Pandemie - Warum man bei einem Termin in Darmstadt viel Geduld braucht und der Ablauf mitunter an einen Kindergeburtstag erinnert Corona-Impfung – oder: Die Reise nach Jerusalem

Von 
Astrid Wagner
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Heppenheim. 85 Jahre alt wird meine Mutter im Mai. Sie wohnt in der eigenen Wohnung und ist zum Glück noch fit. Die Fahrt zum Corona-Impftermin nach Darmstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Zurechtfinden in einer Stadt, in der sie lange nicht mehr war, will ich ihr aber nicht zumuten. Also fahre ich sie hin.

Warten auf eine freie Impfkabine: Jetzt dauert es nicht mehr lang. © Wagner
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Schon das Anmelden war nicht ohne. Am Morgen des 12. Januar haben wir mit dem Versuch begonnen, für sie einen Termin zu bekommen – ich per Internet, sie via Telefon. Unzählige Anläufe über Tage hinweg, eine Mischung aus Ärger, Genervtsein, aber auch Verständnis dafür, dass alles überlastet ist. Jetzt endlich ist es also soweit: 16.30 Uhr, Impftermin im Darmstadtium.

Um 16.05 Uhr kommen wir in der Tiefgarage an. Von dort aus ist der Weg ins Impfzentrum gut ausgeschildert. Eine Etage geht es hoch, dann außen am Darmstadtium entlang zum Haupteingang. Schon von Weitem sehen wir viele Menschen Schlange stehen, nach unserem Geschmack viel zu viele. Die ersten Minuten warten wir draußen im einsetzenden Schneefall.

Kurz darauf geht es in ein Zelt, wo unter Aufsicht der Security erst einmal die Hände desinfiziert werden. Die Masken haben alle längst im Gesicht. Wir steuern einen von vier Schaltern an. Dort werden die Papiere meiner Mutter gecheckt. Es ist mittlerweile 16.32 Uhr.

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Weiter geht es im Gänsemarsch von Abstandslinie zu Abstandslinie Richtung Haupteingang. Das Lüftungsgebläse pustet kräftig warme Luft durch unsere Haare. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was in dem Lufthauch so alles mit herumwirbelt. Die Maske sitzt.

16.42 Uhr. Wir werden nacheinander aufgefordert, uns in ein markiertes Quadrat zu stellen. Hier wird Fieber gemessen. An einem Stehtisch werden die Unterlagen noch einmal kontrolliert. Meine Mutter kreuzt noch schnell an, dass sie auf ein Arztgespräch vor der Impfung verzichtet. Sie sagt, sie weiß Bescheid.

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Nur zwei Minuten später stehen wir am Registrierungsschalter. Hier legen wir zum dritten Mal die Papiere vor. Die Krankenkassenkarte wird eingelesen. „Folgen Sie den Pfeilen gleich hier um die Ecke“, sagt eine freundliche Stimme. „Es hat was von Schnitzeljagd“, findet meine Mutter und lacht. Wir finden uns im Wartebereich wieder. Immer paarweise stehen hier gelbe und schwarze Stühle. Wir nehmen auf Geheiß Platz.

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16.49 Uhr. Wir dürfen sechs Plätze weiter rutschen. Mir kommen Kindergeburtstage mit der „Reise nach Jerusalem“ in den Kopf. Man sieht Menschen mit Rollator, im Rollstuhl. Nicht wenige sind körperlich angeschlagen, sehen erschöpft aus. Ich überlege, wann ich das letzte Mal mit so vielen Menschen in einem geschlossenen Raum war.

Um 16.54 Uhr werden wir zu einem jungen Mann an einem Stehtisch geschickt. Der checkt tatsächlich noch mal kurz die Papiere, fragt nach dem Impfausweis. Wer keinen hat, bekommt später eine Impfbescheinigung. Wir dürfen uns nun wieder hinsetzen, ein paar Plätze weiter vorn – und können den Eingang zu den Impfräumen zumindest schon mal sehen. Nach über einer Dreiviertelstunde wird es also langsam spannend. Meine Mutter muss mal eben auf die Toilette und ist gerade rechtzeitig zurück, als ich auf den ersten Stuhl vor dem Eingang vorrutschen darf.

17.04 Uhr. Es geht hinein in den Raum mit den Impfkabinen. Doch vor dem Pieks steht erst einmal – man ahnt es schon – die Kontrolle der Unterlagen. „Endlich, wurde ja auch mal Zeit, dass das jemand kontrolliert“, will ich scherzen, verkneife es mir dann aber lieber. Schließlich sind hier alle wirklich unglaublich nett.

17.08 Uhr. Durch einen himmelblauen Vorhang geht es hinein in die freie Kabine. Wir werden von einer jungen Frau freundlich empfangen. Sie empfiehlt meiner Mutter, den linken Arm frei zu machen, da sie Rechtshänderin ist. Und dann warten wir auf den Menschen, der impfen wird.

Um 17.15 Uhr ist es soweit. Jetzt geht alles ganz schnell. Ein kurzer Plausch, zwei Minuten später dann der Pieks für eine hoffentlich bessere Zukunft – meine Mutter ist geimpft. „Hat ja gar nicht wehgetan“, sagt sie, zieht den Pulli wieder an und wir marschieren – in den nächsten Wartebereich. Hier sind fast alle Plätze belegt. Es dauert, aber es ist ja sowieso eine gewisse Ruhezeit eingeplant nach der Impfung.

Dann endlich erhält meine Mutter die Impfbescheinigung – wir dürfen gehen. Einmal noch den Schnitzeljagd-Pfeilen entlang zum Ausgang folgen.

Um 17.55 Uhr sitzen wir wieder im Auto. Eine halbe Stunde später setzte ich meine Mutter zu Hause ab. In drei Wochen müssen wir dann zur zweiten Impfung ins Darmstadtium. Aber auch diese drei Stunden werden wir gemeinsam mit Humor meistern. Astrid Wagner