Erinnerung - Auch während des Golfkriegs 1990/91 fiel der Fastnachtsumzug aus / Mit der Entscheidung waren viele Narren nicht einverstanden Damals Bomben, heute Viren

Von 
Dagmar Jährling
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Werner Hell, früherer Zugmarschall des Fastnachtsumzugs, hält Orden für die Kampagnen 1990/91 und 1991/92. © Dagmar Jährling

Heppenheim. Große Tradition hat der Fastnachtsumzug in Heppenheim. Bis zu 100 000 Fassebutze säumen jedes Jahr in bunten Kostümen die Zugstrecke, schon lange bevor das erste Fahrzeug zu sehen ist. Üblicherweise mit Stadtbrandinspektor Werner Trares in seinem Dienstfahrzeug an der Spitze. Mit dem Schlachtruf „Hepprum Helau“ huldigen die Massen dem Narrengott Jokus.

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„Der Zug kimmt“, so schallt es in der Mozartstraße, der Uhlandstraße, der Lorscher Straße bis hinauf in die Altstadt. Doch dieses Jahr schlängelt sich der Lindwurm nicht über die Kleine Bach und den Marktplatz durch die Kellereigasse, um dann am Graben abzubiegen und sich in der Gräffstraße aufzulösen, während die Feiernden auf der Partymeile am Graben noch einmal richtig Gas geben.

Die Fastnacht ist deutschlandweit aufgrund der Pandemie abgesagt: Keine Prunksitzungen, keine Faschingspartys, keine großen Rosenmontagszüge und eben kein Fastnachtsumzug in der Kreisstadt. Der 14. Februar wird wohl ein ziemlich trauriger Tag für alle Aktiven werden.

Nichts Schlimmes geahnt

Werner Hell hat Ähnliches bereits erlebt. Er war Zugmarschall von 1991 bis 2005. Als Hell 1990 zusammen mit Jean Hafner kommissarisch für den Fastnachtsumzug Heppenheim nach der Amtsniederlegung des vorherigen Zugmarschalls Karl Pfeifer die Führung übernahm, ahnte er noch nicht, dass der Vorstand nach langem Ringen im Januar 1991 den Umzug absagen würde. Wegen des Golfkriegs fiel die Fastnacht in Deutschland aus, wobei die meisten Menschen damals weniger Verständnis dafür aufbrachten als heute in Corona-Zeiten.

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Im August 1990 besetzten die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein das ölreiche Nachbarland Kuwait. US-Präsident George W. Bush senior setzte Hussein ein Rückzugsultimatum bis zum 15. Januar. Irak ließ diesen Termin verstreichen. Mit der Operation „Desert Storm“ begannen die USA mit ihren Verbündeten zwei Tage später, Iraks Hauptstadt Bagdad zu bombardieren. Schon vor Ablauf des Ultimatums begann in Deutschland die Diskussion, ob unter den gegebenen Umständen Fastnacht gefeiert werden könne. In Köln versammelten sich am 12. Januar 20 000 Menschen. Eine Kölner Initiative gegen den Golfkrieg hatte unter dem Motto „Kein Blut für Öl“ zur Demonstration aufgerufen. Das Festkomitee sagte schließlich am 21. Januar den Rosenmontagszug ab. Andere Karnevalshochburgen wie Düsseldorf und Mainz schlossen sich an.

Auch der Verein Fastnachtsumzug zog schließlich nach. „Wir haben uns die Entscheidung wirklich nicht leicht gemacht“, resümierte Hell. Der Wagenbau war schon weit vorangeschritten, die Kamellen und weiteres Wurfmaterial bestellt sowie die Kapellen engagiert und die Orden geprägt.

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Verständnis gab es für die Absage nicht. Bei vorherigen Kriegen mit amerikanischer Beteiligung wurde Fastnacht nie abgesagt, sagte Hell. Außerdem wurde in etlichen angrenzenden Ländern munter gefeiert. In Heppenheim aber wurde befürchtet, dass sich nach der Absage der großen Umzüge die Demonstranten alle am Fastnachtssonntag in der Kreisstadt sammeln könnten. Dieses Risiko wollte letztlich keiner eingehen. Gleichwohl haben die Straßenfastnachter gelitten: Die „Marktplatzkrabbe“ taten ihren Unmut kund, indem sie nachts den Fastnachtsbrunnen am Graben schmückten. Der Bronzefigur Till Eulenspiegel wurden die Augen zugeklebt. Der Vorstand des Vereins Fastnachtsumzug wanderte stattdessen im strömenden Regen am Fastnachtssonntag über den Eckweg und traf sich im Anschluss in den „Drei Hasen“ an der Wilhelmstraße.

Keine spontane Entscheidung

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Anders als damals wurde die Fastnachtskampagne 2020/21 in Heppenheim rechtzeitig abgesagt. Vor allem den Saalfastnachtern war klar, dass die Pandemie keine Sitzungen zuließ. Als Erstes sagte die Kolpingfamilie ihre beiden Fastnachtssitzungen im Gossini schon im Juni 2020 aufgrund nicht kalkulierbarer Risiken ab. Als Begründung gab Kassierer Christian Böhm an, dass ein Mindestabsatz von Karten nicht gewährleistet sei, um die Kosten für Saalmiete, Musik und Technik zu decken.

Wie recht er behalten sollte, zeigt die aktuelle Situation: Der Lockdown wird fortgeführt bis Mitte Februar. dj