Bildung - In die Räume der Heppenheimer Fördereinrichtung soll die Sprachheilschule des Kreises ziehen, die bisher in Bürstadt angesiedelt war Die Siegfriedschule schließt ihre Pforten

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rid
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Abschied von der Siegfriedschule muss auch Leiterin Nicole Roth nehmen. © Lotz

HEPPENHEIM. Es sind die letzten Halbjahreszeugnisse, die am Freitag in der Heppenheimer Siegfriedschule ausgegeben wurden. Wenn das Schuljahr im Sommer vorüber ist, dann schließt die Förderschule der Kreisstadt, die es seit 1945 gab, für immer ihre Pforten. Leerstehen wird das Gebäude jedoch nicht – hier soll, sobald alle bürokratischen Hürden genommen sind, die Sprachheilschule des Kreises, die bisher in Bürstadt angesiedelt war, unterkommen.

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Es herrscht Wehmut in der Siegfriedschule über das nahe Ende, über das sich hier wohl keiner freut. Nicole Roth versteht den Schritt, weil es schließlich darum gehe, die Inklusion voranzubringen. „Viele können dadurch in der Regelschule bleiben“, lobt sie den Ansatz.

Seit der Einführung der Inklusion sanken die Schülerzahlen der Siegfriedschule kontinuierlich. Derzeit sind es 36 von der ersten bis zur neunten Klasse, im kommenden Schuljahr wären es noch weniger gewesen. Das erklärt auch Landrat Christian Engelhardt in einem Schreiben an die Eltern. Er verspricht ihnen, dass sehr genau darauf geachtet werde, dass die Kinder gut an der neuen Schule ankommen. Von den derzeit 36 Schülern gehen neun am Ende des Jahres ab. Die restlichen müssen nun verteilt werden. Förderschule des Kreises ist die Kirchbergschule in Bensheim. Doch von den 25 am Schuljahresende verbleibenden Siegfriedschülern werden aller Voraussicht nach nur zwölf dorthin wechseln.

„Wer es in der Inklusion schafft, wer stabil genug ist, den nehmen wir mit in die Inklusion“, erklärt Nicole Roth. Diese Kinder besuchen dann Regelschulen. Viele Gespräche haben in den vergangenen Wochen stattgefunden. Auch am Freitag, dem Tag der Zeugnisausgabe, finden Elterngespräche statt. Fast alle Eltern haben sich angemeldet, bekommen an diesem Tag die Anmeldungen für die neue Schule ihres Kindes mit. In den Einzelgesprächen wird noch einmal besprochen, wo die Schule und wo die Eltern ihre Kinder in Zukunft sehen. Für viele keine leichte Entscheidung. Im November hatte es einen Gesamtelternabend unter Corona-Bedingungen gegeben.

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Zwei weitere Gesprächsrunden mit Eltern, Schülern, Kollegen und Landrat waren geplant, fielen aber dem zweiten Lockdown zum Opfer. Nun hofft man, dass der Termin Ende März stattfinden wird. „Denn die Eltern gehen schon mit großer Sorge von der Siegfriedschule“, erklärt Nicole Roth. Für viele Eltern sei es eine Reise ins Ungewisse, das habe man aus den bisherigen Elterngesprächen heraus gehört. „Aber wir schaffen das“, macht die Schulleiterin Mut.

„Die Eltern unserer Schüler finden die Schließung schlimm, auch weil sie wissen, dass wir uns um vieles kümmern. Wir sind ein recht kleines System, haben jedes Kind im Blick.“ Ein weiterer Vorteil: Die Schule war in Heppenheim gut vernetzt, was beispielsweise Praktika ihrer Schüler anbelangte. „Dieses Netzwerk versuchen wir weiterzugeben“, verspricht die Schulleiterin.

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Wie sehen die nächsten Monate aus für die Siegfriedschüler? „Wir werden mit den Kindern ihre zukünftigen Schulen besuchen. Viele Heppenheimer Kinder sind noch nie Bus gefahren – auch das üben wir“, erklärt die scheidende Schulleiterin.

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Und nicht nur für die Schüler wird es eine Zeit der Veränderung: Auch Nicole Roth und ihre Kollegen müssen sich neue Jobs suchen. 2002 ist Roth nach Heppenheim gezogen, seit 2004 ist sie an der Schule. Es wird ein trauriger Moment werden. „Wir hoffen, dass wir vielleicht doch einen würdigen Rahmen finden, uns zu verabschieden“, so Roth. Ein Abschied ohne Fest, ohne Umarmungen wegen Corona – ein Gedanke, der für sie nur schwer ertragbar ist. „Es wäre traurig, wenn die Schule sich so sang- und klanglos verabschieden müsste.“ Gerne hätte man mit ehemaligen Kollegen und Schülern gemeinsam ein Abschiedsfest gefeiert.

Was macht Nicole Roth in Zukunft? Sie geht nicht so ganz und wird „ihre“ Kinder und Jugendlichen wiedersehen: Denn wahrscheinlich wechselt sie an das regionale Beratungs- und Förderzentrum (BFZ) der Kirchbergschule, von dem alle Bensheimer und Heppenheimer Schulen beziehungsweise deren Schüler betreut werden. Insbesondere bei Lernschwierigkeiten ist das zentrale Ziel der Beratungsarbeit die Vermeidung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs.

Parallel zu ihrer Tätigkeit als Schulleiterin ist Roth noch beratend tätig für die Sprachheilschule. Es sind Erst- bis Viertklässler, die nach den Sommerferien in die Räume der Siegfriedschule ziehen werden.

Ihr Kollege Winfried Steyer geht mit 64 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand – voller Wehmut und ein Jahr früher als geplant. „Es ist schade für die Kinder und das Kollegium, dass es in Heppenheim keine Förderschule mehr geben wird“, findet er. rid