Pandemie - Rund 70 Teilnehmer demonstrieren bei einem „Lichterlauf“ in der Bergsträßer Kreisstadt Heppenheim Friedlicher Protest gegen Corona-Maßnahmen

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fran
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Rund 70 Menschen waren beim „Lichterlauf“ in Heppenheim dabei. © Sascha Lotz

Heppenheim. „No Go!“ Was die Heppenheimerin Vesna Ludwig von den Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern hält, steht in schwarzen Großbuchstaben auf ihrer weißen FFP2-Maske. Gemeinsam mit der Bensheimer Diplom-Psychologin Kirsten Seibold hatte Ludwig für den frühen Samstagabend zu einem „Lichterlauf“ im Zentrum der Bergsträßer Kreisstadt aufgerufen.

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Rund 70 Sympathisanten waren dem Aufruf, der in erster Linie über die sozialen Netzwerke verbreitet wurde, auf den Parkhof gefolgt. Sie alle wollten bei klirrender Kälte auf die „Kollateralschäden durch die Corona-Maßnahmen“ aufmerksam machen – in erster Linie mit Kerzen, Taschenlampen, Windlichtern oder Laternen.

„Ich sehe vor allem, wie unsere Kinder unter diesen Maßnahmen leiden“, so Vesna Ludwig. „Mein Sohn ist 15 Jahre alt, ich mache mir Sorgen.“ Zuvor sei sie nicht politisch aktiv gewesen. Doch die Corona-Maßnahmen hätten sie nun dazu veranlasst, „etwas zu unternehmen“.

Neben der Organisation des „Lichterlaufs“ bereitet sie deshalb gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten derzeit die Gründung eines Kreisverbandes der „Basisdemokratischen Partei Deutschlands“ vor – einer Protestpartei, die im Sommer von Kritikern der Corona-Maßnahmen und Mitgliedern der „Querdenker“-Szene gegründet wurde.

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Vom Parkhof aus zogen die Demonstranten über die Fußgängerzone, den Graben, die Gräffstraße und die Wilhelmstraße zurück in die Bachgass‘, wo sie sich schließlich auf Höhe des Stadthauses zu einer knapp 30-minütigen Abschlusskundgebung wieder versammelten.

Nur vereinzelt waren Plakate zu sehen, auf denen Botschaften wie „Freiheit heißt, keine Angst zu haben“ oder „Lasst unsere Kinder wieder frei“ zu lesen waren. Verbal hielten sich die Demonstranten ebenfalls weitgehend zurück, auch Vesna Ludwigs Megafon, das sie sich am Samstagmorgen noch rasch besorgt hatte, blieb unbenutzt. Nur am Graben waren ein paar „Freiheit“-Rufe zu hören, ansonsten nutzten die meisten Teilnehmer den Weg für private Gespräche. Wer genau hinhörte, der konnte dabei kritische Worte über vergleichbare Demonstrationen vernehmen, die von Rechtsradikalen unterwandert worden seien. Der Satz, „Wir sind keine Nazis“, war sowohl bei der Demo als auch bei der anschließenden Kundgebung immer wieder zu hören.

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Die Stimmung war friedlich, ablehnende Worte gegenüber der anwesenden Presse, dem Ordnungsamt oder der Polizei, welche die Demonstration jeweils mit der gebotenen Distanz verfolgten, fielen nicht. Auffallend auch, dass sich die große Mehrheit an die Auflagen gehalten hat. Nur ganz vereinzelt wurde die Anweisung, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, ignoriert, die Abstandsregel wurde ebenfalls weitgehend eingehalten.

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Ins Auge stach jedoch ein Auto, das Teilnehmer der Demonstration am Graben abgestellt hatten. Auf den Fensterscheiben klebten Botschaften, die auf „Querdenker“-Veranstaltungen oft zu hören und zu lesen sind.

In großen Lettern prangte über den Logos der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ARD und ZDF der Spruch „Bitte waschen Sie Ihre Hände, Ihr Gehirn waschen wir“. Ebenfalls war dort das Zitat „Wenn Unrecht zum Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, das Bertolt Brecht zugeordnet wird, zu lesen.

Sorgen, wie sie viele haben

Bei der Kundgebung standen dann zunächst wieder die Sorgen im Mittelpunkt, die große Teile der Gesellschaft umtreiben. Beispielsweise betonte Kirsten Seibold, selbst von Mutter von drei Kindern und Betreiberin einer Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: „Ich möchte nicht leugnen, wie es die meisten tun, sondern sagen: Meinen Kindern geht es mit dieser Situation nicht gut, sie vermissen ihre Freunde.“ Viele Kinder wüssten nach einem Jahr der Einschränkungen gar nicht mehr, was Schule wirklich ist, so Seibold.

Unterstützung erhielt sie von einer Lehrerin, die in einem kurzen Redebeitrag erklärt: „Ich bin für eine sofortige Öffnung der Schule – ohne irgendwelche Einschränkungen.“ Die derzeitigen Planungen eines Wechselunterrichts hielt sie für „noch schlimmer als Homeschooling“, weil der Unterricht dabei viel zu kurz komme.

Kurz darauf meldete sich eine Alten- und Krankenpflegerin zu Wort, die an die Einschränkungen in den Pflegeheimen erinnert. Ihr habe es „das Herz gebrochen“, mit ansehen zu müssen, wie ein altes Paar getrennt worden sei. Zur Sprache kam auch die vermeintliche Ungleichbehandlung von kleinen Einzelhändlern im Vergleich zu größeren Ketten, die weiter ihr gesamtes Sortiment anbieten dürften.

Neuauflage nicht ausgeschlossen

Darüber hinaus meldete sich die Ärztin Nicole zu Wort, die sich als bekennende Impf- und Maskengegnerin zu erkennen gab und das medizinische System grundlegend infrage stellte.

Das politische System mit all seinen vermeintlichen Verflechtungen nahm Stefan aus Zwingenberg ins Visier. Er kritisiert milliardenschwere Rettungen von Unternehmen ebenso wie das neue Infektionsschutzgesetz und die Einschränkungen der Freiheits- und Grundrechte. Wörtlich sagte er: „Diese sind kein Gnadenakt der Regierung an ihre Untertanen, sondern ein bedingungsloses Recht eines jeden Einzelnen von uns.“

Mit der Resonanz waren die beiden Organisatorinnen Vesna Ludwig und Kirsten Seibold dermaßen zufrieden, dass sie eine Fortsetzung in Erwägung ziehen – möglicherweise im wöchentlichen Wechsel zwischen den Städten Heppenheim und Bensheim. fran