Stadtgeschichte - Kaum jemand mochte sich an das frühere KZ-Außenlager erinnern / Erst 2017 trat ein Zeitzeuge an die Öffentlichkeit Jahrzehntelanges Schweigen

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dj
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Neben einer Lagerhalle standen auf dem Gelände früher ein Backsteingebäude, ein Schornstein und ein Silo. Die Gebäude wurden inzwischen abgerissen. © Jährling

Heppenheim. Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 27. März 1945 in Heppenheim galt der Krieg für die Stadt als beendet. Als die Alliierten näher rückten und bei Gernsheim den Rhein überquerten, wurde das KZ-Außenlager auf dem Gelände der früheren Holzhandlung Schmatz (heute Beka) am 22. und 23. März geräumt. Unter ihnen war auch Ernest Gillen (1921-2004), später Konsul in Luxemburg und seit seiner Befreiung ein wichtiger Zeitzeuge.

2018 wurde dem Denkmal für Zwangsarbeiter im Tonwerk eine ...

2018 wurde dem Denkmal für Zwangsarbeiter im Tonwerk eine dritte Tafel hinzugefügt, die auf das KZ-Außenlager hinweist. Die Häft linge dort mussten für die von der SS betriebene "Deutsche Versuchs anstalt für Ernährung und Verpfle
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Von Gillens Erinnerungen profitierte 1993 auch ein Gemeinschaftskunde-Leistungskurs des Starkenburg-Gymnasiums. Mit ihren Recherchen bei der Heppenheimer Bevölkerung kamen die Schüler dagegen nicht weit: Nur wenige gaben zu, zumindest von dem Außenlager gewusst zu haben.

Keiner wollte sprechen

„Keiner der damals noch lebenden Zeitzeugen aus dem Lager wollte mit uns sprechen. Auch unser Bitte, eine Gedenktafel anzubringen, fand kein Gehör“, erinnert sich der damalige Kurssprecher Heiko Mikkat. Weder ein ehemaliger Koch des Lagers noch ein damals in Heppenheim lebender Häftling, ein Gärtner oder ein mit Wachaufgaben betrauter SS-Angehöriger gaben Auskunft, heißt es in der Ausarbeitung „Das Konzentrations-Außenlager Heppenheim“. Der Kurs der Jahrgangsstufe 12 von Lehrer Wolfgang Geisler gewann damit einen Anerkennungspreis beim bundesweiten Schülerwettbewerb für Deutsche Geschichte.

Das im Jahr 1942 errichtete Lager auf dem Gelände einer ehemaligen Steinschleiferei westlich der Bahnlinie gehörte zunächst zum KZ Dachau und ab 1943 zum KZ Natzweiler. Nach seiner Verhaftung als Widerstandskämpfer durchlief Ernest Gillen zwischen April 1942 und Mai 1945 zwei Gefängnisse, drei Stammlager sowie vier KZ-Außenlager, zuletzt Heppenheim.

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Dieses beschrieb Gillen als humanes Lager. Möglicherweise kann es als Glücksfall bezeichnet werden, dass die bis zu 66 inhaftierten Lothringer, Luxemburger und Jugoslawen nur wenige Monate – von Oktober 1943 bis Januar 1944 – dem gewalttätigen Rottenführer Herbert Oehler ausgesetzt waren. In seiner Dissertation über das KZ Natzweiler beschreibt Robert Steegmann Herbert Oehler als einer der brutalsten Wachposten mit dem Spitznamen „Jojo, der Schlagstock“.

Laut Recherche des Schülerkurses gab es nur einen Toten: Karl Eugen Rees soll am 3. April 1944 an den Folgen einer eitrigen Rippenfellentzündung sowie an Herzschwäche gestorben sein. Durch Steegmanns Forschungen ist bekannt, dass insgesamt vier Häftlinge in das als Sterbelager berüchtigte Vaihingen gebracht wurden. Wie viele Male allein Ernest Gillen während seiner Deportation dem Tod entging, ist seinen Aufzeichnungen zu entnehmen.

Hinter vorgehaltener Hand

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Nach der Flucht von zehn Gefangenen mussten sich die übrigen auf Befehl von SS-Untersturmführer Heinrich Wicker auf den Boden legen. Sie sollten mit Handgranaten getötet werden. Der Befehl wurde letztlich nicht ausgeführt. Obwohl die Recherchen der Schüler veröffentlicht wurden, war nur wenigen bekannt, wo sich das Außenlager tatsächlich befand. Ältere Bürger munkelten häufig unter vorgehaltener Hand von der „Paprika“.

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Erst 2017 wurde durch Kindheitserinnerungen von Rudolf Unger – er starb 2019 – der genaue Ort öffentlich definiert. Unger erzählte, als Kind mit dem Großvater auf dem Weg zu den Feldern an dem Lager vorbeigekommen zu sein. Erst durch die Recherchen des Journalisten Konstantin Lummitsch wurde auch das jetzt dort ansässige Unternehmen informiert.

Im Jahr 2000 hatte der Holzgroßhandel Beka einen Teil des Geländes gemietet und durch Rudolf Ungers Gang an die Öffentlichkeit schließlich von dem ehemaligen Lager an gleicher Stelle erfahren. Anlass war der geplante Abriss eines Backsteingebäudes, eines Schornsteins und einer Lagerhalle. Selbst Manfred Bräuer vom Amt für Bodenmanagement fand vor drei Jahren keine Unterlagen zu dieser Außenstelle, konnte aber anhand von Katasterunterlagen feststellen, dass es sich bei den Bauten an der Ehrlichstraße um Gebäude aus der Zeit vor der Errichtung des KZ-Außenlagers handelte. dj