Interview: Der gestern wiedergewählte Vorsitzende des Unternehmerverbands Südhessen, Theo Haar, zu Auswegen aus der aktuellen Wirtschaftskrise Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen

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Darmstadt/Bergstrasse. Der Unternehmerverband Südhessen setzt in der Krise auf die bewährten Köpfe. Bei der Mitgliederversammlung gestern in Darmstadt wurden der Bensheimer Sirona-Manager Theo Haar als Vorsitzender und der Viernheimer Unternehmer Dr. Albrecht Hallbauer als sein Stellvertreter für weitere zwei Jahre in ihren Ämtern bestätigt. BA-Chefredakteur Karl-Heinz Schlitt sprach mit Haar über die aktuelle wirtschaftliche Situation und ihre Bewältigung.

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Herr Haar, in weniger als hundert Tagen haben wir eine Veränderung erlebt, die in einem solchen Ausmaß vorher niemand für möglich gehalten hat. Die Wucht des Abschwungs ist durchschlagend. Dies bekommt auch unsere Region zu spüren. Was ist anders als bei früheren Wirtschaftskrisen?

Haar: Erstmals haben wir eine synchrone, weltweite Rezession, und Deutschland steckt mitten drin. Aus der Immobilien- und Finanzkrise in Amerika ist eine Weltwirtschaftskrise geworden, die das Sozialgefüge unserer Gesellschaft in seinen Grundfesten erschüttert.

Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Vertrauen Sie wirklich noch auf die Selbstheilungskräfte der Wirtschaft?

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Haar: Unbedingt. Aber es muss der sprichwörtliche Ruck durch alle Gesellschaftsschichten gehen. Ich hätte mir auch in Deutschland einen Motivationsschub gewünscht, wie ihn in Amerika der neue Präsident Obama mit seinem Charisma ausgelöst hat. Wir können das auch. Wir müssen es nur wollen.

In Ihrer Grundsatzrede haben Sie nicht nur Obama, sondern auch Friedrich Schiller zitiert: "Jede politische Erneuerung bleibt ein Traum, wenn nicht der Charakter der Bürger erneuert wird." Was bedeutet das für das Jetzt und Heute?

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Haar: Es geht darum, den Geist der Veränderung in den Köpfen wachzurufen. Punktuelle Schadensbegrenzung ist zu wenig. Wir brauchen eine grundsätzliche Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was kann der Staat tun, und was soll er lassen?

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Das klingt eher nach einer rhetorischen Fragestellung.

Haar: Dass der Ruf nach dem Staat in Krisenzeiten besonders laut wird, ist nachvollziehbar. Aber es muss den Menschen auch klar werden, wo in der sozialen Marktwirtschaft die Grenzen für staatliche Eingriffe liegen. Der Weg aus der Krise führt nur über harte Arbeit und Leistungsbereitschaft, über Innovation und Investitionen - sowie über verlässliche ordnungspolitische Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln.

Als da wären?

Haar: Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften können nur in einer gemeinsamen Anstrengung den ökonomischen Flächenbrand und die kollektive Depression bekämpfen. Eine parteipolitische Instrumentalisierung im Superwahljahr 2009 ist da genauso fehl am Platz wie wettbewerbsverzerrende Subventionen.

Das sagen Sie mal einem Opel-Arbeiter und all den anderen, die Angst um ihre Jobs haben.

Haar: Der Staat kann allenfalls vorübergehend - und nur, wenn eine positive Prognose vorliegt - als Helfer in der momentanen Not, als Brückenbauer, einspringen. Langfristig ist dies unzulässig. Es würde den Wettbewerb beeinflussen. Und die Unternehmen liefen Gefahr, zum Spielball von Wahlkämpfen zu werden.

Also weniger statt mehr Rettungsschirme?

Haar: Mit jeder staatlichen Finanzspritze ziehen wir einen Wechsel auf die Zukunft. Wir sollten uns also davor hüten, nachfolgende Generationen - auf deren Kosten wir heute schon leben - im Zuge der Krisenbewältigung mit weiteren Hypotheken zu belasten. Unsere Jugend ist unsere Zukunft.

Hört sich gut an. Geht's auch konkreter?

Haar: Nehmen Sie den Bildungssektor. Wer den Fachkräftemangel, verknüpft mit dem demografischen Wandel, beseitigen will, muss an einer ständigen Verbesserung eines funktionierenden Lernortnetzwerks arbeiten - von der Kindertagesstätte bis zum Übergang von der Schule in die Ausbildung oder das Studium.