Corona - Angehörige von Bewohnern des Seniorenheims Haus Johannes fühlen sich verschaukelt und beklagen Falschinformationen Heimleitung steht erneut in der Kritik

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rid
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Über das zeitweise Ausgehverbot und eine irreführende Kommunikationspolitik im Haus Johannes ärgert sich Günther Schreiber, dessen 98-jährige Mutter in der Einrichtung lebt. © Lotz

Heppenheim. Irgendetwas scheint gehörig schief zu laufen in der Kommunikation: Es gibt immer mehr Beschwerden von Angehörigen über die Art und Weise, wie Corona-Maßnahmen des Seniorenheims Haus Johannes Bewohnern und ihren Verwandten übermittelt werden – wenn überhaupt. Nun meldet sich auch Günther Schreiber zu Wort, dessen 98-jährige Mutter in der Einrichtung lebt. „Das Hauptproblem ist, dass das Haus nicht kommuniziert, sondern nur Briefe (zwei) versendet, in denen mitgeteilt wird, was nicht geht, und im letzten die Angehörigen verantwortlich macht“, kritisiert er.

Lange Zeit Geduld gehabt

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Lange Zeit, so Schreiber, habe er Geduld und Verständnis für das Besuchs- und Ausgehverbot der Bewohner gehabt, weil die Heimleitung sich auf Anordnungen des Gesundheitsamtes berufen habe. Normalerweise gehe er jede Woche einmal mit seiner Mutter spazieren. Viele Wochen – ab Anfang November – sei das nicht mehr möglich gewesen. Bei diesbezüglichen Nachfragen auf der Station sei stets ein „Das geht nicht“ als Antwort gekommen. „Als ich dann nach einer schriftlichen Verfügung nachfragte, hieß es, diese sei mündlich ergangen und damit rechtens.“ Darauf hin habe er das Gesundheitsamt direkt angeschrieben – und keine Antwort erhalten. Schließlich wandte er sich an die Aufsichtsbehörde des Gesundheitsamtes, das Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt.

In der Antwort des RP vom 29. Dezember, die dieser Zeitung vorliegt, heißt es unter anderem, dass das Besuchsverbot die Bewohner nicht daran hindert, die Einrichtung zu verlassen. Im Falle der Mutter von Herrn Schreiber sei „keine individuelle Quarantäne bzw. Isolierung angeordnet“ worden.

Dieses Schreiben leitete Schreiber sowohl an das Haus Johannes als auch an die Verwaltung des Trägers Agaplesion in Darmstadt weiter. Von Darmstadt sei jede Reaktion ausgeblieben. Schließlich holte er seine Mutter Anfang Januar zu einem Spaziergang ab, was nun auf einmal ohne Probleme möglich gewesen sei. Eine knappe Woche später wurde ihm mitgeteilt, seine Mutter sei Corona-positiv. Zwischen den Zeilen sei ihm die Schuld dafür in die Schuhe geschoben worden, empört er sich. Auch diese Mail liegt dieser Zeitung vor. Sowohl der von ihm sofort durchgeführte Schnelltest sowie ein PCR-Test seien jedoch negativ gewesen.

Auf Fragen nicht geantwortet

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Immer wieder habe die Heimleitung auf Fragen nicht geantwortet, falsche Dinge kommuniziert, so lauten auch die Vorwürfe anderer Angehöriger. So sei etwa fälschlicherweise mitgeteilt worden, dass es wegen der aktiven Corona-Fälle keinen Impftermin gebe.

Schreiber nimmt übrigens das Pflegepersonal ausdrücklich aus seiner Kritik aus. Er vermisst jegliches Einfühlungsvermögen bei der derzeitigen Heimleitung. Mittlerweile ist Schreibers Mutter nach 14 Tagen auf der Quarantänestation zurück in ihrem Zimmer. Es geht ihr gut.

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„Grundsätzlich kann jeder raus“, sagt Marcel Bürner von der Unternehmenskommunikation des Trägers Agaplesion. Auf die Kritik Schreibers, es gebe keine schriftlichen Ausführungen des Gesundheitsamtes, antwortet er: „Das stimmt. Bisher haben wir alle Anweisungen des Gesundheitsamtes nur mündlich erhalten.“ Man habe vergeblich versucht, diese schriftlich zu erhalten. Dass es gar keine Informationen für die Angehörigen gibt, will er so nicht gelten lassen. „Ich weiß, dass Infos über die Situation rausgehen.“ Es werde versucht, alles abzudecken. Ob allerdings auf jeden Fall eingegangen werde, wisse er nicht.

Schwierige Lage für alle Seiten

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Bürner beschreibt die ausgesprochen schwierige Situation für alle Seiten. Täglich würde sich etwas ändern, würden Maßnahmen umgestellt. Die Angehörigen seien schriftlich über die Zimmer-Isolation der Bewohner bis zunächst zum 23. Januar informiert worden. Dabei werde auch an die Unterstützung der Angehörigen appelliert, Verständnis aufzubringen.

„Wir bemühen uns, durch das Beschäftigungsteam Angebote im Zimmer zu machen“ heißt es. Der Einrichtung liege wirklich viel daran, allen Bewohnern gerecht zu werden, sie infektionsfrei und somit auch flächendeckend impffähig zu bekommen, so Bürner.

Nichts mit Absicht verschwiegen

Mit Stand von Montag (18.) seien 39 Bewohner und acht Mitarbeiter Corona positiv. Fünf Bewohner sind in den letzten Tagen an beziehungsweise mit Covid-19 verstorben.

In Sachen Kommunikation versichert Bürner, dass man nichts mit Absicht verschweigen wolle. Aber es gehe auch darum, die Pflegequalität aufrecht zu erhalten. Neben den Quarantänefällen sei derzeit auch die Zahl der anderen Krankheitsfälle im Haus Johannes sehr hoch; dazu falle Personal aus. Mit ihren Anfragen könnten sich Angehörige aber auch an ihn wenden.

Entgegen der ursprünglichen Absicht des Kreises, die Bewohner und Mitarbeiter des Haus Johannes noch im Laufe dieser Woche zu impfen, steht das Seniorenheim aktuell auf der Warteliste für einen entsprechenden Termin, heißt es aus dem Landratsamt. Begründet liege dies darin, dass aktuell vor allem die Zweitimpfung sowie die Inbetriebnahme der regionalen Impfzentren im Fokus stehe. Die für einen Impftermin vonseiten des Heimes benötigten Unterlagen liegen mittlerweile vor, so Kreis-Pressesprecherin Cornelia von Poser.

Kreis verärgert über Vorwürfe

Beim Kreis ist man verärgert darüber, dass dem Kreisgesundheitsamt mangelnde Kommunikation vorgeworfen wird. Es gebe sehr wohl regelmäßige schriftliche Informationen vom Kreisgesundheitsamt an die einzelnen Einrichtungen bezüglich der Corona-Schutzmaßnahmen. Zudem stehe Landrat Christian Engelhardt regelmäßig mit den Seniorenheimen in Kontakt, sodass Heimleitungen die Möglichkeit hätten, ihre Anliegen vorzubringen. rid