine Sache gut, reimte rund um Corona und ums Dorfgeschehen. Bemerkenswert dann die Einblendung am Ende: Kaum auf der Welt, wurde das Zwillingspärchen einst per Kinderwagen beim Umzug durch den Ort geschoben, auf den Shirts die Aufschriften „Rosenkönigin 2020“ und „Kerweborsch 2020“. Die damalige Prophezeiung der stolzen Eltern hat sich erfüllt. Am Sonntag um 14 Uhr – dem eigentlichen Umzugsstart – wurde dann im Ort an mehreren Stationen gleichzeitig die „Nationalhymne“ vom Tal der Rosen gespielt oder live gesungen. rid

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Im Jahr eins nach dem 50-jährigen Jubiläum hat die Corona-Pandemie den Rosentälern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Konzert, Tanz, Gottesdienst, Umzug – all das fiel den Reglementierungen zum Opfer. Doch die Hambacher wären keine Hambacher, wenn sie nicht eine zündende Idee gehabt hätten. Sich die Brennnessel-Kerwe von einem Virus versauen zu lassen, das wollten sie nicht. Also kam man auf Idee, die Kerwe daheim zu feiern. Jeder für sich.

Das Drumherum wurde digital geliefert, etwa von der Feierowendband mit dem passenden Song „Schei wie Dehom“. Dazu backte jeder seinen eigenen Kerwekuchen und deckte sich mit Getränken ein. Die traditionellen Kerwetassen mit Wappen waren in diesem Jahr so heiß begehrt, dass einige Exemplare sogar aus den USA geordert wurden. Fast 200 fanden auf diese Weise ein neues Zuhause.

Eröffnung mit Kerwetanz

Daneben vergaß die Kerwejugend nicht, immer wieder zu warnen: „Zu Hause bleiben, Leben retten, Kerwe feiern.“ Die Ordnungshüter waren vorgewarnt und fuhren am Wochenende verstärkt Streife. Eröffnet wurde die Kerwe mit dem traditionellen Kerwetanz von Rosenkönigin Ricarda und Kerweborsch Jannis – ganz ohne Abstand zu halten. Aber da die beiden Schneiders Zwillinge sind, war das kein Problem.

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Das Dorf bot am Samstagabend einen schönen Anblick: Die Hambacher Fahnen wehten an den Häusern und viele hatten unverdrossen Krepprosen gebastelt und damit geschmückt. Aus den Fenstern und Innenhöfen tönte Musik: Roughnixx und Co. hörte man bei der Kerwe 2020 auf der Terrasse oder im Garten eben aus der Konserve und prostete sich dabei zu. Auf zahlreichen Grills brutzelten Steaks und Bratwürste und am Ende von Unter-Hambach saß man mit Klappstühlen und bei vorschriftsmäßigem Abstand auf der Wiese und genoss die Sonne. Jeder für sich, aber trotzdem gemeinsam.

Der Kerwesonntag begann nicht nur mit dem morgendlichen Weckruf, auch einen Kerwegottesdienst gab es – zumindest beinahe. Via Internet meldete sich Pfarrer Lothar Röhr zu Wort. Auf den Treppenstufen der Pfarrkirche St. Michael stand er mit weißem Hemd, bunter Weste und Gitarre und erzählte die Geschichte des Mannes, der träumt, mit Gott am Strand spazieren zu gehen. Als er dabei auf seinen Lebensweg zurückblickt, sieht er erschrocken, dass zuweilen – immer, wenn etwas Schreckliches oder Trauriges geschehen ist – nur ein paar Fußspuren im Sand zu sehen sind statt zwei.

Eindrücke im Netz

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Geschieht dagegen etwas Positives, bleiben zwei Spuren im Sand zurück. Für den Mann steht fest: In der Not hat Gott ihn allein gelassen. Doch er wird eines Besseren belehrt: „Niemals habe ich dich verlassen, schon gar nicht, wenn du gelitten hast. Dort, wo du nur eine Fußspur siehst, da habe ich dich getragen.“ Zum Abschluss sang Pfarrer Röhr „Laudato si“. Wer die besondere Hambacher Kerwe in diesem Jahr verpasst hat, der kann sich die einzelnen Stationen im Internet noch einmal ansehen. rid