Corona-Folgen - Heppenheimer Unternehmer solidarisieren sich branchenübergreifend mit Einzelhandel und Gastronomie / Stadt kündigt ebenfalls Unterstützung an „Das Sterben ganzer Wirtschaftszweige droht“

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fran
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Der Lockdown geht an die Substanz: Unternehmer drängen auf Öffnungen in Gastronomie und Einzelhandel. © Lotz

Heppenheim. Mit Spannung wurde das virtuelle Treffen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit Vertretern der größten deutschen Wirtschaftsverbände am Dienstag auch in der Kreisstadt Heppenheim verfolgt. Wie die meisten Vertreter der Verbände machen nun auch zahlreiche Heppenheimer Unternehmer keinen Hehl daraus, vom Ergebnis des vermeintlichen Gipfels „bitter enttäuscht“ zu sein.

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Bis zu den nächsten Beratungen von Bund und Ländern Anfang März wolle man Empfehlungen für eine Öffnungsstrategie erarbeiten, hatte Altmaier nach der Schalte angekündigt. Eine entsprechende Perspektive hatte sich die große Mehrheit der Gesprächspartner jedoch bereits für Dienstag erhofft. Auch die neuen, von Altmaier versprochenen staatlichen Hilfen, können den Frust kaum mehr lindern.

Ihrem Ärger Luft verschafft haben die Heppenheimer Unternehmer bei einem virtuellen Pressegespräch am Mittwochabend. Initiiert wurde das Treffen von der Heppenheimer Wirtschaftsvereinigung (HWV). Mit kurzen, aber mehr als deutlichen Worten brachte deren Vorsitzender, Christopher Hörst, die weitverbreitete Stimmung auf den Punkt: „Es ist dringend geboten, über achtsame Öffnungen in Gastronomie, Einzelhandel und weiteren Dienstleistungen nachzudenken. Wir sind an einem Punkt angekommen, wo das großflächige Sterben ganzer Wirtschaftszweige immer greifbarer wird.“ Überdies gab Hörst zu bedenken: „Die Gesellschaft wird die immer weiter steigende Rechnung irgendwann nicht mehr zurückzahlen können.“ Allein dem seit Monaten geschlossenen Einzelhandel gingen in der „schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“ bundesweit rund 1,5 Milliarden Euro pro Tag verloren, rechnete der HWV-Vorsitzende vor.

In die gleiche Kerbe schlugen alle Teilnehmer des Gesprächs am Mittwoch – angefangen bei Rechtsanwalt und Notar a.D. Helmut Engelhard über den Augenarzt Josef Johannes Wolf, Apotheker Oliver Saur und Unternehmensberater Uwe Techt bis hin zu Optikermeisterin Ulrike Ludwig und Steinmetz- und Steinbildhauermeister Michael Schmidt.

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Besonders interessant: Sie alle dürfen ihren Beruf auch während des Lockdowns ausüben. Zwar zumeist unter erheblichen Einschränkungen, mit strengen Auflagen und mitunter „einem komischen Gefühl“ (Ludwig), aber immerhin. Warum diese Möglichkeit vielen Mitstreitern in der HWV weiter verwehrt bleibt, erschließt sich ihnen nur bedingt. „Wir alle sind doch daran interessiert, uns selbst, unsere Mitarbeiter und die Patienten oder Kunden bestmöglich zu schützen“, konstatierte Augenarzt Wolf.

Auf großes Unverständnis stößt bei den HWV-Vertretern insbesondere die „Ungerechtigkeit im Handel“ (Uwe Techt). Es sei klar, dass irgendwo eine Grenze gezogen und entschieden werden müsse, „was geht und was nicht“, sagte der Unternehmensberater. „Dennoch ist es an der Zeit, zu Veränderungen zu kommen.“

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Stein des Anstoßes sind für Techt und Engelhard in erster Linie die Kriterien, wonach kleine Geschäfte geschlossen wurden, große Vielsortimenter jedoch weiterhin die gesamte Warenpalette verkaufen dürfen. Für Engelhard ebenfalls nur „schwer verständlich“: „In den Supermärkten ist es mitunter brechend voll. Wenn das möglich ist und anderes nicht, muss sich die Politik verständlich machen und für Klarheit sorgen.“ In diesem Zusammenhang verwies Wolf auf eine Studie der TU Berlin, wonach „das Infektionsrisiko im Supermarkt fast doppelt so hoch ist wie beispielsweise beim Friseur“. Apotheker Oliver Saur erinnerte seinerseits an die Hygienekonzepte, die Einzelhändler ebenso vorweisen müssten wie Apotheker. Bei konsequenter Nutzung von FFP2-Masken und Raumluftgeräten sei es aus seiner Sicht „verantwortbar, den Handel zu öffnen“.

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Auf jede Menge Verständnis stießen HWV-Chef Hörst und seine Mitstreiter am Mittwoch derweil bei Sophia Hübner und Michael Lortz von der städtischen Wirtschaftsförderung und dem Stadtmarketing. Sie versprachen, den Gewerbetreibenden mit Gesprächen und tatkräftiger Unterstützung vorrangig in Sachen Marketing unter die Arme greifen zu wollen. Mit diversen Aktionen und lokalen Aufträgen solle zudem wieder Leben ins Städtchen gebracht werden.

Wann dies möglich sein wird, ist derzeit freilich noch nicht absehbar. Doch so groß der Frust unter den Gewerbetreibenden auch sein mag, so groß ist, das hat der Mittwoch gezeigt, auch ihr branchenübergreifender Zusammenhalt. „Das ist meine Form, aufmerksam zu machen und zu demonstrieren“, sagte Helmut Engelhard in diesem Zusammenhang. Klarer könnte man sich von Querdenkern und Corona-Leugnern kaum distanzieren. fran